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Amerika

Gesundheitsreform auf dem Prüfstand

In den USA wird erwartet, dass der Oberste Gerichtshof diese Woche über die Gesundheitsreform entscheidet. DW-Reporterin Antje Binder hat eine Familie besucht, die die Entscheidung mit Sorge erwartet.

Wer die Geschichte der Familie Ritter kennt, dem erscheint ihr Haus im Südosten des Bundesstaats Pennsylvania fast ein wenig zu idyllisch. Sie leben in einer neuen Siedlung am Rande der Kleinstadt Manheim, in einem zweistöckigen Einfamilienhaus mit hellbrauner Holzfassade, wie man sie häufig in der Gegend sieht. Ein grauer Kombi steht in der Auffahrt, Rosen und Kamillen umrahmen den Eingangsbereich. Der Familienhund, Pudel Bailey, trollt sich auf den Treppen. Es riecht nach gemähtem Rasen und frisch gebackenen Keksen.

Stacie und Benjamin Ritter leben hier mit ihren vier Kindern Abby, Ethan und den Zwillingen Madeline und Hannah. Die eineiigen Zwillinge sind grundverschieden. "Ich bin der Hippie", sagt Madeline. Sie ist die Aufgeschlossene, die, die viel redet. Sie trägt einen Leinenrock und Holzschmuck, in ihrer Freizeit malt sie Bilder und bastelt Ohrringe. Hannah dagegen ist schüchtern und zurückhaltend. Sie trägt schwarzen Lidstrich und schreibt gerne Kurzgeschichten von Vampiren und Werwölfen. "Hannah ist eher der Goth", sagt Madeline über ihre Schwester.

Gesundheitsreform schafft "pre-existing condition" ab

Hannah und Madeline Ritter sind zwei typisch amerikanische Teenager, doch was sie mit ihren 14 Jahren durchgemacht haben, reicht für mehr als zwei Leben. Im Alter von nur vier Jahren erkrankten beide gleichzeitig an einer seltenen Form der Leukämie. Acht Monate kämpften sie im Krankenhaus gegen den Krebs bis ein Stammzellenspender aus Deutschland gefunden wurde. Gesund sind sie deshalb nicht. "Die Behandlung hört nicht auf, wenn man das Krankenhaus verlässt", sagt ihre Mutter Stacie Ritter. Die Krebstherapie hat bei den Mädchen Wachstumsschäden verursacht. Sie sind kleiner als ihre Klassenkameradinnen und überragen selbst ihre fünf Jahre jüngere Schwester Abby nur um einige Zentimeter. Bis heute sind sie auf teure Medikamente angewiesen.

Die vierjährigen Zwillingschwestern im Krankenhaus am Tropf Foto: Ben Ritter (DW Archiv)

Diagnose Leukämie: Im Alter von 4 Jahren erkrankten die Zwillinge

Hannah und Madeline Ritter haben Glück gehabt und den Krebs überlebt, doch jetzt gelten sie im US-Gesundheitssystem als Hochrisikopatienten. Der Begriff "pre-existing condition", zu Deutsch Vorerkrankung, schwebt wie ein Damoklesschwert über den Geschwistern. Lange Zeit lehnten amerikanische Krankenversicherungen Patienten mit schweren Vorerkrankungen ab oder boten ihnen Verträge mit unbezahlbar hohen Beiträgen an. Die Gesundheitsreform von Barack Obama verbietet diese Diskriminierung schon jetzt bei Kindern, ab 2014 auch bei Erwachsenen.

Sollte der Oberste Gerichtshof jedoch befinden, dass die Reform verfassungswidrig ist, könnten den Mädchen ihre Vorerkrankungen in Zukunft zum Verhängnis werden. Dann zum Beispiel, wenn ihr Vater Benjamin Ritter arbeitslos wird und die Familienversicherung wegfällt. Spätestens jedoch, wenn sie sich als Erwachsene selbst versichern müssen.

"Wir sprechen hier von tausenden Dollar an Beiträgen", sagt Stacie Ritter. Sie sitzt am Esstisch und spricht langsam und bedacht über die Krankheit ihrer Töchter und ihren Kampf mit den Versicherungen. In ihren Worten spiegelt sich eine tiefe Enttäuschung über das Gesundheitssystem ihres Landes wider. Wegen der Erkrankung der Kinder häufte die Familie 30.000 Dollar Schulden an. Unterstützung gab es keine. Ein halbes Jahr nachdem die Kinder krank wurden, musste die Familie 2004 in Insolvenz gehen. Zu hoch waren die Beiträge und Zuzahlungen für die Behandlungen.

Ständiger Streit mit der Versicherung

Nur weil Benjamin Ritter nach der Genesung der Zwillinge schnell wieder in seinen Job im technischen Support einsteigen konnte - er hatte sich zur Pflege der Kinder freistellen lassen - überstand die Familie die finanzielle Krise. Sie konnte ihre Schulden abbezahlen. Doch um die Medikamente, die Hannah und Madeline bis heute nehmen müssen, gebe es noch immer Streit mit der Versicherung, erzählt Stacie. Jeden Tag müssen sich die Zwillinge Wachstumshormone spritzen. Dutzende unscheinbare Kartons mit der Arznei stapeln sich im Kühlschrank der Familie. Umgerechnet 1300 Euro kostet das Medikament im Monat. Und immer wieder weigert sich die Versicherung, für die Medizin zu zahlen.

Die drei Schwestern der Ritter-Familie Foto: Antje Binder (DW)

Halten zusammen: Madeline und Hannah mit ihrer Schwester Abby (l.)

Seit der Erkrankung ihrer Kinder setzt sich Mutter Stacie aktiv für ein sozialeres Gesundheitssystem in den USA ein. Die 38-Jährige ist Demokratin und unterstützt die Reform von Barack Obama. Sie hält emotionale Reden für das neue Gesundheitssystem und trägt auf Demonstrationen Plakate mit Fotos ihrer leukämiekranken Kinder: Zwei Knirpse sind darauf zu sehen, mit viel zu großen Infusionsgalgen, die sie kaum bewegen können. Oder das Foto mit dem glatzköpfigen Papa Benjamin, der sich aus Solidarität mit den Mädchen den Kopf kahl scheren ließ. Die Kinder durften ihm die Glatze rasieren. "Ja, es ist hart, aber es ist der einzige Weg, auf solche Fälle aufmerksam zu machen", sagt Stacie.

Kinder demonstrieren für die Reform

"Menschen, die mich nicht kennen, entscheiden über mein Leben", ärgert sich Zwilling Madeline über das Verfahren vor dem Obersten Gericht. Wenn die 14-Jährige von Gesundheitspolitik, Prämien und Lobbygruppen redet, wirkt sie sehr erwachsen. Hannah und Madeline sind bei den meisten Aktionen und Reden ihrer Mutter Stacie dabei. Sie sprechen mit anderen Betroffenen, auch mit der Presse. In den Sommerferien fahren sie in ein Camp für Jugendliche, die Krebs überlebt haben. Später möchte Hannah Autorin werden, Madeline vielleicht in die Politik gehen. Mit gleichaltrigen Jugendlichen können sie sich über das Thema Gesundheitsreform nicht unterhalten. "Die verstehen das nicht", sagt Madeline.

Selbst viele Erwachsene haben Probleme, das fast 2000 Seiten dicke Gesetz mit seinen vielen Details zu verstehen. Das schürt Ängste und Unsicherheiten. Das Hauptanliegen des Gesetzes, eine Versicherungspflicht für alle, ist höchst umstritten. Knapp die Hälfte der US-Bürger ist laut Umfragen gegen das Gesetz. Sie fühlen sich in ihrer Freiheit beschnitten. Das staatlich verordnete Solidaritätsprinzip, bei dem die Gesunden für die Kranken zahlen, lehnen sie ab.

"Dabei machen wir das schon längst", sagt Stacie Ritter. Denn die Krankenhäuser sind gezwungen, in Notfällen auch Menschen ohne Krankenversicherung zu behandeln. "Die Kosten werden auf die umgelegt, die eine Versicherung haben, und zwar in Form von höheren Beiträgen", erläutert die Mutter. In der Entscheidung des Supreme Courts geht es genau um diese Versicherungspflicht. Erklären die Richterinnen und Richter sie für verfassungswidrig, wird die ganze Reform nicht mehr bezahlbar sein und ist dann zum Scheitern verurteilt.

Kosten sparen und Kranke besser versorgen

US-Supreme Court Foto: Jacquelyn Martin (AP)

Oberstes Gericht: Der Supreme Court könnte die Reform kippen

Dabei könnte das Gesetz das Gesundheitssystem, das bisher eines der teuersten der Welt ist, günstiger machen. Wenn jeder in die Versicherung einzahlt, ist mehr Geld vorhanden, das für Behandlungen eingesetzt werden kann. Und Präsident Obama löst in dem Zusammenhang ein weiteres großes Problem: Damit sich die Versicherungen das Geld nicht in die eigene Tasche stecken, verlangt das Gesetz auch von den Versicherungen, aufzuschlüsseln, wohin die Beiträge fließen.

In Zukunft sollen 85 Prozent allein für medizinische Behandlungen ausgegeben werden und nicht für Verwaltung oder etwa Managergehälter. Eine einheitliche Regelung gab es bisher nicht. "Jedes Jahr wurden die Konditionen zwischen Arbeitgeber und Krankenversicherung neu geregelt und jedes Jahr gingen bisher die Beiträge nach oben und der Service ließ nach", sagt Stacie Ritter. "Es geht den Versicherungen nur um den Profit, aber wir reden hier nicht über Konsumgüter, sondern über menschliches Leben."

Bisher wurden in den USA die Konditionen einer Krankenversicherung aber ähnlich gehandhabt wie die einer Autoversicherung. So gibt es zum Beispiel maximale Haftungssummen, sogenannte "lifetime caps". Sie geben an, wie viel Kosten der Versicherte in seinem Leben verursachen darf. Bei Hannah und Madeline ist nach jeweils zwei Millionen Dollar Schluss. Nicht viel für junge Krebspatienten. Unfair, finden auch die Demokraten und wollen bis 2014 sämtliche lifetime-caps abschaffen. Doch auch diese Regelung steht mit der Verhandlung im Supreme Court auf der Kippe.

Ginge es nach Präsident Obama, muss die Familie Ritter nicht befürchten, noch einmal wie 2004 insolvent zu werden. Die Zwillinge müssten sich nicht sorgen, später in keine Versicherung zu kommen, weil sie eine schwere Vorerkrankung haben. Sie könnten sicher sein, dass sie auch im Falle von Arbeitslosigkeit medizinisch versorgt sind. Das Urteil des Obersten Gerichtshof entscheidet darüber, ob Hannah und Madeline Ritter ein sorgloses Leben führen oder auch zukünftig um ihre Gesundheit kämpfen müssen.

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