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Global Ideas

Gesundheit im Klimawandel: Kleine Schritte, große Wirkung

Der britische Epidemie-Forscher Haines fordert "Einschnitte bei den Treibhausgasemissionen, um die Gesundheit der zukünftigen Generationen zu schützen". Ein Interview im Vorfeld des World Health Summit 2014 in Berlin.

Hirten in Somalia stehen vor Kadavern ihrer Tiere (Foto: dpa)

Anhaltende Dürren führten 2008 in Somalia zu Hungersnöten. Der Klimawandel wirkt sich über viele Wege auf die menschliche Gesundheit aus.

Der britische Epidemiologe Sir Andrew Haines leitete die London School of Hygiene & Tropical Medicine (LSHTM) für beinahe zehn Jahre. Die Schule ist die größte Einrichtung ihrer Art in Europa. Während seiner Führung erhielt die LSHTM 2009 den “Award for Global Health” der Bill & Melinda Gates-Stiftung für ihre Arbeit zur Verbesserung der Gesundheit armer Menschen. Andrew Haines sprach mit Global Ideas im Vorfeld des jährlichen World Health Summit, wie sich der Klimawandel auf die Gesundheit der Weltbevölkerung auswirkt. Er sagt, dass wir neue Wege gehen müssen, um die Öffentlichkeit davon zu überzeugen, sich im Kampf gegen den Klimawandel zu engagieren: "Wenn Sie den Menschen sagen, dass die Zukunft gefährlich ist und es schwierig wird, motiviert das nicht. Wenn sie glauben, dass sie nichts tun können, ist das eher bedrückend und sie werden nicht aktiv. Tatsächlich gibt es aber Möglichkeiten. Und ich denke, das müssen wir betonen."

Global Ideas: Die Verbindung zwischen Klimawandel und Gesundheit scheint ein ziemlich großes Thema zu sein, können Sie beschreiben, welche die wichtigsten Schnittstellen zwischen beiden sind?

Sir Andrew Haines (Photo: Andy Haines)

Dr. Andy Haines

Sir Andrew Haines: Es gibt drei große Fragen in Bezug auf Klimawandel und Gesundheit. Die erste ist die nach den möglichen Auswirkungen des Klimawandels auf die menschliche Gesundheit und die Anfälligkeit einzelner Bevölkerungsgruppen. Die zweite Frage ist, wie weit sich die Menschheit an den Klimawandel anpassen kann, also, ob wir einige der gesundheitlichen Auswirkungen reduzieren können. Und das dritte Thema ist, wie sich andere Maßnahmen - wie etwa die Reduzierung von Treibhausgasemissionen - auf die Gesundheit auswirken werden. Klimawandel wirkt über Jahrzehnte und Jahrhunderte. Das macht genaue Schätzungen schwierig, was die Auswirkungen sein werden. Maßnahmen zur Verringerung der Treibhausgasemissionen können sich mitunter kurzfristig positiv auf die Gesundheit auswirken, weil sie Luftverschmutzung verringern, Transport-Systeme verändern oder zu mehr körperlichen Aktivitäten führen können.

Wo sehen Sie heute die Auswirkungen des Klimawandels?

Es ist schwierig zu sagen, ob ein bestimmtes Wetter-Ereignis durch den Klimawandel hervorgerufen wurde oder nicht. Wissenschaftler sprechen in der Regel von Wahrscheinlichkeiten oder Risiko-Erhöhung. Also, der Klimawandel erhöht die Wahrscheinlichkeit von intensiven Hitzewellen, Überschwemmungen und Dürren. Zum Beispiel hat die europäische Hitzewelle 2003 rund 70.000 Menschen das Leben gekostet. Die Wahrscheinlichkeit einer solchen Hitzewelle hat sich durch den Klimawandel verstärkt und es ist recht wahrscheinlich, dass diese Hitzewelle durch den Klimawandel verursacht wurde, aber beweisen kann man das nicht.

Gewiss, wenn wir nach vorne schauen, sehen wir viel extremere Bedingungen auf uns zukommen. Ich denke, die größte Sorge im Moment ist, dass so viel Treibhausgas ausgestoßen wird, dass wir die Schwelle von zwei Grad mehr [Anm. d. R.: im Vergleich zum vorindustriellen Zeitalter] überschreiten, oberhalb der viele gefährliche Auswirkungen wahrscheinlicher werden.

Wo haben Menschen denn größere Auswirkungen des Klimawandels auf die Gesundheit zu befürchten: in ländlichen Gebieten oder auch in städtischen?

Eine Frau trinkt einen Schluck Wasser aus einer Flasche. (Foto: dpa)

Zunehmende Hitzewellen können auch eine Folge des Klimawandels sein.

Menschen in städtischen Gebieten sind auch betroffen. Hier wird es tendenziell oft heißer als in ländlichen Gebieten. Das nennt man den Wärmeinsel-Effekt. Aber natürlich sind ländliche Gebiete auch nicht vor Hitze und deren Auswirkungen gefeiht. Das betrifft vor allem Menschen, die im Freien arbeiten. Wir wissen aus Studien, dass die Arbeitsproduktivität ganz wesentlich in wärmeren Monaten sinkt, von einem Rückgang von 40 Prozent im Jahre 2100 ist da die Rede. Dieser Effekt wird in der Regel nicht in Modelle für diesen Zeitraum eingerechnet.

Können Sie einige Strategien skizzieren, wie wir auf diese Veränderungen reagieren müssen?

Die erste Maßnahme ist natürlich der Aufbau eines funktionierenden Gesundheitssystems in ärmeren Ländern. Wir müssen dafür sorgen, dass die Menschen dort mit den Folgen von Unterernährung, Infektionskrankheiten oder Erkrankungen verursacht durch verunreinigtes Wasser umgehen können. Das ist von entscheidender Bedeutung. Aber auch durch den Ausbau des Küstenschutzes kann viel erreicht werden, beispielsweise Schutz vor Überschwemmungen. Man muss den Menschen so weit wie möglich dabei helfen, sich an den Klimawandel anzupassen.

Vor dem Hintergrund, dass die Weltbevölkerung rapide wächst und die Menschen auch immer älter werden - wo müssen wir beginnen, aktiv zu werden?

Es gibt einen wachsenden Anteil älterer Menschen an der Weltbevölkerung. Nicht nur in Europa, sondern auch in anderen Teilen der Welt. Und natürlich sind sie anfälliger für die Auswirkungen des Klimawandels. Es ist sehr wahrscheinlich, dass wir neun oder zehn Milliarden Menschen auf der Erde bis zum Ende dieses Jahrhunderts haben werden. Daraus ergeben sich große Herausforderungen, um die Gesundheit rund um die Welt und unter all den verschiedenen klimatischen Bedingungen zu erhalten. Das Treibhausgas Kohlendioxid zum Beispiel bleibt mehr als hundert Jahre in der Atmosphäre, manche Partikel auch bis zu 1000 Jahre. Das heißt, wir müssen Treibhausgasemissionen jetzt einschränken, um die Gesundheit zukünftiger Generationen zu schützen. Das gilt genauso für kurzlebigere Treibhausbelastungen, durch Methan zum Beispiel oder schwarzen Kohlenstoff (Feinpartikel durch unvollständige Verbrennung von Biomasse): Auch sie bewirken eine Temperaturerhöhung, aber bleiben nicht so lange in der Atmosphäre. Wenn wir die auch reduzieren, können wir Klimaänderungen schon in naher Zukunft reduzieren. Letztendlich müssen wir beide Wege gehen.

Wie können wir die Menschen davon überzeugen, dass sie Maßnahmen ergreifen, anstatt dass sie das Problem als zu groß und unlösbar verstehen?

Eine Fahrradfahrerin im dichten Verkehr von Peking, China. (Foto: ddp images/AP/Ng Han Guan)

Menschen bewegen sich heute oft zu wenig, auch das kann zu Krankheiten führen.

Eines der besten Argumente, denke ich, ist, dass es viele Maßnahmen gibt, die Verbesserungen schon in naher Zukunft ermöglichen, aber auch langfristig den Klimawandels verlangsamen. Sagen wir mal so: Wenn wir weniger Kohle verbrennen, produzieren wir auch weniger Kohlendioxid und weniger Feinstaub und haben damit weniger Luftverschmutzung. Also wirkt sich der Wechsel von Kohle zu saubereren Energiequellen nicht nur in Bezug auf den Klimawandel positiv aus, sondern verbessert auch die Gesundheit der Öffentlichkeit. Es gibt viele andere Beispiele: mehr Hybrid- und Elektro-Fahrzeuge anstatt Diesel-Fahrzeuge, das reduziert ebenfalls die Luftverschmutzung. Aktiveres Unterwegssein, also zu Fuß oder mit dem Rad hat nicht nur Vorteile für die Luft, sondern auch für die körperliche Fitness und die Gesundheit an sich. Und wir wissen, dass sich viele Menschen in der heutigen Gesellschaft nicht genug körperlich betätigen. Das wiederum ist ein Hauptrisikofaktor für viele weit verbreitete Krankheiten, etwa Herzkrankheiten.

Was kann jeder selbst tun, um den eigenen CO2-Fußabdruck zu reduzieren?

Tatsächlich verursacht die Landwirtschaft einen großen Teil der Treibhausgas-Emissionen. Die höchsten Emissionen entfallen auf tierische Produkte, insbesondere Rinder. Wenn die Leute dazu gebracht werden könnten, weniger tierische Produkte zu konsumieren und stattdessen mehr Obst und Gemüse zu konsumieren, würde jeder einzelne seine Gesundheit verbessern und die Emissionen reduzieren. Das ist zwar leicht zu sagen, aber es ist alles andere als leicht, die Ernährungsgewohnheiten der Menschen zu ändern. Sie haben feste Überzeugungen und ihr Konsummuster. Es gibt außerdem eine steigende Nachfrage nach tierischen Erzeugnissen in Schwellenländern wie China zum Beispiel, und diese Bedürfnisse müssen bis zu einem gewissen Punkt auch thematisiert werden.

Handlungsaufforderungen aus dem Gesundheitssektor gab es bereits bei der Klimakonferenz in Durban im Jahr 2011 und ein Jahr später in Doha, seit wann ist das Thema Klimawandel und Gesundheit auf der wissenschaftlichen Agenda?

Persönlich habe ich mich mit dem Zusammenhang zwischen Gesundheit und Klimawandel seit den frühen 1990er Jahren beschäftigt. Es war nicht der einzige Schwerpunkt meiner Arbeit, aber ich habe seitdem dazu geforscht. Ein paar andere Kollegen haben auch schon vor vielen Jahren damit begonnen. Aber der Wandel des Themas zu einem Hauptthema im medizinischen Diskurs - das ist tatsächlich erst das Ergebnis der letzten Jahre. Eine Reihe von wichtigen Gesundheitsorganisationen hat erst seit kurzem eine starke Position zum Thema Klimawandel entwickelt.

Würden Sie sagen, dass die Aussicht auf eine Einigung unter den Gesundheitsorganisationen größer ist, als bei den jährlichen, teils frustrierenden Klimaverhandlungen?

Natürlich sind die Klimaverhandlungen die wichtigste Form von Vereinbarungen, ich meine, die Gesundheitsorganisationen können sagen was sie wollen, aber ohne eine starke Vereinbarung können wir den Klimawandel auch nicht verhindern. Ich denke, es gibt eine Menge von Bedenken und Frustration über die langsamen Fortschritte, weil es offensichtlich viele Interessenkonflikte gibt, etwa mit der Kraftstoffindustrie. Und auch wenn die Verhandlungen in Paris 2015 nicht zu einem Vertrag führen sollten, den wir alle sehen wollen - wir dürfen nicht einfach aufgeben, sondern müssen unsere Arbeit fortsetzen und versuchen, die Bevölkerung so weit wie möglich zu schützen und für eine Verringerung der Emissionen zu sorgen. Dabei dürfen wir nicht die armen Menschen vergessen. Denn eine der Nebenwirkungen von kohlenstoffarmen Technologien ist, dass sie teurer sind als konventionelle. Darum ist es so wichtig, sicherzustellen, dass die Armen einen Zugang zu erschwinglichen, kohlenstoffarmen Energiequellen haben.

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