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Wirtschaft

Gesucht: Geld für Tschernobyl-Schutzhülle

Der zerstörte Atomreaktor in Tschernobyl rottet vor sich hin, eine tickende Zeitbombe. An einer neuen Schutzhülle wird gearbeitet. Aber das Projekt hat finanzielle Sorgen – ein Baustopp droht. Deutschland soll helfen.

"Für so etwas gibt es weltweit kein Vorbild", sagt Jochen Flasbarth, Staatssekretär im deutschen Umweltministerium. "Natürlich gibt es da Unwägbarkeiten." Er meint die neue Schutzhülle, die bald über dem Unglücksreaktor des Atomkraftwerks Tschernobyl in der Ukraine stehen soll: 100 Meter hoch, über 165 Meter lang, errichtet in sicherer Entfernung zur immer noch strahlenden Atomruine.

Später soll die Hülle auf Schienen über den Reaktor geschoben werden. Dreimal so groß wie der Petersdom in Rom wäre die Konstruktion am Ende – wenn sie denn fertig gebaut wird. Denn aktuell fehlt das Geld. Das meint Flasbarth mit "Unwägbarkeiten".

600 Millionen Euro fehlen akut bis Jahresende. Der Bau ist teurer geworden als zunächst gedacht. Kommt das Geld nicht irgendwie zusammen, droht ein Baustopp.

Frisches Geld für die Hülle

Darüber will Flasbarth, zuständig für Energiefragen, in diesen Tagen (14.-16.10.2014) in Bonn mit seinen Kollegen aus der G7-Gruppe für Nuklearfragen sprechen. Die G8-Staaten -­ damals noch mit Russland - hatten der Ukraine schon vor Jahren versprochen, ihr beim Bau der Schutzhülle zu helfen. Jetzt muss frisches Geld her.

Vor über 28 Jahren, im April 1986, ereignete sich in der heutigen Ukraine der Atom-Super-Gau, der dem Atomkraftwerk Tschernobyl für alle Zeiten traurige Berühmtheit verschaffte. 4000 Menschen, so schätzt die Internationale Atomenergiebehörde, sind seitdem an den Folgen gestorben, andere Schätzungen sprechen von mehr als 100.000 Toten.

Der Gesamtschaden wird vorsichtig mit 180 Milliarden US-Dollar beziffert. Vor allem aber: Das Gebiet um den Unglücksreaktor ist immer noch hochgradig verstrahlt, der Betonmantel, der nach dem Unglück über den Reaktor gegossen wurde, ist schon lange brüchig.

Seit Jahren in Arbeit

Deutschland Umwelt Bundesumweltamt Jochen Flasbarth

"Weltweit kein Vorbild": Jochen Flasbarth

Deshalb baut ein französisches Konsortium schon seit Jahren die neue Schutzhülle. Ein Teil ist fertig, am zweiten wird gearbeitet. Derweil bröckelt der alte Reaktor vor sich hin - mit seinem Inventar von 200 Tonnen hochverstrahltem Material, inklusive der zerstörten Brennstäbe.

Erst wenn der neue Schutz fertig ist, kann darunter mit der Entsorgung der strahlenden Altlast begonnen werden. Dann werden wohl über 30 Jahre seit dem Gau vergangen sein. Denn dass die Konstruktion wie geplant nächstes Jahr fertig wird, glaubt niemand mehr.

"Wir sind jetzt aber sicher, dass wir entsprechende Verträge so gestaltet bekommen haben, dass wir über die nächsten vier bis fünf Jahre den Abschluss der Arbeiten sichergestellt sehen“, sagt Flasbarth dazu.

"Solidarität mit der Ukraine"

"Es kann nicht sein, dass aus Geldmangel wichtige Arbeiten nicht verrichtet werden", schimpft die Atomexpertin der Grünen, Sylvia Kotting-Uhl. Tatsächlich sind von den G7-Staaten wohl die USA, Deutschland, Kanada und Italien bereit, mehr Geld zu geben, aber Großbritannien, Japan und Frankreich halten sich zurück.

80 Millionen Euro hat Deutschland bislang für die Schutzhülle bewilligt, für dieses und für das nächste Jahr sind im Haushalt jeweils 7,65 Millionen Euro vorgesehen. Allen Beteiligten ist klar, dass das nicht reicht. Auf die Hilfe Russlands - auch das steht wohl fest - müssen die G7-Staaten verzichten: eine Folge des russisch-ukrainischen Konflikts derzeit.

Für Umweltschützer entsteht daraus eine Verpflichtung für die westlichen Staaten: "Diese Länder können und müssen voranschreiten. Gerade in dieser schwierigen politischen Situation ist jetzt Solidarität mit der Ukraine besonders wichtig", so Tobias Münchmeier, Atomexperte von Greenpeace gegenüber der DW.

Aber hier liegt auch ein Problem: Zur Zeit ist es schon schwierig genug, bei den G7-Regierungen für das Thema Tschernobyl überhaupt genug Aufmerksamkeit zu erregen - angesicht großer aktueller Krisen wie der Ebola- Epidemie in Afrika und den Kriegen in Syrien und der Ukraine.

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