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Afrika

Gestrandet - Somalische Flüchtlinge in Äthiopien

Die Hungernden am Horn von Afrika benötigen dringend die Hilfe der internationalen Staatengemeinschaft. Viele Ostafrikaner leben inzwischen unter schwierigsten Bedingungen in Flüchtlingslagern der Region.

Sherif Dahir, somalischer Flüchtling in Dolo Ado (Foto: Ludger Schadomsky/DW)

Sherif Dahir ist vor den Shabaab-Milizen nach Äthiopien geflohen

Rot unterlaufen sind die Augen des 18-Jährigen. Er spricht hastig, schaut immer wieder hilfesuchend zu den Umstehenden. Sherif Dahir ist am Morgen aus Mogadischu im Camp Dolo Ado eingetroffen. Eine Woche lang ist er mit Minibussen oder zu Fuß unterwegs gewesen. "In Mogadischu ist alles zerstört", berichtet er erschöpft. "Es gibt keine Regierung, die uns beschützt". Beschützen vor dem Hunger, der inzwischen zum Alltag der Somalis gehört wie die AK 47, die allgegenwärtige Schnellfeuerwaffe. Und vor den gefürchteten Milizen der islamistischen Al-Shabaab, dem Statthalter von Al-Kaida am Horn von Afrika. "Sie kommen in der Nacht und holen junge Männer wie mich aus den Häusern, um sie zum Kämpfen zu zwingen", erzählt der 18-Jährige. Gegen die Regierung und die Friedenstruppen der Afrikanischen Union würden sie eingesetzt. Und wer sich weigere, werde getötet.

Familie Kusow im Camp Dolo Ado in Äthiopien (Foto: Ludger Schadomsky/DW)

Familie Hassen wartet auf ein eigenes Zelt

Neben Dahir in der Schlange vor dem Camp-Büro des UN-Flüchtlingshilfswerks wartet Kusow Mayo Hassen mit seiner Familie. Nach dem Tod seiner Frau ist Kusow mit seiner Tochter Halima und deren zweijähriger Tochter zehn Tage lang durch unwegsames Gelände und durch die Linien der Al-Shabaab gelaufen, bis sie Dolo Ado erreichten. "Ich hatte noch ein Kamel, die übrigen sind zuvor an der Dürre gestorben", berichtet der 67-Jährige. "Also habe ich mein letztes Tier verkauft, damit wir unterwegs Nahrung für uns und das Kind kaufen können".

Nach einem Monat im Auffanglager wird die Familie Kusow an diesem Morgen in die 30 Kilometer entfernte, für 35.000 Flüchtlinge ausgelegte Zeltstadt Haloweyn gebracht. Der alte Mann ist sichtlich aufgeregt. Angesichts der völlig ausweglosen Situation in der Heimat wird er in dem neuen Camp die nächsten Monate, wenn nicht gar Jahre zubringen.

Die Hälfte der Kinder unter fünf Jahren ist unterernährt

Flüchtlinge im Camp Dolo Ado werden medizinsch versorgt (Foto: Ludger Schadomsky/DW)

Krankenstation: Viele Kinder sind extrem unterernährt

Während die Kusows und drei Dutzend andere Familien von Helfern zu den Bussen geleitet werden, widmen sich die Ärzte im Lager weiter den Neuankömmlingen. In blauen Plastikeimern werden Säuglinge gewogen und gemessen, um Mangelerscheinungen zu diagnostizieren. "Jeden Tag kommen etwa 1.200 neue Flüchtlinge zu uns, davon screenen wir 600", berichtet Phil James von der Hilfsorganisation "Aktion gegen Hunger". Von den Kindern sind zwischen 30 und 60 Prozent extrem unterernährt, so der Helfer.

Franzosen und Holländer betreiben die Krankenstation von Dolo Ado, auch eine deutsche Logistikerin ist vor Ort. Hier werden die schwersten Fälle behandelt, die Kleinen bekommen nährstoffangereicherte Trinklösungen und Antibiotika gegen die vielen Infektionen. Die ersten Fälle von Masern sind aufgetreten, der Ausbruch einer Cholera-Epidemie ist eine ständige Gefahr. Dringend warten die Helfer hier auf die Wasseraufbereitungsanlagen des deutschen Technischen Hilfswerkes, die die äthiopische Regierung nur schleppend aus dem Zoll entlässt. In der Zwischenzeit muss die tägliche Wasserration von zehn auf drei Liter reduziert werden.

Neues Zuhause in Äthiopien

Am Nachmittag kommt nach beschwerlicher Reise über steinige Pisten die Kusow-Familie aus dem Auffanglager in ihrem neuen Leben an. Die weißen Zelte mit dem blauen Emblem der UN strecken sich bis zum Horizont. Sogar ein paar Mini-Shops gibt es, sie verkaufen Kekse und ein paar Zwiebeln. Eine somalische Mobilfunk-Karte kostet 44 äthiopische Birr, umgerechnet zwei Euro. Wer es sich leisten kann, der versucht seine Verwandten daheim in Somalia zu kontaktieren.

Camp Dolo Ado (Foto: Ludger Schadomsky/DW)

Letzte Rettung: Die Zeltstadt Dolo Ado

Empfangen werden die Kusows von Anna Menuto vom UN-Flüchtlingshilfswerk. "Sie haben jetzt zunächst Anspruch auf zwei Tagesrationen warmes Essen", erzählt die Spanierin. "Zusätzlich bekommen sie Plastikkanister, einen Eimer, Seife, Schlafmatratzen, Küchenutensilien zum Kochen und eine Decke für die Nacht". Die zweijährige Tochter Halima Kusow wird derweil gewogen und gemessen, sie hat sich im Auffanglager offenbar gut von den Strapazen des Trecks erholt.

Vor Sonnenuntergang packen die äthiopischen Krankenschwestern die medizinischen Geräte in die Allradfahrzeuge und fahren zum Hauptlager zurück. Morgen früh um sechs Uhr werden sie wieder hier sein, dann ist die Hitze noch erträglich und sie werden wieder 600 Kinder untersuchen. Einige werden sie auf die Krankenstation verlegen müssen. Der 67-jährige Mayo Hassen Kusow kauert etwas abseits im glühend heißen Sand, in den Händen die überlebenswichtigen Rationsmarken. "Meiner Enkelin geht es gut", sagt er dankbar. Auch das neue Lager gefalle ihm. "Hier werden wir genug Nahrung bekommen und medizinisch versorgt", glaubt er. "Ja, hier sind wir gut aufgehoben".

Autor: Ludger Schadomsky
Redaktion: Julia Hahn/Jan-Philipp Scholz

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