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Nahost

Gestrandet in Tel Aviv

Zehntausende Afrikaner haben in Israel Zuflucht gesucht. Dort landen viele allerdings auf der Straße. Und ihnen droht die Abschiebung in ihr Heimatland.

Ibrahim schläft schon seit zwei Monaten zwischen den Bäumen im Park Levinski. Er ist vor der Gewalt aus seinem Heimatland, dem Sudan, geflohen. Wie fast alle Flüchtlinge hier möchte er seinen Nachnamen lieber nicht nennen. Sein größtes Problem sei, dass er nicht arbeiten dürfe, sagt Ibrahim: "Das ist so auf meinem Visum vermerkt und deshalb kann ich offiziell kein Geld verdienen." Trotzdem stehe er jeden Tag an der Straßenecke und warte darauf, dass ihn jemand einstelle.

Viele Flüchtlinge leben in diesem Park im Süden Tel Avivs.

Viele Flüchtlinge leben in diesem Park im Süden Tel Avivs.

Ähnlich wie Ibrahim geht es 60.000 afrikanischen Flüchtlingen, die laut offizieller Statistik in den vergangenen fünf Jahren illegal nach Israel eingereist sind. Viele von ihnen kommen aus dem Sudan und aus Eritrea. Über die Halbinsel Sinai in Ägypten haben sie Israel erreicht. Bis zu 3000 Dollar kostet sie die Fahrt auf einer Lastwagenpritsche ins vermeintlich gelobte Land.

Doch einmal dort angekommen, gibt es keinerlei Einrichtungen, die sie aufnehmen könnten. Ohne Arbeitserlaubnis warten sie meist darauf, zumindest offiziell als Flüchtlinge anerkannt zu werden. Und viele enden dann völlig mittellos auf der Straße.

Das Spiel mit der Angst

So auch Mohammed aus Eritrea. Er ist 26 Jahre alt und lebt seit einem Monat in Israel. In seiner Heimat Eritrea habe man ihm erzählt, Israel sei ein gutes und sehr demokratisches Land. "Seitdem ich hier bin, weiß ich aber, dass das nicht stimmt", sagt Mohammed. "Für Flüchtlinge gibt es hier keinen Respekt, keine Unterkünfte, keine Arbeit - gar nichts."

Die Flüchtlinge sind immer häufiger rassistischen Übergriffen ausgesetzt. Einige Bewohner Tel Avivs werfen ihnen vor, für Diebstähle, Raub und Vergewaltigung in der Stadt verantwortlich zu sein, und machen deshalb Jagd auf die ungeliebten Einwanderer. Angestachelt werden sie von rechtsgerichteten Politikern, die behaupten, die afrikanischen Flüchtlinge seien eine Gefahr für den jüdischen Staat.

Die Politiker wollen den afrikanischen Einwanderern nur Angst einjagen, sagt Oscar Olivier von der "Hotline for Migrant Workers". Dabei spielten manche Politiker mit der Angst vor ihrem fremdartigen Aussehen. "Über die rund 200.000 Flüchtlinge aus anderen Teilen der Welt redet niemand. Vor den 60.000 Afrikanern aber fürchten sich alle."

Eine Mahlzeit gegen den Rassismus

Einige Anwohner rund um den Park Levinski wollen dem jedoch etwas entgegensetzen. Seit fünf Monaten versorgen sie die Flüchtlinge im Park mit Nahrung. Jeden Tag verteilen sie bis zu 700 Mahlzeiten.

Jeden Abend um 18 Uhr verteilen Anwohner kostenloses Essen an die Flüchtlinge.

Jeden Abend verteilen Anwohner kostenloses Essen an die Flüchtlinge.

Yigal Shtayim ist Initiator des Projekts. "Wir haben genug vom Rassismus", sagt er. Deshalb tun er und seine Mitstreiter alles, um den Menschen im Park zu helfen. "Manche haben Hunger, andere sind krank und müssen versorgt werden", so Shtayim. Er und seine Mitstreiter seien eingesprungen, weil der Staat Israel und die Stadt Tel Aviv ihre Verantwortung nicht wahrnähmen.

Im Levinski-Park hat sich die Lage seit Anfang Juni weiter angespannt. Nach Unruhen zwischen Anwohnern und Flüchtlingen nahm die israelische Polizei etwa 300 Einwanderer aus dem Südsudan fest. Rund 1500 Südsudanesen sollen nun abgeschoben werden. Am Sonntag (17.06.2012) wurde die erste Flüchtlingsgruppe per Flugzeug in den Südsudan zurückgeschickt. Dafür, dass sie sich schriftlich zur Ausreise bereit erklärt hatten, erhielt jeder der Flüchtlinge umgerechnet 1000 Euro. Wären sie auf dieses Geschäft nicht eingegangen, dann hätte die Polizei sie festgenommen.

Zurück wohin?

Abdelaziz hat es noch nicht erwischt. Weil er aus der von Konflikten zerrütteten Region Darfur im Norden des Sudan kommt, genießt er einen besonderen Schutz, das haben die Vereinten Nationen beschlossen. Doch er befürchtet, dass dieser Schutz eines Tages aufgehoben werden könnte.

Abdelaziz stellt die entscheidende Frage selbst: Wohin soll er gehen, wenn er zurückgeschickt wird? "Der Ort, aus dem ich komme, wurde niedergebrannt", sagt er. Viele Menschen dort seien getötet worden und der Großteil seiner Familie sei geflohen. Er habe keine Heimat mehr, in die er zurückkehren könne. "Außerdem laufe ich Gefahr, im Sudan festgenommen oder sogar getötet zu werden."

Zunächst einmal wird Abdelaziz in Israel bleiben können. Allerdings wohl nicht länger im Park Levinski in Tel Aviv. Für Flüchtlinge wie ihn, die nicht abgeschoben werden dürfen, lässt die israelische Regierung derzeit ein Internierungslager für 12.000 Menschen bauen. Ort des Bauprojekts: die Wüste Negev im Süden des Landes, weit weg von Israels Städten und ihren Parks.

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