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Nahost

Gestrandet in der Wüste: Palästinensische Flüchtlinge

Seit Monaten sitzen Hunderte irakischer Palästinenser an der irakisch-syrischen Grenze fest. Weil sie keine eigene Staatsangehörigkeit haben, gibt es für sie keine Möglichkeit zur Flucht.

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Flüchtlingslager an der irakisch-syrischen Grenze

Ein Lastwagen fährt auf einer staubigen Straße. Dicht daneben stehen die Zelte des Flüchtlingslagers.

Lastwagen fahren dicht am Flüchtlingslager vorbei

Im Minutentakt donnern schwer beladene LKW an den windigen Zelten am Rande der Hauptverkehrsstraße Damaskus-Bagdad vorbei und jeder hinterlässt eine Wolke aus Abgasen und Sand. Die Zelte dienen 350 Flüchtlingen als Unterkunft. Wie Millionen andere irakische Zivilisten möchten auch sie aus einem Land fliehen, in dem Explosionen und Anschläge inzwischen zum Alltag gehören. Vor einigen Monaten hatte Syrien eine Gruppe Palästinenser einreisen lassen und damit Hunderte weiterer zur Flucht in das Land ermutigt. Daraufhin schloss Damaskus seine Grenzen wieder für Palästinenser. Weil es keinen palästinensischen Staat gibt, haben sie keine Staatsangehörigkeit und werden darum auch von keinem anderen Land aufgenommen. Seit fast sechs Monaten sitzen diese Flüchtlinge nun schon im Niemandsland zwischen Irak und Syrien fest - unter ihnen sind auch 130 Kinder.

Eimer dient als Toilette

Samiras Söhne können nicht alleine aus dem Zelt, die beiden Teenager sind blind. Ein paar Matratzen und ein Fernseher sind ihr neues Reich. Samira zeigt auf drei Plastikschüsseln, die als Bad und Küche in einem dienen. Ein Eimer dient als Toilette - gleich daneben die Wanne zum Waschen, in einer weiteren spült sie das Geschirr. Samira entschuldigt sich für den Anblick. Auch ein Gaskocher findet noch Platz im Zelt, zudem dient es als Lager für Vorräte und Kleider. "Jede Nacht kommen Mäuse, sie essen alles, Brot, Reis, und sie hinterlassen überall ihren Dreck", berichtet Samira.

In Bagdad wohne die Familie in einem großen Haus mit neuesten Haushaltsgeräten, erzählt die 37-Jährige. Ihr Mann arbeite bei einer Mobilfunkfirma. Doch dann habe es mit den Drohungen angefangen - am Telefon und ganz direkt. Einmal habe sie ihre Tochter von der Schule abgeholt, als sie ein Polizeiwagen anhielt: "Ein Vermummter hat mir seine Pistole an den Kopf gesetzt, ich hatte Angst, er würde mich erschießen. Er sagte, 'wir wollen keine Palästinenser im Irak, denn Saddam hat euch gemocht. Wir werden euch alle umbringen'."

Gewalttätige Milizen bedrohen Flüchtlinge

Palästinenser Flüchtlingslager an der Grenze Syrien Irak Frauen

Palästinensische Frauen im Flüchtlingscamp an der Grenze

Unter Saddam Hussein ging es den Palästinensern verhältnismäßig gut. Sie durften arbeiten, studieren und wurden staatlich gefördert. Dafür müssten sie nun büßen, meinen gewalttätige Milizen, die weite Teile Bagdads kontrollieren. Sie verschicken Drohbriefe an die Palästinenser.

Dschalal, ein 37-jähriger Ladenbesitzer, zieht einen weißen Zettel mit roter Schrift aus seinem Geldbeutel und übersetzt den Text des mit zwei Bluttropfen signierten Dokuments: "An Dschalal. Eure Zeit ist gekommen. Verschwindet von hier, sonst bringen wir euch um". 3000 Dollar hätten sie von ihm gefordert und sein Haus beschlagnahmt. Da habe er bezahlt und sie seien abgehauen. "Was ist unser Verbrechen? Palästinenser zu sein?", fragt Dschalal und zeigt in Richtung Straße. Alle paar Minuten kommen dort voll besetzte Geländewagen vorbei - irakische Familien mit ihrem Hausrat auf dem Dach.

Seit dem Krieg flohen mindestens 700.000 Iraker nach Syrien, die Wohnungspreise in Damaskus sind explodiert. Trotzdem ist die Grenze für Iraker weiterhin geöffnet, denn im Gegensatz zu den Palästinensern haben sie ein Land, in das sie zurückkehren werden. Dschalals Schwester Chitam hat dafür kein Verständnis: "Sie sollten uns aufnehmen, nicht die Iraker. Denn die Iraker haben ein Land, wir nicht. Wir sitzen in der Wüste mit unseren Kindern und wissen nicht, was aus uns wird." Wenigstens auf sein Staatsgebiet sollte der syrische Staat sie lassen, damit sie sicher seien."

Zwei Mal schon sind bewaffnete Iraker bis zum Lager vorgedrungen und haben die Palästinenser bedroht. Doch Damaskus weigert sich, die Gestrandeten ins Land zu lassen. Es geht ums Prinzip. Seit Jahrzehnten nimmt Syrien großzügig Flüchtlinge auf: Armenier, Palästinenser, Iraker und zuletzt Libanesen zu Hunderttausenden. Statt Anerkennung erntet das Land jedoch international Kritik.

UNO lobt Syriens Flüchtlingspolitik

Laurens Jolles, der UNO-Verantwortliche für das Lager, lobt Syriens Umgang mit Vertriebenen und fordert die Staatengemeinschaft zu mehr Engagement auf. Es ginge um eine kleine Anzahl von Leuten, nur sei es Syriens Problem, dass - sobald es 300 Flüchtlinge ins Land ließe - 300 weitere an der Grenze nachrücken würden. Insgesamt seien noch 10.000 bis 20.000 Palästinenser im Irak. Würde man diese auf mehrere Länder verteilen, so wäre das Problem gelöst.

Bis dahin sind die Flüchtlinge auf Spenden angewiesen. In Damaskus lebende syrische Palästinenser versorgen ihre Landsleute an der Grenze mit frischem Gemüse, Fleisch und Hygiene-Artikeln. Zu den Festtagen am Ende des Ramadan haben die Helfer auch Spielzeug und Süßigkeiten mitgebracht. Ein Vater wartet mit seinen drei Kindern geduldig, bis sie an der Reihe sind. "Mein Sohn hier hatte in Bagdad einen Computer; er ist clever. Aber was ist das für ein Leben jetzt? Wir sind wieder in der Steinzeit gelandet!"

Hilflosigkeit und Trauer

Dem 33-jährigen steigen Tränen in die Augen. Gestern hat er erfahren, dass sein Laden in Bagdad in die Luft gesprengt wurde. Viele der Flüchtlinge sind tief gefallen: von einer erfolgreichen Existenz als Händler, Ingenieur oder Lehrer ins Nichts der Wüste. Abu Asil, der Sprecher der Palästinenser, betont, die meisten könnten für sich selbst sorgen, wenn sie nur die Chance dazu bekämen. "Alles was wir wollen, ist ein Ort, an dem wir in Sicherheit leben können."Das müsse nicht unbedingt Syrien sein. Aber Abu Asil fragt sich, wo die Hilfe der anderen bleibt: die der palästinensischen Autonomiebehörde, der arabischen Welt, der internationalen Gemeinschaft, der Menschenrechtsgruppen oder der humanitären Organisationen. Dabei kommt es ihm nicht auf Geld an: "Wir wollen keine Spenden, wir wollen eine Lösung!"

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