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Sport

Gestrandet in den Fluten von Recife

Recife: Eine Stadt, die DW-Reporter Joscha Weber so schnell nicht vergessen wird. Erst die Flut, dann das Verkehrschaos und schließlich die Erkenntnis: Flieger verpasst. Ein WM-Tag zum Abhaken…

Gut 24 Stunden nach dem ich heute - oder inzwischen muss ich sagen: gestern - aufgestanden bin, sind alle Akkus leer: Der vom Laptop, die in beiden Handys und mein persönlicher auch. Mit dem letzten bisschen Energie werden diese Zeilen hier noch schnell niedergeschrieben. Schließlich soll niemand glauben, so eine Weltmeisterschaft sei für einen Sportjournalisten quasi bezahlter Urlaub.

Um 0:45 Uhr geht der Wecker, um 2:00 Uhr die Fähre, um 4:20 Uhr der erste Flieger ab Porto Seguro. Es folgen zwei Zwischenlandungen in Salvador und Aracaju, bevor wir endlich in Recife landen. Dann geht es mit dem ersten Shuttle in die Stadt durch den dichten Verkehr und den noch dichteren Regen. Manche Straßen sind unbefahrbar, doch irgendwie erreichen wir das nächste Etappenziel: Ein FIFA-Hotel, an dem der nächste Bus abfährt, zum Stadion. Der Weg führt durch weitere überflutete Straßen und siehe da: am Flughafen vorbei. Wir sind jetzt wieder da, wo wir eben losgefahren sind, wunderbar.

Das brasilianische Venedig kennt keine Gnade

Recife, wegen seiner Kanäle und Inseln das Venedig Brasiliens genannt, läuft nun vollends über. An mehreren Stellen fließt das Wasser gar nicht mehr ab, es bilden sich tiefe Seen, in denen Autos halb versinken. Menschen schieben Motorräder und Autos, die längst nicht mehr fahrtüchtig sind, durch das Wasser.

Landunter in Recife und keine zwei Stunden mehr bis zum Anpfiff. Im Schneckentempo quälen wir uns mit der Blechlawine langsam Richtung Stadion. Zwischendrin: Absprache mit der Redaktion, ein paar Tweets raus senden, die letzten Infos zum Spiel checken. Schaffen wir es überhaupt noch rechtzeitig? Irgendwann sind wir dann tatsächlich vor dem Stadion, einem weißen Tempel irgendwo an der Peripherie von Recife. Ein typisches FIFA-Stadion: kühl, modern und mit viel Platz drumherum.

Die Zettel-Wirtschaft der FIFA

Durch den Dauerregen geht es zu Fuß zunächst zum Akkreditierungszentrum am anderen Ende des Stadions, dann wieder zurück ins Medienzentrum und wieder raus zum "TV-Compound". Überall holt man sich kleine oder größere Karten und Zettel, die für irgendeine Tür im Stadion wichtig sind. Ohne diese Tickets ist man nämlich ein Niemand im Reich der FIFA, muss draußen bleiben, bekommt nichts mit. Klatschnass wie später Jogi Löw an der Seitenlinie und mit reichlich Wasser in den Schuhen geht es bewaffnet mit den Zetteln wieder ins Stadion. Als ich endlich mit dem richtigen Ausweis die Pressetribüne betrete, hat das Spiel schon angefangen. Na prima.

Brasilien Fußball WM DW-Reporter Joscha Weber

DW-Reporter Joscha Weber

90 intensive Minuten später stehen Deutschland und die USA im Achtelfinale. Für uns Journalisten beginnt jetzt die "richtige" Arbeit. Eilig werden die Notizen zum Spiel in eine erste Form gebracht, dann den Trainern auf der Pressekonferenz gelauscht. Schließlich noch in der so genannten Mixed Zone, einem langen Flur, durch den die frisch geduschten Spieler müssen, ein paar Statements eingeholt, bevor es zum Schreiben wieder ins Medienzentrum geht. Kurze Zeit später kommt aber schon der Shuttle. Wir müssen los zum Flughafen, der Verkehr soll wieder recht dicht sein.

Der Stau des Jahrhunderts

Das ist gelinde gesagt ziemlich untertrieben. Der Stau des Jahrhunderts erwartet uns auf den Straßen von Recife, die immer noch geflutet sind. Vorwärts geht es allenfalls zentimeterweise. Während ich fleißig an meinen Texten schreibe, verrinnt die Zeit und wir stecken noch immer fest. Zu allem Überfluss geht auch das mobile Internet nicht mehr, der fertige Text kann so nicht raus. Passt irgendwie in die Gesamtsituation.

Vier Stunden werden wir am Ende brauchen für knapp 25 Kilometer zum Flughafen, das hätten wir auch zu Fuß geschafft. Der Flieger ist leider ohne uns geflogen, das war's für heute, gestrandet in Recife. Mit viel Glück entgehen wir einer Nacht auf den harten Stühlen im Terminal und finden noch ein freies Hotel in der sonst ausgebuchten Stadt. Dort angekommen, schnell noch diese letzten Zeilen schreiben, die eigentlich noch einen knackigen Schluss bräuchten. Doch seht's mir nach, dafür ist heute keine Energie mehr da…

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