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Geschichte

Gesternstadt: "Wir sprechen nicht über die Vergangenheit"

Johannes Epple ist neben dem KZ Mauthausen aufgewachsen. Seine Erinnerungen hat er in einem Roman verarbeitet. In einem Gastbeitrag schildert er, wie schwierig der Umgang mit dem NS-Erbe für die Bevölkerung ist.

Johannes G. Epple (Foto: Lukas Beck)

Johannes G. Epple

"Weißt du, was es heißt nach seiner Herkunft gefragt zu werden? Weißt du, was es heißt, 'Mauthausen' antworten zu müssen?" Diese Frage stellt sich Paul, eine Figur aus dem Roman Gesternstadt. Es ist jene Frage, die jeden Menschen trifft, der an einem Ort wie Mauthausen lebt.

Die Frage nach dem Ort seiner Herkunft wird zum Problem, wenn dieser Ort mit einem Tabu belastet ist. Wir sprechen nicht über die Vergangenheit, so lautet das Credo, das in Mauthausen vorherrscht. Die Qualität eines Tabus zeigt sich an den Grenzen seines Wirkungsbereiches. In Gusen – dem Ort des größten Nebenlagers des ehemaligen Konzentrationslagers Mauthausen – kommt es immer wieder zu Auseinandersetzungen zwischen den Bewohnern und den Besuchern der Gedenkstätte. Wie kann man hier leben? Wie kann man an so einem Ort seine Kinder erziehen?

Die Gedenkstätte Konzentrationslager Mauthausen (Foto: Getty Images)

Die Gedenkstätte Konzentrationslager Mauthausen

Diese Fragen stören. Sie stören so sehr, dass sie als Beleidigungen und Einmischungen in die Privatsphäre aufgefasst werden. Dennoch sind solche Fragen legitim. Wenn es ein Widerspruch ist in Mauthausen und Gusen zu leben, wenn dennoch das Leben an solchen Orten floriert, dann sind Fragen der Ausdruck dieses Widerspruchs, ja der Widerspruch selbst gegen verkrustete Verhältnisse, die eine Idylle vorgaukeln, wo Kritik stattfinden sollte.

Der Blick hinter die Idylle

Die Idylle ist ein Lebensgefühl, in dem verdrängte Wahrheit und gelebte Lüge zu einer eigenständigen Haltung amalgamieren. Aber jede Idylle hat einen schmutzigen Untergrund. Er ist der Nährboden für Fragen, die hin und wieder auftauchen und die Oberfläche verdunkeln. Zurzeit sind die Wiener Philharmoniker unangenehmen Fragen ausgesetzt. Mit ihren Antworten zeigen sie unfreiwillig jene Widersprüche, die charakteristisch für den österreichischen Umgang mit der NS-Vergangenheit sind.

Stellen sich nun auch der eigenen Vergangenheit: die Wiener Philharmoniker (Foto: Wiener Philharmoniker)

Stellen sich nun auch der eigenen Vergangenheit: die Wiener Philharmoniker

Im Falle des Wiener Parade-Orchesters wird offenbar, wie schwierig die Aufgabe ist, sich der eigenen Vergangenheit zu stellen. Nur zögerlich werden die Orchesterarchive geöffnet, berichtet die Tageszeitung Der Standard. Die Grünen kritisieren den Relativismus, mit dem der Orchester-Vorstand Clemens Hellsberg der NS-Vergangenheit begegnet. Die Widersprüche, in die sich Hellsberg verheddert, sind zweifacher Natur: Zum einen deutet er das Neujahrskonzert 1939 als verdeckte Widerstandsleistung, obwohl namhafte Historiker nachweisen konnten, dass das Konzert das Ergebnis einer nationalsozialistischen Kulturpolitik war. Zum anderen äußern die Philharmoniker kein Bedauern über die zahlreichen Musiker, die durch die NS-Machthaber aus ihren Reihen entfernt wurden.

Zugleich stört es Hellsberg nicht, dass dem verurteilten Kriegsverbrecher Baldur von Schirach der Ehrenring der Philharmoniker 1966 (!) verliehen wurde. Erst der öffentliche Druck ermöglichte die Einsetzung einer unabhängigen Historiker-Kommission, die die Verstrickungen des Orchesters in das NS-System aufarbeiten soll. Erste Ergebnisse werden im März 2013 erwartet.

Zukunftsprojekt: "Bewusstseinsregion"

Es geht aber auch anders. Dies zeigt ein Projekt, dass in Mauthausen und Umgebung initiiert wurde. Unter dem Namen Bewusstseinsregion arbeiten die Gemeinden Mauthausen, Langenstein - Gusen und St. Georgen an einem regionalen Identitätskonzept, dass sich der nationalsozialistischen Vergangenheit stellt und zugleich den Bogen in die Zukunft spannen möchte. Ein wesentliches Ziel ist, die Menschen, die im unmittelbaren Umfeld der ehemaligen Lager leben, zu unterstützen einen lebbaren Umgang mit der Vergangenheit zu finden. Hierzu sind die Bewohner der Gemeinden eingeladen, sich in Kreativ-Workshops und Bürgerforen in die Konzepterstellung einzubringen. "Wir sind sehr zufrieden. Das Interesse der Bevölkerung ist größer als wir gedacht haben. Es gab hohes Engagement und wirklich kreative Ideen", sagt Brigitte Halbmayr, die im Management des Projekts engagiert ist.

Die Befreiung des Lagers 1945 (Foto: Getty Images)

Die Befreiung des Lagers 1945

Im Fokus der Bewusstseinsregion steht ein ertragreiches Lernen für die gesellschaftlichen Probleme der Gegenwart. Die involvierten Gemeinden wollen sich als eine Region positionieren, die offensiv für Demokratie, Freiheit und Menschenrechte eintritt. Aus dieser Perspektive bekommt eine Idee einen besonderen Stellenwert: Es geht darum, die Region um Mauthausen als demokratiepolitisches Pendant zum Tiroler Bergdorf Alpbach zu positionieren, das jährlich weit über 3.000 Wissenschaftsinteressierte zu Diskussionen und Vorträgen bekannter Forscher anzieht. "Was Alpbach für die Wissenschaft ist, wollen wir für die Menschenrechte werden", erklärt St. Georgens Bürgermeister Erich Wahl in einem Interview mit den Oberösterreichischen Nachrichten.

Das Konzept der Bewusstseinsregion als Gegenprogramm zur philharmonischen Idylle? Ja, definitiv. Mit der aktiven Auseinandersetzung bröckeln die Tabus und mit ihnen die Idylle. Offen zu Tage tritt eine historische Wahrheit, die niemand so haben will, die jedoch da ist und bei allem Schrecken kreative Potentiale für die Zukunft bietet.

Im Roman Gesternstadt träumt Paul von einem Museum der Zukunft. In den Gemeinden Mauthausen, Gusen und St. Georgen wird daran gearbeitet.

Das Buchcover von Gesternstadt (Foto: Labor Verlag)

Das Buchcover von "Gesternstadt"

Der Roman Gesternstadt widmet sich dem Leben in Mauthausen und Gusen, zwei Orten, die sich durch nationalsozialistische Vergangenheit auszeichnen. Paul kehrt aus Berlin nach Mauthausen zurück, da sein Onkel Michael im Sterben liegt. Von Michael erfährt er, dass er ein Haus erben soll, in dem Teile der Kommandantur des Konzentrationslagers untergebracht waren. Paul beginnt sich mit dem Ort auseinanderzusetzen, dabei schweift er weniger in die Vergangenheit ab, als dass er sich mit der unmittelbaren Phänomenologie der Vergangenheit in Form von alten Bauwerken, scheinbarem Unrat in den Wäldern und den Häusern in Gusen beschäftigt, von denen er erfährt, dass sie noch aus der Zeit des Lagers stammen und über die Jahre zu Einfamilienhäusern umfunktioniert wurden. Je mehr Nachforschungen Paul anstellt, umso virulenter wird die Frage, wie ein Leben an einem Ort wie Mauthausen möglich ist. "Wir leben in einem Museum", sagt er, "wie ist Zukunft in einem Museum möglich?"

Johannes Epple: Gesternstadt, gebundene Ausgabe 224 Seiten, Labor Edition a, Wien 2012, ISBN: 978-3902800053

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