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Politik

Gespannte Ruhe nach Anschlägen in Indien

Um nach den Anschlägen auf einen Hindu-Tempel in Indien Unruhen zu verhindern, sind alle Bundesstaaten in Alarmbereitschaft versetzt worden. Radikale Gruppen wollen die Wut über den Angriff zur Mobilisierung nutzen.

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BJP-Aktivisten demonstrieren am Tag nach den Anschlägen in Varanasi

Anschläge in Benares Indien

Ein Polizist hält nach dem Anschlag Wache vor dem Hanuman-Tempel

Die Hindunationalisten reagierten schnell. Wenige Stunden nach der Anschlagsserie im nordindischen Varanasi (Benares) riefen die Oppositionspartei BJP und der radikale Weltrat der Hindus (VHP) für den nächsten Tag zu einem Proteststreik auf. In Varanasi blieben am Mittwoch (8.3.2006) die meisten Geschäfte geschlossen, vereinzelt kam es zu Scharmützeln von Hindu-Aktivisten mit der Polizei; ein wütender Mob blockierte unter anderem den Konvoi des Ministerpräsidenten von Uttar Pradesh, als dieser die Stadt besuchte.

Alarmbereitschaft in allen Bundesstaaten

Wahlen in Indien L. K. Advani

Der Oppositionsführer Lal Krishna Advani

"Das Ziel der Anschläge war offenbar, Spannungen zwischen Hindus und Muslimen zu erzeugen", sagt der indische Terror-Experte B. Raman. Denn die Anschläge in Indiens heiligster Pilgerstadt, denen mindestens 20 Menschen zum Opfer fielen, trafen unter anderem einen Tempel. Hinter der Tat vermuten die meisten Beobachter Islamisten. "Die Terroristen wollen zeigen, dass Muslime in Indien nicht sicher leben können", glaubt Raman.

Genau dies will die Regierung nun verhindern. Unmittelbar nach den Anschlägen rief Ministerpräsident Manmohan Singh die Bevölkerung zur Ruhe auf; sämtliche Bundesstaaten wurden in Alarmbereitschaft versetzt. Denn in der Vergangenheit gab es immer wieder blutige Ausschreitungen zwischen den Religionsgruppen. So kam es im Bundesstaat Gujarat vor vier Jahren zu Pogromen gegen die muslimische Minderheit, nachdem bei einem Brandanschlag auf einen Zug 58 Hindus gestorben waren. Unabhängigen Schätzungen zufolge kosteten die mehrtägigen Gewaltausbrüche mehr als 2000 Menschen das Leben. Auch damals hatte der VHP zu einem Proteststreik aufgerufen - und so ideale Bedingungen für das Zusammenrotten von Gewalttätern geschaffen.

Organisierte Gewalt

Unruhen in Gujarat 2002

Wie hier in Ahmedabad kam es 2002 in vielen Orten von Gujarat zu Unruhen und Brandstiftungen

"Es besteht immer das Risiko, dass es Ausschreitungen gibt", sagt der renommierte Soziologe Ashis Nandy. "Aber ich wäre sehr überrascht, wenn es dieses Mal dazu kommen würde." Denn spontane Unruhen gebe es so gut wie nie - stets stünden Gruppen dahinter, welche die Gewalt organisierten. In Gujarat etwa wurden die Banden vielfach von Aktivisten und Funktionären der BJP, des VHP und der Prügeltruppe Bajrang Dal angeführt. Damals regierte die BJP nicht nur in dem betroffenen Bundesstaat, sondern führte auch die Regierungskoalition in Neu Delhi an. Die amerikanische Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch kam in einem 75-seitigen Bericht zu dem Schluss, "dass die Angriffe auf Muslime im gesamten Bundesstaat geplant waren und mit Unterstützung der Polizei und in enger Zusammenarbeit mit Beamten der BJP-Provinzregierung organisiert wurden."

In Uttar Pradesh dagegen regiert mit Mulayam Singh Yadav ein Ministerpräsident, der auf die Stimmen der muslimischen Minderheit angewiesen ist; die Zentralregierung wird inzwischen von der säkularen Kongress-Partei geführt. Dass Anschläge wie der vom Dienstag nicht zwangsläufig Racheakte nach sich ziehen, zeigte sich zuletzt im Juli 2005. Nach einem gescheiterten Angriff auf eine Tempel-Anlage in Ayodhya blieb die Lage weitgehend ruhig, obwohl BJP und VHP zu landesweiten Protesten aufgerufen hatten. Hinter dem Anschlag soll die islamistische Terrororganisation Lashkar-e-Toiba (LeT) gestanden haben, die in Pakistan erst 2002 auf internationalen Druck verboten wurde. Auch dieses Mal verdächtigen die Behörden offenbar die LeT. Wenige Stunden nach den Anschlägen erschossen Sicherheitskräfte in Neu Delhi und Lucknow drei mutmaßliche LeT-Mitglieder. Am Donnerstag bekannte sich eine bisher unbekannte Gruppe namens Lashkar-e-Qahab zu der Anschlagsserie in Varanasi.

Ausschreitungen als Wahlhilfe

Anschläge in Benares Indien Demonstrationen

Nach den Anschlägen demonstrieren Hindu-Nationalisten in Varanasi

"Die Arbeit der Polizei wird durch den Streikaufruf der BJP erschwert, weil die Kräfte zusätzlich belastet werden", kritisiert B. Raman. Dass es zu gravierenden Ausschreitungen kommt, glaubt auch der Terrorismus-Experte nicht. "Wenn ein Gegner an der Macht ist, ist es gefährlich, Unruhen zu organisieren", sagt der Soziologe Ashis Nandy. Der Nutzen dagegen sei für die hindunationalistischen Gruppen derzeit gering. Im Vorfeld von Wahlen führten Ausschreitungen oft dazu, dass sich viele Wähler für jene Partei entscheiden, die vermeintlich die Interessen ihrer Religionsgruppe vertritt. Doch in naher Zukunft wird nur in fünf Bundesstaaten gewählt, in denen die BJP traditionell schwach ist und von einer Polarisierung kaum profitieren könnte.

Dennoch will die BJP versuchen, die Anschläge in politisches Kapital zu verwandeln. Der Fraktionsführer Lal Krishna Advani, kündigte als Reaktion zwei Wagenprozessionen durch das ganze Land an. Zwei bis drei Wochen lang würden er und der BJP-Chef Rajnath Singh diese so genannten Yatras anführen; ein genauer Termin stehe noch nicht fest, erklärte Advani am Mittwoch.

Mobilisierungspläne der BJP

Mit einer Wagenprozession hatte Advani der BJP vor anderthalb Jahrzehnten die ersten Wahlerfolge beschert. Damals mobilisierte er gegen eine Moschee in Ayodhya, die angeblich auf der Geburtsstätte des mythischen Gottkönigs Ram stand. Die Kampagne löste in vielen Orten Gewalt gegen Muslime aus und kulminierte 1992 im Abriss der Moschee durch aufgepeitschte Hindu-Aktivisten; in der Folge brachen in einigen Regionen Indiens Unruhen aus, die zum Teil wochenlang anhielten. Für die BJP übersetzte sich dies direkt in Stimmen: Die Partei, die 1984 nur zwei Sitze im nationalen Parlament hatte gewinnen können, wurde 1996 stärkste Fraktion und gelangte zwei Jahre später an die Regierung.

Der Partei käme ein Thema, das ihre Basis mobilisieren könnte, durchaus gelegen, denn ein Korruptions- und ein Sexskandal haben ihrem Ansehen schweren Schaden zugefügt. Advani selbst musste den Posten des Parteiführers im Dezember abgeben, nachdem er den pakistanischen Staatsgründer Mohammed Ali Jinnah gelobt und so die Hardliner verärgert hatte. Ob sich eine anti-muslimische Prozession für die BJP auszahlen wird, ist jedoch keineswegs sicher. Schon einmal hatte Advani versucht, den Erfolg seiner ersten Yatra zu wiederholen. Die Prozession unter dem Motto "Glänzendes Indien", die ihn 2004 im Wahlkampf durchs Land führte, stieß in der Bevölkerung nur auf geringes Interesse - und die BJP wurde abgewählt.

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