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Welt

"Gespaltene Wahrnehmung in der Ukraine"

Der ukrainische Konflikt hat spürbare Folgen - auch für die Menschen fernab der Krim und der Ostukraine, sagt Nicolai N. Petro der DW. Der amerikanisch-russische Politikwissenschaftler ist Gastforscher in Odessa.

Deutsche Welle: Die Situation in der Ostukraine ist noch immer sehr unsicher. Wie sieht es derzeit in Odessa am Schwarzen Meer aus, wo Sie sich gerade befinden?

Nicolai N. Petro: Es ist ruhiger als in anderen Regionen. Die Gegend ist meiner Meinung nach kosmopolitischer, die unterschiedlichen ethnischen Bevölkerungsgruppen sind gleich verteilt.

Wie werden der Konflikt mit Russland und die Gefahr einer militärischen Eskalation in der Ostukraine von den Bürgern wahrgenommen?

Sie sind auf jeden Fall beunruhigt. Es ist schwierig für sie - und ich würde mich selbst auch dazu zählen - zu wissen, was gerade wirklich passiert. Die ukrainischen Sender vertreten im Großen und Ganzen nur einen Standpunkt, die russischen Sender sind seit dem 8. März abgeschaltet. Aber man kann natürlich ins Internet gehen und dort mehr erfahren. Die Menschen sind einfach verwirrt, weil es sehr viele widersprüchliche Informationen gibt. Häufig rufen sie Bekannte auf der Krim oder in Donezk an und versuchen auf diese Art herauszufinden, was dort gerade passiert. Es gibt viel Mundpropaganda. Aber die gilt als deutlich zuverlässiger als die Informationen aus den klassischen Medien.

Sie leben seit dem vergangenen Jahr in der Ukraine. Wie hat sich seitdem das Leben durch die Ereignisse auf der Krim und der Ostukraine verändert?

Durch den Verlust der Krim hat sich nicht viel verändert. Was allerdings immer weiter voranschreitet, ist der Zusammenbruch der Landeswährung Griwna, die im vergangenen Monat 40 Prozent ihres Wertes verloren hat. Und dann gibt es die angekündigten - meist aber noch nicht umgesetzten - Preissteigerungen für alle Arten lokaler Dienstleistungen sowie für Gas und Strom. Die Menschen bereiten sich bereits darauf vor und sind froh, dass jetzt erst mal die Sommermonate kommen. Denn was sie dann auf jeden Fall tun können: Mehr Zeit in ihren eigenen Datschen verbringen, dort Essen zubereiten und ihre Haushaltskasse schonen. Aber sie sind besorgt, wie sie die steigenden Kosten stemmen sollen.

Wie würden Sie die allgemeine Stimmung in diesen Tagen beschreiben - gegenüber dem Westen und Russland?

Die Ereignisse auf dem Maidan und der Regierungswechsel im Februar werden in der Ukraine völlig unterschiedlich interpretiert. In der Westukraine und im Zentrum des Landes, einschließlich Kiew, werden sie als Volksaufstand verstanden. Die Veränderung war vielleicht nicht elegant - aber legitim. Im Osten und Süden des Landes haben viele Menschen das Gefühl, dass die Ereignisse im Februar illegitim und illegal waren. Diese unterschiedlichen Sichtweisen bleiben. Jede Seite beschuldigt die andere Seite. Auch die jeweiligen Unterstützer werden angeklagt - denn die Menschen im Osten des Landes gehen davon aus, dass das, was in Kiew passiert ist, vom Westen unterstützt wurde und umgekehrt Moskau die Ereignisse im Osten gefördert hat. Niemand geht wirklich zu den Menschen vor Ort und hört zu. Deshalb ist die Idee der Volksabstimmungen eine Art zu sagen: "Sprechen Sie mit den Menschen vor Ort und fragen Sie, was sie wollen."

Hätten Sie als Wissenschaftler vor einem halben Jahr bereits an die russische Annexion der Krim und die aggressive Haltung gegenüber der Ostukraine gedacht?

Nein, ich habe diese Wendung nicht erwartet. Aber ich halte die Umstände der Ereignisse auf der Krim für einzigartig. Sie werden sich wahrscheinlich in der restlichen Ukraine nicht wiederholen. Eines der Dinge, die dazu geführt haben, war ein ganz entscheidender Schritt seitens des Krim-Gesetzgeber, die nach dem Machtwechsel am 22. Februar sagten: "Wir auf der Krim, einer autonome Republik, erkennen die Legitimität der Ereignisse in Kiew nicht an." Und dann haben sie sich gegenseitig exkommuniziert. So gab es kaum eine Chance für einen Dialog, da beide Seiten beschlossen hatten, der jeweils anderen Seite die Legitimität abzusprechen.


Nicolai N. Petro ist Professor für vergleichende und internationale Politik an der Universität von Rhode Island. Seit Juli 2013 ist er in Odessa als Fulbright Research Scholar.

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