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Welt

Gespaltene Reaktionen auf Urteil gegen Lubanga

Es war ein entscheidendes Urteil – nicht nur in der Geschichte des Internationalen Strafgerichtshofs in Den Haag, sondern auch für die Menschen im Kongo. Doch viele zweifeln an der Glaubwürdigkeit des Weltgerichts.

In der Parteizentrale der UPC - der Union der kongolesischen Patrioten - sitzen rund 50 Leute: Parteifunktionäre, Mitglieder, Familienangehörige von Thomas Lubanga. Parteigründer Lubanga ist seit 2005 vor dem Internationalen Strafgerichtshof angeklagt. Wegen der Rekrutierung und Anführung von Kindersoldaten. Heute soll im weit entfernten Den Haag sein Urteil fallen.

Frustration: Keine Liveübertragung möglich

Thomas Lubanga im Gerichtssaal (Foto: Reuters)

Thomas Lubanga

Die Stimmung ist aufgebracht. Über eine Stunde schon warten die Lubanga-Anhänger in der Parteizentrale - wie überall im Kongo - auf die Entscheidung im entfernten Europa. Alle dachten, der Gerichtshof werde die Urteilssprechung live im Fernsehen oder Radio übertragen. Doch die Gebühren für die Satellitenverbindung wurden nicht bezahlt, erklärte ein Sprecher des Gerichtshofs in Bunia. Schließlich meldet lediglich das UNO-Radio kurz das Ergebnis aus Den Haag, knapp eine Stunde, nachdem der Richter den Schuldspruch verlesen hat.

Die Menschen in Bunias UPC-Zentrale gucken entsetzt. Kaum jemand mag glauben, was der Radiosprecher vermeldet: Parteigründer Thomas Lubanga wurde der Kriegsverbrechen schuldig gesprochen. Genauer gesagt: Der Rekrutierung und Anführung von Kindersoldaten. Über das Strafmaß wird erst in wenigen Wochen entschieden. Doch fest steht: Lubanga wird wohl sobald seine Parteifunktion als Präsident nicht wieder ausführen können.

Lubangas Schwester Angel Zasi läuft weinend aus dem Raum. Sie telefoniert mit weiteren Familienangehörigen, die am Vortag nach Den Haag gereist waren. "Er wird uns sehr fehlen", schluchzt sie. Doch mehr will sie nicht sagen.

Hitzige Debatte und Kritik

In der Parteizentrale selbst ist es einige Minuten lang totenstill. Ungläubigkeit und Entsetzen steht in den Gesichtern der Lubanga-Anhänger. Alle waren überzeugt gewesen, dass Lubanga freikommt - zu oft und zu offensichtlich waren während des Verfahrens Fehler aufgetreten. Zweimal wurde der Prozess fast eingestellt.

Pele Kaswara

Pele Kaswara, Provinzabgeordneter und Jurist der UPC-Partei

Doch dann lassen die Anhänger schließlich ihrer Frustration freien Lauf. Eine hitzige Debatte bricht aus. Die Argumentation richtet sich schnell gegen die Glaubwürdigkeit des Gerichtshofs als solchen. Als Kolonialgericht beschimpft ihn Pele Kaswara, ein Provinzabgeordneter und Jurist der UPC-Partei: Der Gerichtshof sei eine politische Einrichtung und habe keine juristische Neutralität. Die Richter seien Diplomaten, wettert er lautstark: "Dieser Gerichtshof beweist, dass er nur über Afrikaner richtet. Es stehen ja nur Afrikaner vor Gericht, keine Europäer oder Amerikaner", schimpft er. Kaswara würde ein lokales oder regionales Gericht bevorzugen, das die Verbrechen in Ituri untersucht.

Auch die Glaubwürdigkeit der Zeugen stellt er in Frage: "Es waren die Nichtregierungsorganisationen, die die Kinder hier gefunden, weggebracht, gefüttert und ihnen etwas eingetrichtert haben. Schließlich haben sie ausgesagt, Kindersoldaten von Lubanga gewesen zu sein."

Zweifel über die Rekrutierung von Kindersoldaten

Dieses Argument kommt in Ituri häufig auf. Nicht nur Lubanga-Anhänger befürchten, dass die Zeugen beinflusst worden seien. Selbst die Richter des Internationalen Gerichtshofs in Den Haag haben die Rolle der sogenannten Vermittler-Organisationen auf der Suche nach Zeugen und Opfern im Urteil kritisiert.

Denn Lubanga wurde nicht wegen der Verbrechen seiner ethnischen Hema-Miliz gegen die Lendu-Minderheit verurteilt, sondern wegen der Rekrutierung und Anführung von Kindersoldaten. Doch genau diese Rekrutierung wird immer wieder in Zweifel gezogen - und zwar vor allem von den tausenden ehemaligen Kindersoldaten selbst. Von jungen Männern wie dem jetzt 24-jährigen Innocent, der seinen Nachnamen nicht nennen möchte.

Innocent ist ein schüchterner, nervöser junger Mann. Er ist nie zur Schule gegangen. Sein Leben finanziert er, indem er mit einem zerbeulten Auto Taxi fährt. Das Urteil werde sein armseliges Leben nicht beeinflussen, sagt er. "Ja, ich habe in der UPC gedient, ich habe mich ihnen angeschlossen, als ich zwölf Jahre alt war", erzählt er stockend. Er sei Waisenkind gewesen, nachdem seine Eltern im Krieg umgekommen waren. Er hätte sonst keine Chancen gesehen zu überleben: "Deswegen habe ich mich freiwillig gemeldet, ich wurde nicht gezwungen", sagt er und nickt. Bis zu seinem 18. Lebensjahr hat Innocent in der UPC-Miliz gedient. Dann wurde er mobilisiert. Seitdem lebt er von der Hand in den Mund. "Das Urteil hat keinen Einfluss auf mein Leben, ich weiß nicht einmal, wie es ausgefallen ist", gibt er zu. Lubanga kannte er persönlich nicht, für den Prozess habe er sich auch nicht interessiert. Fest steht für ihn nur eines: "Lubanga hat mich nicht gezwungen. Er hat in Bunia und Kinshasa Politik gemacht, wir Kindersoldaten waren weit weg im Busch unterwegs."

Heute herrscht Friede in Ituri

Die UNO und Nichtregierungsorganisationen hatten vor der Verkündung befürchtet, dass das Urteil den Konflikt zwischen den Ethnien erneut anheizen könnte. Doch in Bunia blieb alles friedlich. Vor allem deswegen, weil der Prozess sich über Jahre hinzog - und die Lendu-Minderheit bereits bei der Anklageerhebung akzeptieren musste, dass sie nicht als Opfer anerkannt werden wird, sagt der Sprecher der Lendu-Minderheit Francois Dhadda.

"Die Zeit hat dazu beigetragen, dass die Rivalität zwischen den ethnischen Gruppen aufhört", erklärt er. Die Menschen seien mit ihrem täglichen Leben sehr beschäftigt. "Solange es keinen Krieg gibt, fangen die Leute an zu vergessen", sagt Dhadda. Dennoch ist er überzeugt, dass die Weltjustiz zur Beendigung des Konfliktes beitgetragen habe. "Wir haben vertrauen in den Gerichtshof, doch wir triumphieren nicht. Wir waren ja auch nicht die, die angeklagt haben."

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