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Gesichter

Es gilt als der Spiegel der Seele, das Gesicht. Sympathie, Ablehnung, Kummer, Freude: Viele Empfindungen drückt es aus. Unbeliebt ist eine Visage, unkalkulierbar das Gesicht eines Pokerspielers.

"Ich kann diese ganzen Visagen nicht mehr sehen", sagte vor wenigen Tagen ein Mann zu seinem Gegenüber in der Straßenbahn. Die beiden waren wohl Kollegen. Duzten sich und äußerten unüberhörbar ihre Ansichten über Parteien und deren Kandidatinnen und Kandidaten, die sich zur Wahl gestellt hatten. Die Herren waren ziemlich erregt, hatten das ganze Theater satt; sagten sie wenigstens.

Mangelnde Sympathie

Wieso eigentlich "Visagen"? Merkwürdigerweise wird im Deutschen das französische Wort für Gesicht gebraucht, wenn man zum Ausdruck bringen will, dass man jemanden unsympathisch findet.

Diese "Visagen" also. Die Dienste von Visagisten haben sie allesamt in Anspruch genommen, die Damen und Herren auf den Plakaten. Die Visagisten haben ganz offensichtlich mit großem Geschick und Können in den Gesichtern jenen Ausdruck von Vertrauenswürdigkeit, strahlendem Optimismus und mutiger Entschlossenheit mittels kosmetischer Tricks hervorgerufen, der in Zeiten eines so turbulenten Wahlkampfes bitter nötig war.

Wahre Künstler

Wer einen der so Dargestellten von Angesicht zu Angesicht aus seinem Wahlkreis kennt, weiß, was Visagisten und Fotografen aus einem Gesicht machen können, das ansonsten in der Menge untergeht.

Da gerät die Mischung aus Tränensäcken, Hängebacken und Doppelkinn zum leicht gebräunten Antlitz mit markanter Nasenpartie und strahlend festem Blick. Nur die dezent grau gehaltenen Schläfen verraten etwas vom Alter, signalisieren ansonsten aber gesetzte, vertrauenswürdige Lebenserfahrung. Ein zurückhaltendes freundliches Lächeln über dem weißen Hemdkragen mit einer korrekt gebundenen Krawatte macht schließlich das Porträt perfekt.

Spiegel der Seele

Gleichwohl: Visage bleibt Visage, wenn man ein Gesicht einfach unsympathisch findet. "Das Gesicht ist der Spiegel der Seele", heißt es. Und ein Spiegel ist unbestechlich – wenn es sich nicht gerade um einen Zerrspiegel handelt.

Dabei ist es völlig unerheblich, ob ein Gesicht Äußerlichkeiten aufweist, die schnell vergänglichen Schönheitsvorstellungen entsprechen. Mit anderen Worten: Die "Oberfläche" eines Gesichts ist nicht das Wesentliche und letztlich beliebig. Was die einen in Verzückung geraten lässt, finden die anderen sturzlangweilig.

Sonnenbrille ein Tabu

Das Wort "Gesicht" war ursprünglich so etwas wie ein Sammelbegriff für "Sehen", für "Anblicken". Nehmen wir einmal an, einer der Politiker oder eine der Politikerinnen hätte sich mit Sonnebrille auf einem Wahlplakat gezeigt. Undenkbar. Ein Gesicht ohne Augen. Ohne Blick.

Gut, im Sommer laufen wir mit Sonnenbrille durch die Gegend und das ist auch völlig in Ordnung. Die Versionen mit völlig verspiegelten Gläsern dienen allerdings manchmal ihren vornehmlich männlichen Trägern dazu, ungeniert und vermeintlich unerkannt, die Blicke schweifen zu lassen. Manchmal ruhen sie dann ungeniert auf einer ins Visier genommenen Frau. Diese, den stieren Blick hinter den Spiegelgläsern sehr wohl bemerkend, verzieht spöttisch das Gesicht und schickt ihrerseits einen geraden Blick zu ihrem Beobachter zurück – spitz und treffsicher wie ein Pfeil. "Wenn Blicke töten könnten", heißt es nicht umsonst.

Gesichtsausdrücke

Im Gesichtsausdruck, im Blick, an den Augen lassen sich unsere innere Verfassung, unsere Stimmung ablesen. Die Nuancen eines Lächelns – das verdrossene Stirnrunzeln – die heruntergezogenen Mundwinkel – der stumpfe, der strahlende, der gesenkte Blick – das Direkt-in-die-Augen-Schauen – das Wegdrehen des Gesichts: Wir kennen das alles und sind uns dennoch oft nicht bewusst, welche Wirkung es auf andere hat; das Gesicht, das wir gerade machen.

Zum Beispiel das Gesicht "wie acht Tage Regenwetter". Das Gegenteil hierzu wäre etwa das "Strahlen wie ein Honigkuchenpferd" und das optimistische "Grinsen über beide Backen".

Unvorstellbares

Merkwürdigerweise haben aber die allermeisten Redensarten, die das Gesicht betreffen, einen negativen Anstrich. Die bildhaften Vergleiche sind oft ausgesprochen derb. Das "lange Gesicht", Enttäuschung signalisierend, ist einer der harmlosen Ausdrücke. Ebenso das Gesicht "wie sieben Meilen schlechter Weg". Wer "ein doppeltes Gesicht hat", dem ist nicht zu trauen; der verbirgt sein "wahres Gesicht."

Auch die Tierwelt wird zum Vergleich herangezogen. Niemand weiß so genau, wie das Gesicht eines Schweins aussehen würde, das auf einem Baum sitzt. Dennoch gibt es die hessische Redensart: "Er macht ein Gesicht wie die Sau auf dem Pflaumenbaum" für jemanden, der verdutzt dreinschaut. Oder etwa den vom deutschen Dichter Eduard Mörike verewigten "Esel, der Teig gefressen hat" für jemanden, dem es nicht gut geht.

Pokerface

Nach Wahlen, am Wahlabend, kann man viele Gesichter sehen: glückliche und weniger glückliche. Und solange niemand sein Gesicht verliert, kann man in seinem Gesichtsausdruck immer etwas finden. Es sei denn, er setzt ein Pokergesicht auf.

Autor: Michael Utz

Redaktion: Beatrice Warken

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