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Kultur

Gesichter Afghanistans - Erfahrung einer alten Welt

1953 reiste die Fotografin Yvonne von Schweinitz mit dem Auto von Zürich bis nach Afghanistan. Sieben Monate war sie unterwegs. In ihren Bildern zeigt sie das Land am Hindukusch auf selten wahrgenommene Weise.

Es scheint, als sei das ganze Leben zum Stillstand gekommen. Alle stehen da, ganz ruhig, und gucken. Selbst die Kinder staunen. Eine blonde Frau, eine Ausländerin in einem nie gesehenen Sommerkleid hatte sich unter sie gemischt, um den Platz vor der stattlichen Festung der Provinzhauptstadt Gardez im Osten Afghanistans zu fotografieren.

Yvonne von Schweinitz hat die Überraschung in den Gesichtern der Menschen eingefangen. Und auch das Selbstbewusstsein des kleinen Jungen in ihrer Mitte, den Esel, der hinter einem Männerrücken hervorlugt, und das eben abgestellte Fahrrad im Hintergrund.

In sieben Monaten durch Asien

Das Bild ist mehr als 50 Jahre alt, aufgenommen wurde es im Jahr 1953. Damals reiste die junge Yvonne von Schweinitz, ausgerüstet mit einer Rolleiflex, einer Leica M3 und einer Polaroidkamera durch Asien. Von Zürich aus, in einem bequemen Kombi und in Begleitung des Schweizer Fotografen und Schriftstellers Hans von Meiss-Teuffen. Sieben Monate waren die beiden unterwegs. Sie durchquerten die Türkei, Jordanien, Israel, den Irak und den Iran und kamen schließlich nach Afghanistan und Pakistan.

Eine Afghanin mit ihrem Sohn 1953 (Foto: Yvonne von Schweinitz)

Gesichter Afghanistans

Die Fotos, die Yvonne von Schweinitz damals machte, wurden nie ausgestellt. Zunächst lagerten sie im Archiv des Fotografen Willy Prager, mit dem die junge Frau bereits während ihres Studiums in Freiburg/Breisgau zusammengearbeitet hatte. Nach dessen Tod wurden sie in der "Fotosammlung Pragher“ im Baden-Würtembergischen Staatsarchiv aufbewahrt. Und dann, irgendwann, kam der sprichwörtliche Zufall ins Spiel. Ein Cousin der Fotografin erzählte dem Hamburger Journalisten und Kurator Claus Friede von Yvonne von Schweinitz, ihrer Reise und wie viel sie damals fotografiert habe. Claus Friede wurde neugierig und konnte das Archiv schließlich besichtigen - Hunderte von Negativen und Fotografien seien das gewesen, erzählt er, alle verpackt in dicken braunen Umschlägen, auf denen der Name des Landes stand, in dem die Bilder aufgenommen worden waren.

Bilder aus Friedenszeiten

Die Fotos aus Afghanistan sprachen Claus Friebe und seinen Kollegen Mathias von Marcard auf ganz besondere Weise an. Denn was sie hier sahen, hatte mit den heute kursierenden Bildern von Kämpfen, Truppenbewegungen und Anschlägen nichts gemein. Dies war ein anderes Afghanistan, eines, das so wohl kaum jemand fotografiert hat - friedlich, von einer unglaublichen Weite, reich an unterschiedlichsten Kulturen und geprägt von einer wechselvollen Geschichte.

Buddhastatue im Bamiyan-Tal 1953 (Foto: Yvonne von Schweinitz)

Buddhastatue im Bamiyan-Tal

Als Yvonne von Schweinitz und ihr Begleiter in Afghanistan waren, konnte man dort unbesorgt in abgelegene Regionen und über unbefestigte Wege fahren, selbst das Campieren im Freien war nicht mit Gefahren verbunden. Die Menschen, denen sie begegneten, waren offen und neugierig. Yvonne von Schweinitz hat mit ihnen gesprochen, mit wenigen Worten und Händen und Füßen, und sie hat fotografiert: stolze Nomaden, Trinkwasserverkäufer in den Straßen Kabuls, Briefschreiber, verhüllte Frauen, Verkaufsstraßen, nachmittäglichen Teegenuss, muslimische Grabstätten, Stock- und Schwertkämpfer und Waschanlagen für Pferdedroschken. Aber auch Ruinen, die Wüste, Weinberge und die Buddha-Statuen im Bamiyan-Tal, die die Taliban knapp 50 Jahre später, im März 2001, fast vollständig zerstört haben.     

Vielfalt statt Stereotype

Mit dem Auge der westlichen Betrachterin hat Yvonne von Schweinitz diese Bilder gemacht und doch auf Augenhöhe. Sie zeigt die Gesichter des Landes, zeigt Afghanistans Völker und Volksstämme, deren Bräuche und Lebensweisen, Baudenkmäler und Städte. Sie hat die sich überlagernden Narben eingefangen, die Afghanistan schon damals überzogen - Spuren von Eroberern, Kriegen und Erdbeben. Und sie hat die Hinterlassenschaften von Besatzern und Handelspartnern in der Alltagskultur ausgemacht: indische Musikinstrumente, den russischen Samowar, eine Singer Nähmaschine, weitläufige Weinbaugebiete. Yvonne von Schweinitz dokumentiert frühe Entwicklungshilfe wie die Kajakai-Talsperre, die der Bewässerung einer weitläufigen Wüstenfläche dient. Sie zeigt unterschiedlichste Religionen, und vermittelt uns so eine Ahnung davon, wie reich und vielfältig das Land jenseits der Bilder ist, die die Nachrichten seit Jahren dominieren.

Das nach einem Erdbeben zerstörte Herat in Afghanistan 1953 (Foto: Yvonne von Schweinitz)

Herat - von Erdbeben zerstört

120 Fotos aus ihrer Sammlung präsentiert der Freundeskreis Willy-Brandt-Haus nun bis Ende Mai in Berlin in der Ausstellung "Yvonne von Schweinitz. Gesichter Afghanistans. Erfahrung einer alten Welt. Fotografien von 1953“. Weiterführende Informationen über die abwechslungsreiche Geschichte des Landes enthält der von den Kuratoren Claus Friebe und Mathias von Marcard herausgegebene Begleitband. 

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