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Bildung

"Geschlagen" wird nur mit dem Ruder

Studentenverbindungen gehören in vielen deutschen Städten fest zum Uni-Leben. In Bonn sucht eine Verbindung ihren Platz zwischen alten Traditionen und modernem Studentenleben. Und lässt dabei auch Frauen ans Ruder.

Akademischer Ruder-Club Rhenus in Bonn: Die Verbindungsmitglieder lassen ein Boot zu Wasser (Foto: ARC Rhenus)

Rudern verbindet: Erst wird das Boot zu Wasser gelassen ...

Klarer Himmel und Windstille. Das Wasser des Rheins bei Bonn glitzert in der Abendsonne – ein idealer Tag für eine Bootsfahrt. Vier junge Männer in weißer Trainingskleidung fassen gemeinsam an und tragen ein Ruderboot zur Anlegestelle. Dass die vier Studenten Mitglieder des Akademischen Ruder-Clubs (ARC) Rhenus sind, erkennt man nur an der roten Windrose auf ihren Trainingsjacken. Eine Uniform oder farbige Schärpen, wie das in den meisten anderen Studentenverbindungen traditionell üblich ist, tragen sie nicht.

Zwar ist der ARC Rhenus schon 120 Jahre alt, in vielem entspricht er aber nicht den gängigen Studentenverbindungen, sagt Sonja Höffgen, die schon lange dabei ist. "Wir haben Frauen, wir sind nicht politisch, wir rudern, und Alkohol trinkt hier nur, wer will." Und auch gefochten, wie in anderen Studentanverbindungen, wird hier nicht. Die Mitglieder des ARC Rhenus messen ihre Kräfte am Ruder, nicht mit dem "Schläger", so heißt das Florett in traditionellen Verbindungen.

Eine Frau als erste Vorsitzende der Aktivitas

Schon seit Jahrzehnten rudern Frauen beim ARC Rhenus mit, seit 1979 dürfen sie auch offiziell Mitglied werden. Anfangs wurde das von älteren männlichen Mitgliedern kritisch beäugt. Doch mittlerweile sind die Frauen fest im Boot des ACR. Und im nächsten Wintersemester wird eine Frau erste Vorsitzende der Aktivitas sein, das sind die aktiven Studenten in der Verbindung. Die Chemiestudentin Yvonne Lorenz weiß, dass andere Studentenverbindungen diesen Bruch mit den Traditionen nicht immer so leicht akzeptieren können.

Akademischer Ruder-Club Rhenus in Bonn: Rudern auf dem Rhein (Foto: ARC Rhenus)

... dann geht's im Gleichschlag über den Rhein.

Unter den "alten Herren" gibt es heute auch "alte Damen"

Gerade beim Coleurbummel, den gegenseitigen Besuchen in Verbindungshäusern, könnte das problematisch werden: "Mir würde es wahrscheinlich sehr häufig passieren, dass ich vor verschlossenen Türen stehe, weil ich eine Frau bin." Auch unter den "alten Herren" gibt es mittlerweile viele "alte Damen". Diesen Titel erhalten Mitglieder, sobald sie ihr Studium abgeschlossen haben und sich nicht mehr so aktiv engagieren können.

Frauen in der Verbindung, Rudern statt Fechten – der ARC Rhenus hebt sich in vielem von den klassischen Verbindungen ab. Bewusst herbeigeführt haben die Mitglieder diese Neuerungen meist nicht. Es war ein eher schleichender Prozess, erzählen sie. Der vor allem eine Ursache hatte: Das Rudern, das für alle im Zentrum stand – und anderes in den Hintergrund treten ließ.

Doch "nur" ein Ruderverein zu sein, das ist den Mitgliedern doch zu wenig. Einige andere Werte studentischer Verbindungen werden gerne aufrecht erhalten. Dazu zählt auch das "Lebensbundprinzip". Was das hier bedeutet? "Die Jungen machen die Arbeit, können günstig rudern, finanziert durch die alten Herren und Damen", erklärt der noch amtierende Vorsitzende der Aktivitas Thorsten Schräder.

Vom Lebensbundprinzip profitieren die Jungen und die Alten

Akademischer Ruder-Club Rhenus in Bonn: Nach dem Training stehen die Ruderer am Steg (Foto: ARC Rhenus)

Damit das funktioniert, wird von den Mitgliedern erwartet, dass sie sich ihr ganzes Leben lang engagieren. Wenn sie schon rudern können, seien aber auch Austauschstudenten als Gäste willkommen, betont Schräder. Um ein richtiges Verbindungsmitglied zu werden, müssten sie sich allerdings längerfristig engagieren. Diese Gemeinschaft fürs Leben schätzt Gerd Dreweke. Seit 51 Jahren ist er beim ARC Rhenus aktiv – und nach wie vor ein leidenschaftlicher Ruderer. In all den Jahren habe sich viel verändert, erzählt er. Doch etwas Wichtiges sei immer geblieben: "Dass man in schlechten und in guten Zeiten zusammenhält, sich gegenseitig hilft."

Neben dem Training machen die Rhenus-Mitglieder Ruder-Wanderfahrten und nehmen an Regatten teil. Weil aber immer weniger Studierende längere Zeit an einem Ort bleiben und wenig Zeit haben sich zu engagieren, nimmt der ARC Rhenus mittlerweile auch Berufsanfänger auf. Bis zu dreimal pro Woche geht es im Gleichschlag über den Rhein.

Rudern verbindet

Nach dem Rudern essen alle regelmäßig noch gemeinsam zu Abend, im Bootshaus, das gleichzeitig auch Verbindungshaus ist. Diesmal gibt es Linseneintopf. Und auch hier sieht man, dass sich der ARC Rhenus öffnet: Nicht alle, die heute hier am Tisch sitzen, gehören auch zur Verbindung.


Autorin: Sonja Gillert
Redaktion: Svenja Üing