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Kultur

Geschichtsmüll oder Zeitzeugen?

Sozialistische Kunst hatte einen Hang zum Monumentalen. Öffentliche Plätze wurden mit Personenkult-Denkmälern geschmückt. Was ist aus den steinernen Riesen geworden?

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Thälmann grüßt unverdrossen weiter, nur die Graffiti sind neu

Die Faust ist zum sozialistischen Gruß geballt, der Blick entschlossen. Wie ein Koloss ragt das Ernst-Thälmann-Denkmal im Berliner Stadtteil Prenzlauer Berg zwölf Meter auf. Eigentlich hätte es längst demontiert werden sollen. Doch dafür fehlte dem Bezirk das Geld. So blieb es stehen und ist heute eines der prominentesten Beispiele für sozialistische Denkmäler in der DDR.

Das Problem Vergangenheitsbewältigung

Seit der Wende verschwinden die Statuen, Büsten und Gedenktafeln der Lenins, Piecks und Grotewohls nach und nach. "Der richtige Umgang mit solchen Denkmälern ist schwierig", sagt Martin Schönfeld vom Berufsverband der bildenden Künstler Berlin und Experte für politische Denkmäler. Unkommentiert sollten die Statuen nicht stehen bleiben. Gerade das Thälmann-Denkmal zeige der Öffentlichkeit, wie die politische Kultur in der DDR ausgesehen habe. Deshalb halte er es für richtig und wichtig, das Denkmal stehen zu lassen, um sich mit der eigenen Geschichte auseinander zu setzen.

Eine andere Geschichte sind die Graffiti, die auf die Statue gesprüht wurden. Niemand scheint den Arbeiterführer und Antifaschisten schützen zu wollen. Das Landesdenkmalamt Berlin hielt es nicht für notwendig, das Objekt unter Denkmalschutz zu stellen. Der Bezirk hat kein Geld fürs Säubern. Und das Aktionsbündnis Thälmann-Denkmal, das sich vor fast zwei Jahren gründete, ist überfordert damit, die Bronze wieder und wieder von den Schmierereien zu befreien.

Der "Musterprozess"

Lenin Monument

Nach der Wende waren die Lenin-Statuen die ersten, die in den neuen Bundesländern abmontiert wurden. "Lenin war politisch nicht mehr akzeptabel", erklärt der ehemalige Berliner Landeskonservator Helmut Engel. So war man beispielsweise in Dresden froh, als ein bayerischer Steinmetz 1991 die vor dem Bahnhof stehende vier Meter hohe Granitstatue Wladimir Iljitschs erwarb, um sie in einem
kleinen Park auszustellen. Und auch das sachsen-anhaltinische Eisleben trennte sich umgehend von seiner drei Meter hohen Figur, die nun im Deutschen Historischen Museum Berlin lagert.

Die größte Lenin-Statue stand jedoch in Berlin am Leninplatz. Vor gut zehn Jahren wurde das 19 Meter hohe Standbild Stück für Stück abgetragen. Heute liegt die Statue am Rande von Berlin in 125 Einzelteile zerlegt in einer Kiesgrube begraben. "Da ist sie gut geschützt", erklärt Engel. "Möge die Zukunft entscheiden, ob sie noch einmal aufgebaut wird."

Keine einheitliche Meinung

Auch in Dresden gibt es kaum noch sozialistische Statuen. Bei den rund 250 "Erinnerungsstücken aus sozialistischen Zeiten" handele es sich überwiegend um Gedenktafeln oder Bilder, erklärt eine Mitarbeiterin im Kulturamt der Stadt Dresden. Die verbliebenen Tafeln würde man erhalten, so lange sie nicht geschichtsverfälschend seien. In einigen Fällen seien auch erläuternde Hinweise aufgestellt worden. Am Kulturpalast ist noch ein Wandbild aus DDR-Zeiten zu sehen. Sein Titel lautet: "Weg der roten Fahne".

Um einzelne Denkmäler gab es erbitterten Streit in den
Kommunalparlamenten und in der Bevölkerung. So sei das rund zwölf Meter hohe Monument "Fahne der Revolution" im Zentrum von Halle nur vor dem Abriss gerettet worden, weil der Stadtrat mit einer Stimme Mehrheit dagegen votierte, erzählt ein Sprecher vom Landesamt für Denkmalpflege in Sachsen-Anhalt.

Auf dem Weg zur Normalität?

Rosa Luxemburg

Rosa Luxemburg - Sozialdemokratin und Mitbegründerin der KPD

Trotz der Abrisswelle sind Statuen sozialistischer Führer zumindest in der Hauptstadt anscheinend wieder im Kommen. SPD und PDS legten in ihrer Koalitionsvereinbarung fest, bis zum Jahr 2006 ein Rosa-Luxemburg-Denkmal zu errichten - und das, obwohl es allein in Berlin bereits vier Erinnerungsstätten für die Revolutionärin gibt.

Für das neue Denkmal soll ein Wettbewerb ausgeschrieben werden. "Die Skulptur wird nicht mit den sozialistischen zu vergleichen sein", sagt Schönfeld. "Das wird zeitgenössische Kunst sein." (dpa/kas)

  • Datum 26.04.2002
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  • Permalink http://p.dw.com/p/27uN
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