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Ostmitteleuropa

Geschichtsdebatte im estnischen Parnu

- Das Denkmal zu Ehren von Esten, die in deutscher Uniform gekämpft haben, ist wieder abgebaut worden. Die Diskussion darüber dauert aber an.

Tallinn, 1.-7.8.2002, THE BALTIC TIMES, engl., Sara Toth

Blumensträuße und eine brennende Kerze zieren den Betonsockel in Parnu, wo vor kurzem noch ein Denkmal zu Ehren der Esten stand, die im Zweiten Weltkrieg auf Seiten der Deutschen gekämpft haben und gefallen sind. Die Stadtverwaltung hat das Denkmal, das einen estnischen Soldaten der Waffen-SS mit einem in Richtung Russland weisenden Gewehr darstellte, entfernt, nachdem Premierminister Siim Kallas und andere es kritisiert hatten. Von offizieller Seite hatte es geheißen, das Denkmal glorifiziere die Nazis, die Estland von 1941 bis 1944 besetzt hatten. Ein SS-Symbol war vom Helm des Soldaten entfernt worden, die Inschrift aber war der Grund, warum die Regierung beschlossen hat, auf die Enthüllung zu verzichten und das Denkmal schließlich ganz zu entfernen. Die Inschrift lautete: "Im Gedenken an alle estnischen Soldaten, die im Zweiten Weltkrieg für die Befreiung ihrer Heimat und für ein freies Europa 1940-1945 gefallen sind."

"Wir akzeptieren kein Denkmal für die SS", sagte ein Sprecher der Stadt, Romek Kosenkranius. "Wenn diese Leute in Parnu ein Denkmal errichten wollen, dann sollte es Estlands Freiheitskampf darstellen."

Estnische Regierungsvertreter erklärten, das Denkmal würde zur Folge haben, dass das Ausland Estlands nationalen Charakter in Frage stellen und die Bemühungen des Landes um den Beitritt zur NATO und zur Europäischen Union möglicherweise zunichte gemacht werde. "Die Stadtverwaltung hat sofort reagiert und das war richtig so", sagte Regierungssprecher Daniel Vaarik. "Innerhalb von 24 Stunden war es wieder abgebaut."

Zehntausende von Esten standen freiwillig im Dienste der Nazis oder waren dazu gezwungen. In den vier Besatzungsjahren in allen baltischen Staaten gelang es den Nazis, die jüdischen Gemeinden nahezu vollständig auszurotten. Da aber die Nazibesatzung ein Jahr nach der sowjetischen Invasion in Estland begann, wurden Hitlers Soldaten anfangs von vielen als Befreier angesehen.

Einige Esten wie der Bewohner von Parnu Leo Taamiksaar, der Hauptinitiator des Denkmals, sind nach wie vor der Ansicht, dass die Deutschen gekämpft haben, um bei der Befreiung des kleinen Landes vom Kommunismus zu helfen. "Ich glaube, die Deutschen haben in dem Moment, in dem sie gekommen sind, Estland tatsächlich befreit", sagte der vierzigjährige Taamiksaar. "Das war aber nur zu Anfang. Später natürlich wurde es von Deutschland besetzt, aber der erste Augenblick war wichtig, denn sie haben uns von der schrecklichen sowjetischen Besatzung befreit." Taamiksaar sagt, er sei kein Nazi-Sympathisant und die Inschrift auf dem Denkmal sei angemessen. "Das Denkmal hat mit Nazis oder Deutschen nichts zu tun", erklärt er. "Es ist für die Esten gedacht, die im Krieg ihr Leben gelassen haben."

Mehrere Meter von dem mit Blumen bedeckten Betonsockel im Vana Park in Parnu steht ein Denkmal zu Ehren der Soldaten, die 1905, 1917 und im Zweiten Weltkrieg im Kampf gegen Russland gefallen sind. Taamiksaar sagt, dieses Denkmal sollte ebenfalls abgebaut werden. Hätte Deutschland nicht viele europäische Länder besetzt, wäre Stalin einmarschiert. Das dürfe man nicht vergessen, meint er.

"Als Este meine ich, dass jede Besatzung etwas Schlechtes ist. Jedes politische System, das auch nur einen Menschen umgebracht hat, ist schlecht. Hitler aber wollte nur Juden und Zigeuner umbringen. Stalin wollte alle umbringen, sogar seine eigenen Leute. Möge jeder selbst entscheiden, was schlimmer ist", so Taamiksaar.

Die Regierung aber vertritt einen Standpunkt, den sie Jahrzehnte lang vertreten hat: die Denkmäler aus sowjetischen Zeiten werden bleiben.

"Jeder muss beim Anblick eines Denkmals in Estland es vor einem bestimmten Hintergrund sehen", so Regierungssprecher Vaarik. "Das Volk kennt den Hintergrund der russischen Denkmäler. Natürlich ist es eine schmerzliche Angelegenheit, denn wir Esten waren Opfer beider Regime."

Das Denkmal in Parnu sei hinsichtlich Unabhängigkeit und Demokratie unangemessen, da die Nazis Kriegsverbrechen begangen haben, erklärten Regierungsvertreter. Die Stadtverwaltung in Parnu teilte Taamiksaar mit, sie werde über das Denkmal noch einmal nachdenken, wenn seine Inschrift und seine Gestalt geändert werden.

Estland und Lettland sind in den letzten Jahren unter Beschuss geraten, weil sie Landsleuten, die auf der Seite der Deutschen gekämpft haben, angeblich allzu großzügig verzeihen. (TS)

  • Datum 05.08.2002
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  • Permalink http://p.dw.com/p/2XCJ
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