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Kultur

Geschichten zur Stunde Null

Es geht um Flucht, um Waisenkinder, um zerstörte Städte und den Wiederaufbau aus Trümmern, um Verzweiflung und Hoffnung: Wir stellen Ihnen neue Romane und Erzählungen zum Ende des Zweiten Weltkriegs vor.

Buchcover Als der Krieg zu Ende ging von Arno Surminski

Arno Surminski: "Als der Krieg zu Ende ging"

"Als der Krieg zu Ende ging"

Eine Frau flieht gegen Ende des Zweiten Weltkriegs mit ihren Kindern aus Ostpreußen nach Mecklenburg. Dort bringt sie noch ein Kind auf die Welt, das sie einer kinderlosen Bäuerin schenkt, ehe sie weiterzieht. Mit schlichter und anrührender Sprache beschreibt Arno Surminski in der Titelgeschichte seines Erzählungsbandes ein Schicksal, das sich auch real so ereignet haben kann.

Immer wieder stellen seine insgesamt neunzehn Geschichten die Frage, wodurch der Zweite Weltkrieg für die Menschen tatsächlich erst beendet wurde. Einen festen Zeitpunkt gab es dafür nicht. Einige seiner Protagonisten konnten erst aufatmen, als ihre Freunde und Verwandten endlich heimkehrten. Für andere wiederum symbolisierte erst der Fall der Mauer 1989 einen Neubeginn. Und für viele, die nie zurückkehrten, endete der Krieg nie. Surminski schlägt die Brücke fast bis zur Gegenwart: "Da kam einer, der sagte zu den Leuten, die jetzt dort wohnten: Mein Großvater hat hier einen Bauernhof gehabt und einiges in seinem Garten vergraben." Die literarische Essenz: Auch Jahrzehnte nach Kriegsende beeinflussen die Nachwirkungen des großen Krieges noch die Leben vieler Menschen.

Arno Surminski: "Als der Krieg zu Ende ging", Erzählungen, Hamburg (Verlag Ellert & Richter) 2015, 208 Seiten, 19,95 Euro.

"Zur Stunde Null"

Die schwedische Autorin Lotta Lundberg lebt seit mehr als zehn Jahren in Berlin, wo sie für das Feuilleton verschiedener Tageszeitungen ihres Heimatlands schreibt. "Zur Stunde Null" ist ihr sechster Roman, in dem es, anders als es der Titel zunächst nahelegt, nicht ausschließlich um das Ende des Zweiten Weltkriegs und den darauf folgenden Neuanfang geht. Für jede der drei Frauen aus drei Generationen, deren Schicksal der Roman von 1945 über 1983 bis 2004 folgt, gibt es einen Zusammenbruch und den Wendepunkt hin zu neuen Chancen.

Buchcover Zur Stunde Null von Lotta Lundberg

Lotta Lundberg: "Zur Stunde Null"

Gibt es Schlimmeres? Eine Mutter lässt während des Zweiten Weltkriegs ihre Tochter zurück, um weiter als Schriftstellerin arbeiten zu können. Welchen Stellenwert darf die Arbeit im eigenen Leben einnehmen? Nach Kriegsende muss sie mit ihren Schuldgefühlen leben. "Wenn sie trotzdem noch lebt, dachte Hedwig, wenn sie trotz allem, vielleicht, überlebt hat – dann wird sie mir alles über die Welt beibringen."

Lundberg zeichnet zum Erzähljahr 1945 ein Bild des zerstörten Berlins mit verwaisten Kindern, zerbombten Häusern und Leichen. Von Kapitel zu Kapitel zwischen den Handlungssträngen um die drei Protagonistinnen wechselnd, entsteht auch ein Bild von der Leere in den Herzen der Frauen und der sie umgebenden Menschen. Gleichzeitig aber wächst auch die Hoffnung, nach Kriegsende oder nach dem persönlichen Ruin aus der Asche des Vergangenen Neues erschaffen zu können – eine Lehre "Zur Stunde Null".

Lotta Lundberg: "Zur Stunde Null", übersetzt von Nina Hoyer. Hamburg (Hoffmann und Campe Verlag) 2015, 352 Seiten, 20 Euro.

"Der Geschichtensammler"

Buchcover - Der Geschichtensammler von Thomas Franke, Verlag: Gerth Medien (9. Januar 2015)

Thomas Franke: "Der Geschichtensammler"

"Die Rote Armee hatte Berlin erreicht." Der Zweite Weltkrieg steht kurz vor seinem Ende. In der zerstörten Stadt sucht der junge Pfarrerssohn Rasmus nach seiner großen Liebe Emmi. Auf dem Weg zu ihr wird er beinahe erschossen. In letzter Sekunde zieht ihn ein kriegsmüder Soldat namens Erwin rettend in ein Kellerloch. Zwischen den beiden entwickelt sich in kurzer Zeit eine enge Freundschaft, ehe sie von russischen Soldaten gefangen genommen werden. Gemeinsam mit vielen anderen Überlebenden müssen sie Berlin gen Osten verlassen.

Schonungslos beschreibt Thomas Franke die Schrecken von Krieg und Gefangenschaft. Hunger, Durst, Verrat und Bedrohung lassen Rasmus fast verzweifeln. Beinahe unerträglich ist für ihn das stundenlange Hocken auf dem nackten Fußboden. Kaum auszuhalten die Enge und der Gestank der Gefangenen. Die Zählappelle scheinen sich endlos in die Länge zu ziehen.

Gerettet wird der junge Gefangene durch ein Buch, das ihm sein Freund Erwin hinterlassen hat, eine Sammlung von Geschichten und Erörterungen, in denen es immer wieder um die Frage des Glaubens an Gott geht. "Der eine verbrennt Weihrauch, bis die Luft so dick wird, dass man kaum noch atmen kann. Der andere stößt sein Bild vom Sockel und schreit triumphierend in die Dunkelheit: Gott ist tot!"

Frankes Roman handelt von der Kraft des Glaubens und der Magie von Geschichten gegen existentielle Ängste. Er kann als besinnlicher "Reiseführer zum Leben" gelesen werden.


Thomas Franke: "Der Geschichtensammler", München (Gerth Medien/Random House) 2015, 352 Seiten, 16,99 Euro.

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