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Bücher

Geschichte verarbeiten in Romanen

Wer will, kann sich in diesem Herbst in Romanen durch die deutsche Nachkriegsgeschichte lesen. Etliche Autoren haben die jüngste Vergangenheit als Thema entdeckt und haben sie poetisch aufgearbeitet.

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Möchte nicht der Zonenkasper sein: Thomas Brussig

"Es gibt kein Buch, in dem die Erfahrung jener Zeit für alle gleichermaßen gültig aufbewahrt sind, so wie "Im Westen nichts neues" die Erfahrungen der Frontsoldaten des ersten Weltkrieges versammelte." So heißt es gleich zu Beginn des Romans von Thomas Brussig "Wie es leuchtet", der genau diesem Anspruch gerecht werden will: eine kollektive Erfahrung zu dokumentieren. Jene Zeit, das ist das schicksalhafte Jahr 1989, das Brussig noch einmal heraufbeschwört, das Jahr, das aus dem Leben vieler Deutscher herausragt, Ostdeutscher wie Westdeutscher: "Ich bin mir sicher, dass ich mich in eine Zeit begeben habe, die irgendwie unter den Deutschen virulent ist; da vagabundiert etwas in der deutschen Seele." Doch der Autor weiß, dass von der damaligen Zuversicht nichts übrig geblieben ist.

Wilde Wendezeit

Nachdem Brussig mit seiner Mauerfall-Groteske "Helden wie wir" und dem erfolgreich verfilmten Roman "Am kürzeren Ende der Sonnenallee" das Ende der DDR aus tragisch-komischer Perspektive geschildert hat, will er nun nicht länger der Zonenkasper sein, wie er es formuliert. Auf 600 Seiten fährt er eine ganze Parade von Figuren und Stilen auf, die keinen Aspekt der wilden Wendezeit und der ersten westlichen Übergriffe auf die zusammengebrochene ostdeutsche Volkswirtschaft auslassen. Historienbilder wie dieses finden sich in der Herbst-Literatur auffällig häufig: jedes Jahrzehnt seit Kriegsende, so scheint es, wird poetisch durchdekliniert, so als sei man der Geschichten über das eigene, nicht selten ereignisarme, Leben müde.

Buchcover: Regener - Neue Vahr Süd

Sven Regener - Neue Vahr Süd

Die 1980er Jahre zum Beispiel. Sven Regener versetzt seinen Erfolgshelden Herrn Lehmann zurück in dessen Bremer Jugendzeit. "Neue Vahr Süd", so der Titel des Romans, ist ein ödes Neubauviertel, Sinnbild für die Langeweile der Provinz, für die Langeweile als Lebensgefühl der achtziger Jahre überhaupt: ein Sittenbild der damaligen Bundesrepublik, wie sie einer wie Lehmann erlebt hat: mit endlosen Debatten in Wohngemeinschaften und K-Gruppen, mit Bundeswehrdrill und der immer wieder gestellten Frage, wofür oder wogegen man sich überhaupt engagieren soll.

Anarchische Stimmung

Seyfried

Der Schriftsteller und Polit-Cartoonist Gerhard Seyfried mit neuem Buch

Zehn Jahre früher wusste man das noch sehr genau. In "Der schwarze Stern der Tupamaros" erinnert Gerhard Seyfried noch einmal an die Stimmung des Deutschen Herbstes, als die linke Szene sich an der Gewaltfrage spaltete. An dem Paar Fred und Jenny zeigt er die Wege und Abwege, auf die man damals geraten konnte: Während der Spaßguerilla Fred noch rechtzeitig die Kurve kriegt, driftet Freundin Jenny in die radikale gewalttätige Szene ab und wird am Ende von der Polizei erschossen. Der Roman soll den Widerstandsgeist und die anarchistische Stimmung des Autors wiedergeben.

Sophie Dannenberg kennt diese Stimmung nur aus Erzählungen. Und als Nachgeborene kann sie daran gar nichts gut finden. In "Das bleiche Gesicht der Revolution" rechnet die 33jährige Berlinerin mit einer Generation ab, die in ihren Augen die Institution der Familie zerstört hat. Aus der Sicht einer Tochter schildert sie in ihrem Roman die Erziehungsexperimente der 68iger Eltern, die so politisch korrekt wie mitleidlos und brutal sind. Doch als Satire, wie beabsichtigt, funktioniert der Roman nicht. Zu sehr merkt man eine distanzlose Wut, die der Autorin offenbar die Feder geführt hat. Eine historische Epoche als Hintergrund reicht eben allein für einen guten Roman nicht aus, meint der Kritiker Tilman Krause: "Aber es gelten natürlich andere Gesetze, die immer gelten, man muss Figuren schaffen, die nicht nur als Abziehbilder als Typen der Epoche funktionieren, sondern die auch ein Eigenleben haben."

Wunden und Traumata

Ein Eigenleben wie der der 12 -jährige Julian in Ralph Rothmanns Roman "Junges Licht" zum Beispiel. Ein Entwicklungsroman, der in die 60iger Jahre zurückführt. Krause sagt, dass man den Roman als Milieuschilderung des Bergbaumilieus der 60iger Jahre lesen: "Aber im Grunde geht es dem Autor nicht darum, sondern um eine Kindheitsgeschichte, die Geschichte eines sensiblen Jungen, der sich gewissermaßen an den Beschränkungen seines Milieus stößt und dabei erwachsen wird." Es ist Rothmanns sprachliche Meisterschaft, die diesen Roman so herausragen lässt, der Umgang mit dem Zeichensystem, das weit über ein bloßes Abschildern von Geschichte hinausgeht.

Buchcover: Forte - Auf der anderen Seite der Welt

Buchcover: Dieter Forte - Auf der anderen Seite der Welt

Noch einem zweiten Autor ist das in diesem Herbst gelungen: Dieter Forte mit seinem Roman "Auf der anderen Seite der Welt". Er spielt in den fünfziger Jahren als man in Deutschland mit dem Wiederaufbau beschäftigt ist - und dem Vergessen und Verdrängen des Krieges und seiner Ursachen. Nur Fortes Held, ein junger lungenkranker Mann, nimmt daran nicht teil. In der Isolation eines Sanatoriums kann er seinen Erinnerungen und denen seiner Mitpatienten nicht entrinnen. Im Strom der Erzählungen werden die Wunden und Traumata der jüngsten Vergangenheit offen gelegt. Die andere Seite der Welt, ein Zauberberg im Nachkriegsdeutschland. "Der Mensch besteht aus seinem Gedächtnis, alle Erinnerung bereichert ihn", heißt es an einer Stelle. Dieter Forte ist es gelungen, die vielen individuellen Erinnerungen zu einem Buch zu komponieren, das man mit Fug und Recht einen Epochenroman nennen kann. Nicht mehr und nicht weniger kann man als Leser von einer literarischen Erkundung der Geschichte erwarten.