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Lateinamerika

Geschichte und Aufarbeitung: "Immer heißt es, rede nicht davon. Das stört mich!"

Eine Woche lang machte sich Bettina Amaya Rossi ein Bild über die historische Aufarbeitungsarbeit in Deutschland. Die Guatemaltekin hat selbst viel von ihrer Arbeit mit der dunklen Geschichte ihres Landes zu erzählen.

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Besonders beeindruckte Bettina Amaya Rossi der Besuch des Denkmals für die ermordeten Juden Europas in Berlin

Wohin Bettina Amaya Rossi auch schaut, graue Wände. Eben waren die Quader aus Beton noch ganz klein, jetzt ragen sie weit über ihren Kopf hinaus. Das Feld, in dem sie sich bewegt, ist gitterförmig angelegt und trotzdem völlig unübersichtlich.

"Das Denkmal ist nicht unumstritten", hatte die Referentin der Stiftung Denkmal für die ermordeten Juden Europas zu Beginn der Tour erzählt. "Vielen fehlt der emotionale Zugang - andere sehen keine verständliche Beziehung zum Holocaust." Das Denkmal wurde im Jahr 1988 von Lea Rosh initiiert, und 2005 eingeweiht, nach 17 Jahren schwieriger und teils heftiger Debatten, erzählt die Referentin weiter, Lea Rosh ist Journalistin und Publizistin. Dieses Detail gefällt der Besuchergruppe, viele von ihnen sind auch Journalisten. Die anderen sind Soziologen oder, wie Bettina Amaya Rossi Politologen. Alle arbeiten sie im Bereich historische Aufarbeitung in ihren Ländern.

Umgang mit Vergangenheit

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Die Kolumbianer und Guatemalaken aus der Gruppe sind selbst bei der historischen Aufarbeitung ihrer Länder aktiv

Die elf Kolumbianer und Guatemalteken nehmen an einer von der DW Akademie organisierten einwöchigen Reise zum Thema historische Aufarbeitung und Erinnerungskulturen in Berlin und Umgebung teil. Im Fokus des Programms stehen der Erfahrungsaustausch zwischen den Gästen aus Lateinamerika und die Begegnung mit den Spuren der deutschen Vergangenheit. Neben dem Denkmal für die ermordeten Juden Europas besuchten sie andere historische Stätten wie das Konzentrationslager Sachsenhausen oder das Stasi-Archiv.

Bettina Amaya Rossi beeindruckt, wie Deutschland mit seiner Vergangenheit umgeht. "Ob durch die Stolpersteine, die Berliner Mauer oder die Denkmäler: Das historische Gedächtnis der Stadt ist an jeder Ecke wahrnehmbar. Für mich ist das maßgebend für die Identität eines Volkes. Es hilft dir zu verstehen, woher du kommst, woher deine Vorfahren kommen, was sie erlebt haben." Beeindruckt hat die 29-jährige auch, dass es viel Aufarbeitungsarbeit von staatlicher Seite gibt. In ihrem Heimatland Guatemala sind es hauptsächliche NGOs, so wie ihr Arbeitgeber Memorial para la Concordia ("Erinnerungsmahnmal für die Eintracht") die sich engagieren.

Plattform Memorial para la concordia, Guatemala

Mit der interaktiven Karte Mapeo de la Memoria der NGO Memorial para la concordia kann man über die Verbrechen während des Bürgerkriegs in Guatemala lernen (Screenshot)

Jahrzehnte Krieg und Schweigen

Von 1960 bis 1996 herrschte in Guatemala Bürgerkrieg, ausgetragen zwischen linksgerichteten Guerillaorganisationen und dem Militär. 1982 putschte sich der General Efraín Ríos Montt an die Macht. Er beschuldigte die im nördlichen Guatemala lebenden Ixil-Indigenen mit der Guerilla zu kooperieren. Während seiner einjährigen Regierungszeit wurden laut der guatemaltekischen Kommission für Historische Aufklärung tausende Indigene vergewaltigt, ermordet oder aus ihren Dörfern vertrieben. Am 11. Januar 2016 hätte im dritten Anlauf ein Gerichtsverfahren gegen den heute 89-jährigen Ríos Montt und seinen ehemaligen Geheimdienstchef Mauricio Rodríguez Sanchez beginnen, doch es wurde erneut verschoben. Der Bürgerkrieg hat die Gesellschaft polarisiert, was eine Aufarbeitung der Geschehnisse schwierig macht. "Wenn jemand versucht, über diese Zeit in der Öffentlichkeit zu reden, wird er sofort als 'Linker', als Radikaler, als Unruhestifter bezeichnet", so Bettina Amaya Rossi.

Die Familie von Amaya Rossi war nicht direkt an dem Konflikt beteiligt. Doch in Guatemala wird nicht darüber gesprochen - wie auch in Nachkriegsdeutschland oder Kolumbien. "In Guatemala Stadt bekam man wenig davon mit, was auf dem Land passiert war. Oder man tat zumindest so. Meine Mutter wurde schon als Kind eingeschärft, die Finger von der Politik zu lassen. Mein Vater ist selbst vor dem Bürgerkrieg in Nicaragua, in dem die linken sandinistische Regierung gegen ehemalige Militärs kämpfte, geflohen." Als Nicaraguaner in Guatemala versuchte man zu der Zeit lieber den Kopf gesenkt zu halten, erzählt Amaya Rossi weiter. „Immer heißt es, rede nicht davon. Das stört mich!“

Bettina Amaya Rossi will darüber reden, das ist die Motivation für ihre Arbeit. Bei Memorial para la Concordia editiert sie eine interaktive Karte, in der Lokaljournalisten Informationen, Reportagen und Bilder zu den Menschenrechtsverletzungen während des Bürgerkriegs hochladen können. Das Projekt wurde von der DW Akademie mitfinanziert. Die Karte soll helfen, das Ausmaß des Konflikts zu visualisieren. Jede Geschichte wird in Verbindung zu dem Ort, an dem sie passiert ist angezeigt. "Die Leute sollen erkennen, dass alle Guatemalteken überall im Land Opfer des Bürgerkriegs waren und dass sie nicht allein sind mit ihrem Schicksal."


Digitale Aufklärungsarbeit

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Bettina Amaya Rossi

Auf persönlicher Ebene hat sich für Bettina Amaya Rossi schon etwas verändert. "So langsam fangen meine Eltern an, sich mehr zu öffnen, als käme ihnen nach und nach die Erinnerung zurück. Ich habe ihnen die Karte gezeigt, meine Mutter findet sie sehr schön und sie liest die Reportagen gerne. Es ist schön zu sehen, dass sie sich jetzt mehr mit dem Thema befasst. Mein Vater redet jetzt ab und an mit mir über das, was in dieser Zeit geschehen ist. Er findet mittlerweile auch, dass es so etwas in Nicaragua geben sollte."

In Guatemala habe man trotzdem noch viel Arbeit vor sich, sagt Bettina. Durch die Gespräche mit Deutschen hat sie gemerkt, wie offen und friedlich diese mit der dunklen Vergangenheit umgehen. Davon ist man in Guatemala noch weit entfernt. Offene Gespräche wie sie Bettina in Deutschland führen konnte, bringen zudem auch einen Austausch von Erfahrungen und Ideen für die Arbeit mit der historischen Aufarbeitung. So ist Bettina auf ihrer Reise in Deutschland und durch die Gespräche mit den kolumbianischen Teilnehmern bewusst geworden, wie wichtig es ist, Zeitzeugen einzubeziehen. Daran will sie nach ihrer Rückkehr arbeiten.

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