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DW-RADIO

Geschichte mit Lücken

Der Zweite Weltkrieg hatte auch Auswirkungen auf die Länder der "Dritten Welt". Aber die werden in Kriegserinnerungen selten erwähnt. Das will eine Wanderausstellung ändern, die im September in Berlin Premiere hatte.

Afrikanische Kolonial­soldaten der britischen Streitkräfte beim Training (Foto: Imperial War Museum, London)

Afrikanische Kolonial­soldaten der britischen Streitkräfte beim Training

"Wenn ihr das nächste Mal Krieg führt, dann bitte nicht bei uns", lautet der bescheidene Wunsch einer alten Frau von der Inselgruppe Palau in Mikronesien. Ihr Bild, der zarte Körper, das zerfurchte Gesicht, brennt sich in das Gedächtnis ein. Denn es klagt an, stellvertretend für all die Opfer aus der Dritten Welt, die in deutschen Statistiken über den Zweiten Weltkrieg nicht genannt werden.

­Frau von der Insel Guam 1944 nach der Befreiung von japanischer Besatzung. (Foto: National Archives, U.S. Marine Corps)

­Frau von der Insel Guam 1944 nach der Befreiung von japanischer Besatzung

"In den meisten Büchern werden schon die Millionen Toten in China nicht mal erwähnt", sagt Karl Rössel. Mitte der neunziger Jahre war ihm und einigen Kollegen im „Rheinischen JournalistInnenbüro“ in Köln aufgefallen, dass es kaum Material über die Auswirkungen des Zweiten Weltkrieges auf die so genannte "Dritte Welt" gab. Damit begann ein historisches Langzeitprojekt mit Recherchen in 30 Ländern. Es folgten die Gründung des Vereins "Geschichte e.V.", Buch- und Zeitschriftenpublikationen sowie die Veröffentlichung von Unterrichtsmaterialien. Und nun hat Rössel eine Ausstellung zur Geschichte der Dritten Welt im Zweiten Weltkrieg zusammengestellt, die vom 1. bis zum 20. September 2009 in Berlin zu sehen war.

Kolonialsoldaten und Zwangsarbeiter

Sie erinnert mit einer großen Weltkarte zunächst daran, dass die meisten Länder der Welt zur Zeit des Zweiten Weltkriegs noch Kolonien waren. Großbritannien verfügte mit dem Commonwealth und ehemaligen Kolonien wie Kanada und Australien fast über ein Viertel der Erdoberfläche und über ein Viertel der Bevölkerung. Frankreich hatte ein Kolonialreich, das war zwanzig Mal so groß wie das "Mutterland" und hatte 100 Millionen Einwohner. Japan kontrollierte den ganzen Norden des Pazifiks und die USA hatten Kolonien wie die Philippinen und einige pazifische Inseln, die militärstrategisch sehr bedeutsam waren.

Afrikanische Kolonialsoldaten 1939 in einem französischen Schützengraben (Foto: S.I.R.P.A.)

Afrikanische Kolonialsoldaten 1939 in einem französischen Schützengraben

Als der Krieg gegen die faschistischen Achsenmächte Deutschland, Italien und Japan dann begann, wurden alle diese Länder mit einbezogen. Millionen Soldaten aus Afrika, Asien und Ozeanien haben im Zweiten Weltkrieg gekämpft. Die größte Kolonialarmee stellte Indien mit 2,5 Millionen Soldaten, 60.000 von ihnen kamen ums Leben. Darüber hinaus mussten die Kolonien der Krieg führenden Mächte Nahrungsmittel für die kämpfenden Truppen und Rohstoffe für die Rüstungsproduktion liefern, Hilfstruppen und Hilfsarbeiter wurden oftmals mit Gewalt rekrutiert. Und japanische Militärs verschleppten hunderttausende asiatische Frauen in ihre Frontbordelle. Heute sei viel von globaler Perspektive die Rede, sagt Karl Rössel. Dazu gehöre aber eine globale Betrachtung der Geschichte. „Wir reden alle von Weltkrieg. Dann müssen wir den großen Teil der Welt, der daran beteiligt war, und der Afrika, Asien, Ozeanien und Lateinamerika heißt, auch zur Kenntnis nehmen.“

Kollaborateure und Mitläufer

Aitape, Papua Neuguinea, August 1944: auf Befehl weißer Offiziere mussten die Insulaner alles, was die kriegführenden Armeen brauchten, über glitschige Pfade ins umkämpfte Gebirge Neuguineas schleppen (Foto: National Archives, U.S. Army Signal Corps)

Papua Neuguinea im August 1944: auf Befehl weißer Offiziere mussten die Insulaner alles, was die kriegführenden Armeen brauchten, über glitschige Pfade ins umkämpfte Gebirge Neuguineas schleppen

Rund um den Globus haben Karl Rössel und seine Kollegen aus dem Verein "Geschichte e.V." recherchiert. Sie haben mit Überlebenden und Historikern gesprochen sowie Fotos und Dokumente gesichtet. Die Ausstellung versteht sich als Übersetzer und Vermittler der vergessenen Befreier und Zeitzeugen, daran lässt der dokumentarische Charakter keinen Zweifel. Aber sie spart auch nichts aus. Denn, so Rössel, es habe nicht nur Opfer und Soldaten auf den Seiten der Alliierten gegeben. Sondern auch Kollaborateure, Mitläufer und Mitkämpfer der faschistischen Armeen und Achsenmächte. Sowie eine arabische und indische Legion der deutschen Wehrmacht, rekrutiert aus Gefangenen, die zum Überlaufen überredet wurden. Auf arabischer Seite habe es Kollaboration bis in die höchsten Regierungsstellen gegeben. Das seien Fakten, die Leute heutzutage nicht mehr gerne hören, die aber zur Geschichte dazugehörten.

Streit um Ausstellung

Die Geschäftsleitung der Berliner "Werkstatt der Kulturen" sah das anders. Eigentlich sollte die Ausstellung hier gezeigt werden. Doch die Werkstatt-Leiter befürchteten, dass in der Ausstellung die Befreier vom Nationalsozialismus mit NS- Kollaborateuren gleich gestellt werden könnten. Dass das nicht so ist lässt sich am neuen Ausstellungsort, in den Uferhallen, schnell überprüfen. Dort findet sich auch eine Definition des Begriffes "Dritte Welt". Der war ebenfalls kritisiert worden: er fasse alle nicht weißen Akteure zusammen, unabhängig davon, woher sie kämen. Tatsächlich ist "Dritte Welt" aber ein Kampfbegriff. Er wurde in den 1960er Jahren geprägt von Frantz Fanon, dem Theoretiker der anti-rassistischen und anti-kolonialen Bewegung.

Autorin: Silke Bartlick

Redaktion: Marlis Schaum