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Europa

Geschichte mit den Augen des Anderen sehen

Geschichte soll versöhnen, nicht spalten. Dafür kämpft die südosteuropäische Organisation CDRSEE. Jetzt wurde sie mit dem Menschenrechtspreis der Friedrich-Ebert-Stiftung ausgezeichnet.

"Wer den Frieden wahren will, der muss Menschen eine Perspektive geben", sagte der Präsident des Europaparlaments Martin Schulz bei der Preisverleihung in der Friedrich-Ebert-Stiftung (FES). Genau dieses habe das Zentrum für Demokratie und Versöhnung in Südosteuropa (CDRSEE) getan, indem es in den Jahren 2008 und 2009 rund 15.000 Flüchtlingen und Rückkehrern dabei half, sich in die serbische Gesellschaft zu integrieren und Arbeit zu finden.

Das CDRSEE wurde wegen seiner Aktivitäten in den vergangenen 15 Jahren mit dem diesjährigen Menschenrechtspreis der FES ausgezeichnet. Der Präsident des Europaparlaments hielt die Laudatio. Schulz würdigte die von dem CDRSEE veranstalteten gemeinsamen Workshops von kosovarischen und serbischen Lehrern und Journalisten und die Sommercamps mit Jugendlichen verschiedener Balkanländer. Das wichtigste Projekt des Zentrums ist aber die Auseinandersetzung mit der Geschichte.

Wandel durch internationale Zusammenarbeit

Die vier Bände der von dem CDRSEE initierten Balkan-Historie (Foto: DW/P. Kouparanis)

Balkan-Geschichte in vier Bänden: Das CDRSEE hat es möglich gemacht

"Geschichtsbücher können eine Art vormilitärische Ausbildung sein", sagt die Belgrader Historikerin Dubravka Stojanovic. Besonders betroffen: der Balkan. Hier dienen Geschichtsbücher nicht nur dazu, Vergangenes zu erklären. Sie sollen auch die nationalistische Politik der Staatsführung legitimieren. Deshalb werden in manchen Ländern wissenschaftliche Einrichtungen vom Staat per Gesetz beauftragt, die nationale Geschichte niederzuschreiben. Historiker, die nationale Mythen in Frage stellen, werden häufig öffentlich von politischen Parteien, Kirchenvertretern oder Medien diffamiert. Vor allem dann, wenn das eigene Volk nicht nur Opfer, sondern auch Täter hervorgebracht hat.

Doch wie kann man eine nationalistische Geschichtsperspektive überwinden? "Durch Internationalität", sagt Professor Ulf Brunnbauer, Direktor des Südostinstituts der Universität Regensburg.

Porträt von Professor Ulf Brunnbauer, Direktor des Südostintituts der Universität Regensburg (Foto: DW/P. Kouparanis)

Prof. Ulf Brunnbauer: Nationalistische Geschichtsperspektive durch Internationalität überwinden

Wenn man Geschichte nur für die zwei Millionen Menschen einer Nationalität schreibt, die eine Sprache beherrschen und "die sich immer für zwei, drei Ereignisse aus der Nationalgeschichte interessieren, dann wird das wahrscheinlich nichts werden. Wenn man aber international eingebunden ist und kooperiert, dann ergibt sich eine Innovation fast von selbst." Diese Herangehensweise ist das Arbeitsprinzip des CDRSEE.

Finanziert wird das Zentrum von 27 Regierungen, Institutionen und Unternehmen. Darunter sind die Europäische Kommission, die deutsche und schwedische Regierung und Coca-Cola. Gegründet wurde es vor 15 Jahren von griechischen Unternehmern in Thessaloniki. "Auslöser waren die jugoslawischen Zerfallskriege", erinnert sich Costas Carras, Historiker und Vorstandsmitglied des CDRSEE. Die Kriege hätten gezeigt, welche zerstörerische Kraft noch immer in der Geschichtsschreibung der einzelnen Länder und Völker liege.

Porträt von Costas Carras, griechischer Reeder und Mitbegründer des CDRSEE (Foto: DW/P. Kouparanis)

Costas Carras: Zerstörerische Kraft in der Geschichtsschreibung der einzelnen Länder

Die jeweils nationale historische Wahrheit wurde genutzt, um kriegerische Auseinandersetzungen zu legitimieren. Deshalb war das zentrale Anliegen des CDRSEE, eine neue Herangehensweise an die Geschichte zu ermöglichen. Das Ziel sollte nicht etwa das Niederschreiben einer "zusammengeschusterten Geschichte" sein. Vielmehr wollte man die kritische Einstellung zur Geschichte fördern.

Die Sicht des anderen kennenlernen

Das Vorzeigeprojekt ist eine vierbändige Materialsammlung für den Schulunterricht. Über 60 Historiker aus allen Ländern Südosteuropas haben in jahrelanger Arbeit Quellenmaterial zu den Themen Osmanisches Reich, Nationen und Staaten Südosteuropas, Balkankriege und Zweiter Weltkrieg zusammengetragen. Darunter sind zeitgenössische Karikaturen, Ausschnitte aus Zeitungsartikeln und Politikerreden. Schülerinnen und Schüler können nun mit Hilfe dieses Materials vergleichen, wie zum Beispiel in den Nachbarländern der Ausbruch des Zweiten Balkankrieges gerechtfertigt, beziehungsweise wie das Verhalten der jeweils anderen beurteilt wurde.

Ähnlich werde man auch bei den beiden nächsten Bänden vorgehen, die in den folgenden drei bis vier Jahren herausgegeben werden sollen, erklärt Nenad Šebek, Leiter des CDRSEE. Der eine wird die Zeit des Kalten Krieges bis 1988 zum Gegenstand haben. Der andere die Ära des Übergangs zwischen 1989 und 2001. Über die Reaktionen nach der Veröffentlichung macht sich Nenad Šebek keine Illusionen.

Porträt von Nenad Šebek, Leiter des CDRSEE (Foto: DW/P. Kouparanis)

Nenad Šebek: Für die Nationalisten sind wir wahrscheinlich Verräter

Man werde wahrscheinlich wieder einmal als Verräter von all denjenigen denunziert werden, "die den Geschichtsunterricht als eine ethnozentrische nationale Pflicht betrachten". Doch Šebek gibt sich gelassen. Schon in der Vergangenheit haben man so etwas "erlebt, überlebt und weitergemacht."

Diese Hartnäckigkeit hat sich gelohnt. Außer ins Rumänische und Slowenische wurde das Werk in alle südosteuropäischen Sprachen übersetzt. In Albanien, Kroatien, Serbien und auf beiden Teilen Zyperns ist es offiziell im Schulunterricht zugelassen.

In Griechenland wird es allerdings bisher nur in Privatschulen angewendet. Wie es hinter vorgehaltener Hand heißt, scheuen die griechischen Politiker den Konflikt mit Organisationen, die die Bücher ablehnen. Dabei soll es sich vor allem um die Vertreter von Auslandsgriechen aus Mazedonien handeln. Allerdings wird das Schulmaterial des CDRSEE zunehmend für die Lehrerausbildung an den griechischen Universitäten herangezogen.

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