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Amerika

Geschichte einer Polit-Show

Die Präsidentschaftsdebatten im US-Fernsehen sind ein fester Bestandteil des Wahlkampfs. In der Vergangenheit hat sich gezeigt, wie groß der Einfluss der Duelle auf das Wahlergebnis ist. Ein Rückblick.

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Für den Einzug ins Weiße Haus zählt auch gutes Aussehen

Am 26. September 1960 saßen mehr als 70 Millionen Amerikaner vor ihren Schwarzweiß-Bildschirmen, um Zeuge eines bis dato unbekannten Wahlkampfspektakels zu werden – dem ersten live im Fernsehen übertragenen Rededuell zweier Präsidentschaftsbewerber. Der damalige republikanische Vizepräsident Richard Nixon und sein demokratischer Herausforderer, Senator John F. Kennedy aus Massachusetts, stellten sich vor laufenden Kameras den Fragen der Journalisten. Ihre seither als "Great Debates" bezeichneten Rededuelle markieren die Geburtstunde des Fernsehens als Medium, das Wahlen entscheiden kann.

Der Klassiker

Richard Nixon

Sah beim Duell schlecht aus: Richard Nixon

Als die Übertragung der ersten Debatte begann, sahen die Zuschauer einen republikanischen Kandidaten, der noch sichtbar von einer Krankheit gezeichnet war. Nixon war blass, schlecht rasiert und schwitzte. Und wie um diesen erbarmungswürdigen Zustand noch zu unterstreichen, trug er an diesem Abend einen grauen Anzug. Sein Kontrahent Kennedy dagegen erschien sportlich und gebräunt, er agierte entspannt und lächelte gewinnend in die Kameras. Größer hätte der Kontrast kaum sein können – Nixon wirkte ausgebrannt und alt, Kennedy jung und dynamisch. Diesen negativen Eindruck konnte Nixon in den folgenden Rededuellen nicht mehr korrigieren.

John F. Kennedy

Jung und Dynamisch: John F. Kennedy

Und so war es keine Überraschung, dass die meisten Fernsehzuschauer Kennedy als den Gewinner der Debatten ansahen und angaben, dadurch auch in ihrer Wahlentscheidung beeinflusst worden zu sein. Aber viele Amerikaner hatten die Debatten noch am Radio verfolgt. Und sie gewannen einen völlig anderen Eindruck. Die meisten von ihnen bezeichneten Nixon als Sieger, da er die besseren Argumente gehabt habe. Im beginnenden Fernsehzeitalter zählte das aber nicht mehr. Der Siegeszug des Fernsehens veränderte die Bedingungen für die amerikanischen Präsidentschaftswahlkämpfe. Der äußere Eindruck wurde wichtiger als Inhalte und Argumente. Kennedy siegte hauchdünn – und wurde Amerikas erster "Fernsehpräsident".

Die Neuauflagen

Gerald Ford

Gerald Ford nach seiner Niederlage gegen Jimmy Carter

Trotz des großen Erfolges der "Great Debates" dauerte es 16 Jahre, bis das nächste Fernsehduell stattfand. Verantwortlich hierfür waren gesetzliche Beschränkungen und das Desinteresse der Kandidaten. Erst 1976 gelang es, eine neue Runde von Fernsehduellen zu organisieren – dieses Mal zwischen dem republikanischen Amtsinhaber Gerald Ford und seinem demokratischen Herausforderer Jimmy Carter. Ford besiegelte sein politisches Schicksal selbst, als er erklärte, Osteuropa stünde nicht unter dem Einfluss der Sowjetunion. Carter erklärte später: "Wenn die Debatten nicht gewesen wären, hätte ich die Wahl verloren. Sie gaben mir die Gelegenheit, mich als innen- und außenpolitisch kompetenter Kandidat zu präsentieren."

Reagan kurz vor dem Attentat

Kameras gewöhnt: Ex-Schauspieler Ronald Reagan

Vier Jahre später hatte Carter diesen Kompetenzbonus gründlich verspielt. Im Verlauf der zweiten Fernsehdebatte wandte sich sein Herausforderer Ronald Reagan an die Zuschauer und stellte ihnen die berühmt gewordene Frage: "Finden Sie, dass es Ihnen heute besser geht als vor vier Jahren?". Die meisten Amerikaner fanden das nicht – und Carter war erledigt. Ronald Reagan, der "große Kommunikator", war der ideale Kandidat für einen Fernsehwahlkampf. In den Debatten des Jahres 1984 begegnete er einer Frage nach seinem Alter (immerhin war er bereits 73) mit der inzwischen legendären Bemerkung: "Ich werde Alter nicht zum Thema des Wahlkampfs machen. Daher werde ich die Jugend und Unerfahrenheit meines Gegners auch nicht für politische Zwecke ausnützen." Reagans Humor und seine einprägsamen Sätze kamen beim Publikum an – mit großer Mehrheit wurde er im Amt bestätigt.

Die Negativbeispiele

Es sind aber die Präsidentschaftsdebatten von 1988 und 1992, auf die George W. Bush und John F. Kerry ihr besonderes Augenmerk richten dürften. 1988 traf George Bush senior auf Michael Dukakis – wie Kerry ein Kandidat aus Massachusetts mit wenig emotionaler Ausstrahlung. Zu Beginn der zweiten Debatte fragte CNN-Reporter Bernard Shaw Dukakis, ob er im Falle einer Vergewaltigung und Ermordung seiner Frau für den Täter die Todesstrafe fordern würde. Mit emotionsloser Stimme und ohne erkennbare Gefühlsregung verneinte Dukakis dies und erläuterte in allgemeinen Phrasen seine Einstellung zur Todesstrafe. Die Wirkung war verheerend – Dukakis wirkte wie ein herzloser Technokrat. George Bush musste sich nach dieser Panne nicht mehr besonders anstrengen, sein Wahlsieg war gesichert.

Angst vor Fehlern

Fernsehduell George Bush und Al Gore

Ereignisloses Duell: George Bush und Al Gore

Vier Jahre später tappte Bush selbst in die Falle. Seine Aussichten für einen Sieg gegen Bill Clinton waren ohnehin nicht rosig. Er musste in den Fernsehdebatten punkten – und versagte kläglich. Auf die Frage, welchen Einfluss die Staatsverschuldung auf ihn persönlich habe, reagierte Bush hilflos: "Ich bin nicht sicher, ob ich Sie richtig verstehe. Helfen Sie mir ein wenig mit der Frage und ich versuche sie zu beantworten." Als er dann vor laufenden Kameras auch noch auf seine Uhr schaute – wie um sich zu versichern, wann die Debatte endlich vorbei sei – verspielte er seine letzte Chance auf eine Wiederwahl. Dieses Debakel scheint die Präsidentschaftskandidaten der Jahre 1996 und 2000 vorsichtig gemacht zu haben – ihre Fernsehduelle verliefen relativ ereignislos. Trotzdem verfolgen jetzt wieder Millionen Amerikaner die Debatten zwischen Bush und Kerry – und warten darauf, ob nicht doch einem der Kandidaten der alles entscheidende Fehler unterläuft.

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