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Welt

Geschacher um Genfer UN-Generaldirektor

Der Kasache Kassymstorat Takajew ist neuer Generaldirektor am Europäischen Hauptsitz der UN in Genf - ein kritikloser Vertreter des autoritären Machtsystems in Kasachstan.

Sitz der UNO in Genf (Foto: DW)

Sitz der UNO in Genf

Offiziell sollen Posten und Funktionen bei den Vereinten Nationen nach Qualifikation besetzt werden. Qualifikation wird nachgewiesen durch Ausbildung, beruflichen Werdegang und bisherige Erfahrungen eines Bewerbers. Doch insbesondere auf den höheren Ebenen der UN-Hierarchie sind oft sachfremde Faktoren ausschlaggebend für eine Personalentscheidung: Viele Mitgliedsregierungen wollen sich zum Beispiel politische Einflussnahme auf das UN-System sichern. Andere wollen verdiente - oder lästig gewordene - Politiker, Diplomaten oder Militärs bei den UN ver- beziehungsweise entsorgen. Außerdem treffen die besonders einflussreichen fünf ständigen Mitglieder des Sicherheitsrates Absprachen untereinander. Und manchmal spielt auch das Eigeninteresse des UN-Generalsekretärs eine Rolle, wenn es um seine Wiederwahl geht zum Beispiel.

Was dadurch passieren kann, zeigt sich jetzt aktuell am Fall des Kasachen Kassymstorat Takajew. Er tritt am Sonntag (01.05.2011) den Posten des Generaldirektors am europäischen UN-Hauptsitz in Genf an.

Verteidiger eines Autokraten

Kassymstorat Takajew (Foto: dpa)

Umstritten: Der Kasache Kassymstorat Takajew

Bis dahin amtierte Takajew neun Jahre lang als Präsident des Senats in der kasachischen Hauptstadt Astana. Zwischen 1994 und 1999 war er Außenminister und dann bis 2002 Regierungschef der ehemaligen zentralasiatischen Sowjetrepublik. In all den Jahren funktionierte Takajew als treuer und kritikloser Apparatschik im autoritären Machtsystem von Präsident Nursultan Nasarbajew, der Kasachstan seit über 22 Jahren regiert. Anfang April ließ Nasarbajew sich bei einer Wahl mit über 95,5 Prozent der Stimmen im Amt bestätigen. Manipulation nicht ausgeschlossen.

Die Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (OSZE) hat diese Wahl scharf kritisiert. Oppositionelle prangern massive Menschenrechtsverletzungen, Vetternwirtschaft und Korruption in Kasachstan an. Senatschef Takajew weist dies alles zurück.

Qualifizierte Bewerber blieben chancenlos

Ein geeigneter Mann also für den UN-Chefposten in Genf, wo unter anderem das UN-Hochkommissariat für Menschenrechte seinen Sitz hat und der Menschenrechtsrat tagt. Das sah jedenfalls UN-Generalsekretär Ban Ki Moon so - der hat Takajew Mitte März in sein neues Amt berufen.

Dabei lagen bereits im November vergangenen Jahres drei Bewerbungen von zum Teil sehr viel qualifizierteren Personen mit langjähriger UN-Erfahrung vor. Italiens Premierminister Silvio Berlusconi nominierte den ehemaligen italienischen Abrüstungsbotschafter Carlo Trezza. Aus Frankreich kandidierte Jean-Maurice Ripert. Der ist seit August 2009 Sonderbeauftragter des Generalsekretärs für Pakistan und war zuvor UN-Botschafter seines Landes in Genf und in New York, außerdem Direktor der Abteilung für internationale Organisationen im Pariser Außenministerium.

Angela Kane (Foto: AP)

Unterlegen: Angela Kane

Beworben hatte sich auch die ranghöchste Deutsche bei den Vereinten Nationen, Angela Kane. Sie ist seit 2008 Untergeneralsekretärin für Management in der New Yorker Zentrale und war zuvor vier Jahre lang beigeordnete Generalsekretärin für politische Angelegenheiten. In den 1990er Jahren diente sie dem damaligen Generalssekretär Kofi Annan als Sonderbeauftragte für verschiedene UN-Friedensmissionen. Kane genießt bei den UN einen hervorragenden Ruf als Managerin.

Ja-Sager gesucht

UN-Generalsekretär Ban mit Kasachstans Präsident Nasarbajew (Foto: AP)

UN-Generalsekretär Ban mit Kasachstans Nasarbajew


Ban Ki Moon entschied jedoch, diese drei Bewerbungen zu ignorieren, zumal Kane und Ripert nicht aktiv von ihren Regierungen in Berlin und Paris unterstützt wurden. Stattdessen forderte der Generalsekretär die Regierungen aller 193 UN-Mitgliedsstaaten schriftlich auf, ihm "geeignete Kandidaten" für das Amt des Generaldirektors in Genf zu benennen.

Ein höchst ungewöhnlicher Schritt, den Insider aus dem Umfeld Bans so erklären: Der Generalsekretär suchte Kandidaten, die von Regierungen unterstützt werden, welche für seine eigene Wiederwahl wichtig sind - und die steht im September an. Im Herbst 2006 hatten die USA und China Ban Ki Moon gemeinsam gegen sehr viel profiliertere Kandidaten durchgesetzt. Eine zweite Amtszeit ist ihm darum keineswegs sicher.

Indem er Takajew zum Genfer Generaldirektor beruft, hat Ban die Chancen auf seine Wiederwahl erhöht, heißt es. Denn Takajew hat immer gute Beziehungen zu Peking und Moskau unterhalten; jetzt ist er der Kandidat der beiden ständigen Ratsmitglieder Russland und China.

Globaler Schacher

Aber auch die USA haben keine Bedenken gegen Takajew geäußert. Denn mit dem Kasachen bleibt der Genfer Chefposten ex-sowjetischer Erbhof - das ist eine Tradition der UN-Personalpolitik, für die Washington mitverantwortlich ist. 1992, nach dem Ende des Ost-West-Konflikts und dem Zerfall der Sowjetunion, hatte Moskau seinen Anspruch auf einen der fünf Untergeneralsekretärsposten (USG) in New York verloren.

Um diesen Verlust zu kompensieren, sicherte der damalige US-Präsident George Bush sen. seinem russischen Kollegen Boris Jelzin zu, bei der Besetzung des Generaldirektorsposten am europäischen UN-Hauptsitz zu helfen: Nacheinander hatten den Posten zwei Russen inne. Ban Ki Moon konnte jetzt nicht erneut einen Russen berufen - auch, weil er erst im Juli vergangenen Jahres den früheren stellvertretenden russischen Außenminister Yury Fedotov zum Generaldirektor des UN-Büros in Wien ernannt hatte.

Autor: Andreas Zumach
Redaktion: Beate Hinrichs