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Ostmitteleuropa

"Geschäftsfrau auf Polnisch"

– In kaum einem anderen europäischen Land so viele Frauen in Leitungspositionen wie in Polen

Posen, 26.1.2003, WPROST, poln.

Frauen in Polen haben viel mehr Unternehmergeist als deutsche Frauen, obwohl sie 50 Jahre lang von der Geschäftswelt fern gehalten wurden", schreibt die (deutsche – MD) Zeitung "Die Welt". Auf diese Weise wurde dort die Tatsache kommentiert, dass 30 Prozent der Manager in großen Firmen in Polen Frauen sind. Solch einen Anteil an Frauen gibt es außer in Ungarn in keinem anderen Land Europas.

Den Frauen in Polen gehören 39 Prozent der kleinen und mittleren Firmen, und dies ist auch ein Rekord in Europa. Aus den Untersuchungen, die von Dr. Ewa Lisowska, einer Wirtschaftsexpertin von der Haupthochschule für Handel in Warschau durchgeführt wurden, geht hervor, dass die Polinnen bereit sind, schwerer und länger zu arbeiten als deutsche oder französische Frauen. (...)

Frauen stehen an der Spitze der größten Banken (wie z.B. Maria Wisniewska von der Bank Pekao SA), sie leiten die Organstationen der Arbeitgeber (wie Henryka Bochniarz) und haben internationale Erfolge auf der Manager-Ebene zu verzeichnen wie z.B. Karolina Janica, die Generaldirektorin der Firma Clear Channel Poland, die im letzten Jahr in einem Wettbewerb 65 andere Generaldirektoren von Vertretungen dieser Firma auf der ganzen Welt übertraf. Die Frauen stehen auch an der Spitze großer Firmen (...), meist jedoch leiten sie kleine oder mittlere Betriebe. (...)

Die Zahl der Firmen, die von den Frauen entweder gegründet wurden oder geleitet werden, ist seit 1989 um das Dreifache gestiegen, die Zahl der "Männerfirmen" jedoch nur um das Zweifache.

Die meisten selbständigen Frauen d.h. etwa 80 000 arbeiten auf den Dörfern, aber nur 50 000 von ihnen beschäftigen fremde Arbeitskräfte. In den Städten gibt es 400 000 Firmen, die von Frauen geleitet werden, bei denen 126 000 Personen beschäftigt sind. Die Geschäftsfrauen auf dem Lande führen meist landwirtschaftliche agro-touristische Beriebe, kleine Bäckereien usw. In den Städten hingegen bekleiden die meisten Frauen leitende Positionen im Banksektor, in der Werbung, im Marketing und in der Personalberatung. Auch in den Branchen, die als typisch männlich gelten wie z.B. Bau oder Transport, machen die Unternehmen, die von Frauen geleitet werden, 18 Prozent aller Firmen aus.

Aus den Untersuchungen von Dr. Ewa Liswoska geht hervor, dass den Schritt in die Selbständigkeit oft Frauen wagen, die in ihren bisherigen großen Firmen kündigten, weil sie dort vergeblich auf eine Beförderung warteten. (...)

Das "Geschäft der Frauen" entwickelt sich am schnellsten in Lodz, wo die meisten staatlichen Firmen aufgelöst wurden. "Die Bewohnerinnen von Lodz wurden gezwungen, eigene Firmen zu gründen. Die jungen Frauen konnten keine Arbeit finden, weil man befürchtete, dass sie schwanger werden. Diejenigen Frauen, die das 35. Lebensjahr überschritten hatten, wurden als zu alt eingestuft", sagt Grazyna Patulska, ehemalige Vorsitzende des Verbandes der Firmen-Inhaberrinnen, eine Abgeordnete der Partei Bürgerplattform.

Eine durchschnittliche Managerin aus Polen (70 Prozent von ihnen sind über 40 Jahre alt) unterscheidet sich von ihren Kolleginnen aus dem Westen vor allem darin, dass ihre familiäre Situation viel stabiler ist. In Polen haben 80 Prozent der Frauen- Manager Familien und Kinder. (...)

Der Grund dafür, dass die Frauen in Polen öfter als in anderen Staaten Europas leitende Positionen bekleiden, liegt darin, dass sie besser ausgebildet sind als die Männer. Dies geht aus den Untersuchungen von Dr. Ewa Lisowska hervor. In den Großstädten leben nämlich 25 Prozent mehr Frauen als Männer mit Hochschulabschluss.

Fachleute von der deutschen Personalberatungsfirma Boylen sind der Meinung, dass die Aktivität der Polinnen in der Geschäftswelt in gewissem Sinne auf die Zeit des Realsozialismus zurückzuführen sei. Zu Propagandazwecken wurden damals Frauen befördert und sie bekleideten wichtige Positionen. Als es dann die Marktwirtschaft gab, stürzten sich viele von ihnen darauf.

"Das ist eher eine Nebenwirkung des Kommunismus. Die polnischen Frauen mussten im Kommunismus lernen, wie man den Kühlschrank voll kriegt oder wie man eine Waschmaschine oder ein Fernsehgerät kaufen kann", bemerkt Henryka Bochniarz und fügt hinzu: "Diese Eigenschaften der Polinnen resultieren auch aus der Geschichte. Als die Männer bei den Aufständen in den Kampf gingen, als sie dann verhaftet und nach Sibirien transportiert wurden, mussten die Frauen selbst für den Unterhalt der Familie sorgen". "Die Emanzipation fing bei uns viel früher an als in vielen westlichen Ländern und diese Tradition blieb erhalten", sagt Janusz Tazbir, ein Historiker. (...) (Sta)

  • Datum 03.02.2003
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