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Europa

Geschäfte mit dem Tod - Organhandel auf dem Balkan

Seit einiger Zeit gibt es Ermittlungen gegen den organisierten Organhandel auf dem Balkan. Ein neuer spektakulärer Fall wurde nun aufgedeckt, drei albanische Ärzte wurden verhaftet.

Ein Arzt hält ein menschliches Herz in den Händen (AP Photo/Jamie-Andrea Yanak)

Grundlage für organisierten Organhandel ist der weltweit erhebliche Mangel an Organspendern

Die ehemalige Chefanklägerin des Haager Kriegsverbrechertribunals für das ehemalige Jugoslawien, Carla del Ponte, schrieb in ihrem Anfang des Jahres veröffentlichten Buch auch über Ermittlungen gegen die Kosovarische Befreiungsarmee UCK. Nach dem Krieg 1999, so Del Ponte, verfrachteten die albanischen Untergrundkämpfer mehrere hundert Nicht-Albaner, die sie während der Kampfhandlungen entführt hatten, aus dem Kosovo über die Grenze in die Gefangenenlager in Nordalbanien. Die Gefangenen wurden umgebracht, behauptet die Anklägerin, wobei den jungen und gesunden Menschen zuvor ihre inneren Organe entnommen wurden.

Buch von Carla Del Ponte im Bücherregel

Carla Del Ponte veröffentlichte dieses Jahr ihr Buch: "Die Jagd. Ich und die Kriegsverbrecher"

Diese hätte die UCK-Führung auf dem Schwarzmarkt verkauft, erklärt Bruno Vekaric, Sprecher der Staatsanwaltschaft beim serbischen Sondergericht für Kriegsverbrechen, in einem Interview mit der Deutschen Welle. "Die chirurgischen Eingriffe wurden innerhalb von zwei Jahren nach dem Ende des Krieges durchgeführt. In improvisierten medizinischen Zentren wurden schlimmste Verbrechen verübt, den Menschen wurden ihre Organe entnommen", sagt Vekaric. "Dies bestätigen uns sowohl die Aussagen der Zeugen, die diese Gefangenenlager gesehen haben, als auch eine Menge an Beweismaterial."

Die Staatsanwaltschaft geht von mindestens 300 Opfern dieser grausamen Organentnahmen aus. Die meisten seien Serben und Roma gewesen, einige wenige von ihnen Albaner. In Moskau vermutet man unter den Opfern auch russische Staatsbürgerinnen.

UCK-Kommandeure unter Verdacht

Ministerpräsident des Kosovo Hashim Thaci (AP Photo/Darko Bandic)

Ministerpräsident Hashim Thaci wird als einer der Hintermänner verdächtigt

Als Hintermänner werden in Belgrad die damaligen UCK-Kommandeure Hashim Thaci und Ramush Haradinaj vermutet. Sowohl Haradinaj, der spätere Ministerpräsident des Kosovo, als auch Thaci, der aktuelle Premier des heute unabhängigen Landes, wiesen jede Schuld von sich. Der Fall gewann trotzdem an politischer Brisanz. Der Sprecher der Staatsanwaltschaft möchte gegenwärtig noch keine Verdächtigen offiziell nennen. "Wir möchten nur die Wahrheit erfahren. Jegliche Kritik, die in den letzten Tagen zu hören war, wir würden serbische Propaganda betreiben, ist fehl am Platz", sagt Vekaric. Wir wollen mit der Politik nichts zu tun haben. Es geht hier nur um ein juristisches Prozedere."

Die ersten Ermittlungen wurden bereits vor Jahren von der UN-Mission im Kosovo geführt. Die Ergebnisse werden - so die Menschenrechtsorganisation "Human Rights Watch" in einem Bericht - aus ungeklärten Gründen geheim gehalten. Die Ermittler des Haager Gerichtshofs suchten in Nordalbanien nach Beweisen, fanden aber nur Indizien, räumte die Chefanklägerin Del Ponte ein. Sie hatten bislang jedoch auch noch keine Erlaubnis für Ausgrabungen an einem mutmaßlichen Massengrab der Opfer erhalten.

Möglicherweise Massengräber in albanischer Bergregion

Massengrab

Möglicherweise befinden sich in der albanischen Bergregion um Kukes zwei Massengräber

Die serbische Staatsanwaltschaft geht von zwei Massengräbern und vier provisorischen Operationsräumen in Gefangenenlagern in der schwer zugänglichen Bergregion Albaniens um die Städte Kukes und Tropoje aus. Die Staatsanwälte in Belgrad wollten vor Ort ermitteln. Ihr Rechtshilfegesuch lehnte Albanien letzten Monat mit der Begründung ab, die Haager Ankläger wären schon in Albanien gewesen und hätten nichts gefunden.

Der Fall beschäftigt mittlerweile auch den Europarat: Die Parlamentarische Versammlung in Straßburg schickte den Staatsanwalt aus Lugano, Dick F. Marty, auf den Balkan, um die Vorwürfe zu prüfen. Der Schweizer hat sich mit der Untersuchung der geheimen CIA-Flüge in Europa einen Namen gemacht. Vor fünf Jahren war bereits Martys Landsfrau, die Berner Menschenrechtlerin Ruth-Gaby Vermot-Mangold, Berichterstatterin des Europarats für Organhandel, in Moldawien. "Da habe ich mit jungen Männern geredet, die auf das Versprechen hin, sie würden Arbeit finden, in die Türkei gereist sind, sich für die Reise auch verschuldet haben", erzählt sie. "Dort hat man ihnen dann gesagt, dass es keine Arbeit gibt, die aber ihre Niere verkaufen können. Es gab kein Zurück mehr: Die wurden ins Krankenhaus gebracht, die Niere wurde sofort entnommen und gleich eingepflanzt."

I mmer noch Fälle von Organhandel in Europa

Eine junge Frau zeigt einen Organspendeausweis (dpa)

Patienten müssen legal teilweise bis zu 8 Jahre auf einen Organspender warten

Der Organhandel wurde in armen Regionen Südosteuropas bis in die erste Hälfte dieses Jahrzehnts von kriminellen Organisationen betrieben. Die meisten Händler haben zwar neue blutige Märkte in China, Indien oder Brasilien erschlossen. Doch das Geschäft läuft auch in Europa weiter. So wurden erst wieder am letzten Dienstag (04.11.2008) drei Ärzte in Pristina, der Hauptstadt Kosovos, verhaftet, weil sie einem israelischen Patienten gerade die Niere eines türkischen Organspenders implantiert hatten. Eine Niere bringt dem angeblichen Spender auf dem internationalen Markt 1000 bis 3000 Euro ein. Den Empfänger in Not kostet sie bis zu 200.000 Euro. Die Menschenrechtlerin Vermoth-Mangold beklagt die Untätigkeit der Staatengemeinschaft: "Es ist so einfach, diesen Nierenhandel zu machen. Es ist einfach, die Leute dazu zu bewegen, ihre Niere zu verkaufen, weil sie sehr arm sind, nichts anderes anzubieten haben, keiner ihre Arbeitskraft will. Und die Katastrophe ist, dass es möglich ist, dass deswegen niemand bestraft oder verfolgt wird."

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