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Afrika

Geschäft mit Konfliktrohstoffen: "Es geht um Millionen"

Rebellengruppen im Kongo verdienen mit dem Verkauf von Gold an europäische Geschäftsleute Millionen. Im DW-Interview gibt eine Insiderin Einblicke in ein hochgeheimes und zutiefst korruptes Geschäft.

Goldschürfer im Kongo Foto: LIONEL HEALING/AFP/Getty Images

Goldschürfer im Kongo

Koltan, Zinn, Gold - seltene Erden und Edelmetalle wie diese stecken in jedem Mobiltelefon. In Europa wissen nur wenige, dass diese Rohstoffe in kongolesischen Minen gefördert werden, die von brutalen Rebellengruppen kontrolliert werden. Auf dem Weg nach Europa wird alles getan, damit die Konfliktrohstoffe legal erscheinen. Die Uganderin Leyla Okello* hilft europäischen Geschäftsleuten, kriminelle Gold-Deals abzuwickeln.

DW: Frau Okello, europäische Geschäftsleute und kongolesische Rebellen kann man sich nur schwer zusammen vorstellen. Wie kommt so ein Goldgeschäft zustande?

Leyla Okello: Die Rebellen kontrollieren Gebiete in der Demokratischen Republik Kongo, in denen die Bevölkerung Gold abbaut. Dieses Gold kassieren die Rebellen ein. Dann wählen sie einen der Dorfbewohner aus, der das Gold aus dem Kongo nach Uganda schmuggeln muss. All diese Menschen sind sozusagen Zwangsarbeiter der Rebellen. Selbst die Kuriere, die das Gold über die Grenze bringen, bekommen von dem Erlös nichts ab. Die Rebellen haben ihre Familien unter ihrer Kontrolle und drohen damit, sie umzubringen, sollte etwas schief gehen.

Sobald die Kuriere in Kampala angekommen sind, treiben sie sich viel in den Hotels herum, von denen sie wissen, dass die entsprechenden Geschäftsleute dort hinkommen. Genau wie die Rebellen haben auch die Geschäftsleute Mittelsmänner, die den Kontakt zu den Goldverkäufern herstellen. Das passiert zum Beispiel über Facebook. In der Regel tritt der Verkäufer selbst erst dann in Erscheinung, wenn der Käufer feststeht. Dann organisiert der Mittelsmann ein Treffen.

Was ist Ihre Rolle bei der Abwicklung eines solchen Geschäfts?

Ich kam ins Spiel, weil ein Käufer jemanden suchte, der ihm mit Rat und Tat zur Seite steht und ihm hilft, die nötigen Dokumente zu besorgen. Meistens kommt das Gold ohne Herkunftszertifikat nach Uganda. Wir müssen dann einen Weg finden, damit es legal das Land verlassen kann.

Und wie funktioniert das?

In Uganda selbst wird nur wenig Gold abgebaut. Deswegen wäre es zu auffällig, eine so große Menge Gold auf einen Schlag zu exportieren. In einem Fall ging es um 2000 Kilogramm Gold. Das muss dann in mehreren Fuhren außer Landes gebracht werden. Für die benötigt man dann natürlich Herkunftszertifikate. Die Zertifikate sind echt, aber man bekommt sie durch die Hintertür: Man kennt jemanden im entsprechenden Ministerium, der Zugang zu den Dokumenten hat und die richtigen Unterschriften besorgt. Dem muss man dafür natürlich eine ganze Stange Schmiergeld zahlen. Außerdem muss man Beamte bestechen, um anschließend nicht so hohe Steuern auf das zertifizierte "ugandische" Gold zahlen zu müssen.

Sie arbeiten mit Kriminellen zusammen. Ist das nicht gefährlich?

Natürlich, es ist sehr gefährlich. Man bekommt mitten in der Nacht Anrufe von Menschen, die man nicht kennt, und die behaupten, ein besseres Angebot für einen zu haben. Irgendwann weiß man nicht mehr, wem man trauen kann. Ich habe mir eigens für diese Deals eine neue Handynummer zugelegt. Man muss eine gewisse Distanz zu den Leuten wahren. Man darf nicht zu viel über sich preis geben, sich nicht im eigenen Büro treffen. Die Nervosität ist bei allen extrem hoch. Schließlich geht es zum Teil um Millionenbeträge.

Goldschürfer im Kongo Foto: EPA/STEPHEN MORRISON +++(c) dpa -

Die Menschen, die in den von Rebellen kontrollierten Gebieten nach Gold schürfen, haben nichts von dem Reichtum

Wer sind Ihre Auftraggeber, wer kommt nach Kampala, um Gold zu kaufen?

Das ist ganz unterschiedlich. Viele sind Geschäftsleute, die eine Gelegenheit sehen, um schnelles Geld zu machen. Andere sehen es als einmaliges Abenteuer an. Für wieder andere baut ihr gesamtes Geschäft darauf auf. Sie haben eine Art Joint Venture mit Personen, die nach Afrika fliegen, um für sie das Geschäft zu erledigen. Einige sind auch bereits pensioniert und kommen her, um sich ihre Rente aufzubessern. Sie sehen den Kongo als gescheiterten Staat an. Darüber, wo das Geld hingeht und wessen Gold das ist, darüber machen sie sich keine Gedanken - sonst könnten sie ja überhaupt keinen Handel treiben. Und im Kongo gibt es eben alles, was sie für ihr Geschäft brauchen.

Sie profitieren von einem Geschäft, an dem sich die Rebellengruppen im Kongo bereichern - auf Kosten der lokalen Bevölkerung, die terrorisiert wird. Haben Sie keine Gewissensbisse?

Wissen Sie, dass, was im Kongo passiert, beschäftigt mich nur selten. Ich achte darauf, dass mein Klient das Gold dorthin bekommt, wo er es hin haben will. Und ich denke an das, was ich daran verdiene - schließlich kostet es mich sehr viel Zeit, die Treffen zu arrangieren und den ganzen Papierkram zu erledigen.

Einmal hat uns ein Goldverkäufer nach Geld für seine Familie gefragt, weil sein Kind krank war. Da habe ich gemerkt: Die Menschen bekommen von dem Geld gar nichts ab. Was auch immer sie verkaufen - es gehört ihnen nicht. So habe ich überhaupt erst davon erfahren, dass sie von den Rebellen geschickt werden, die das Gebiet kontrollieren. Die, die hierher geschickt werden, sind selbst nur Marionetten und riskieren ihr Leben, um das Gold zu verkaufen. Am Ende hat man doch ein wenig Mitleid mit ihnen. Sie haben vor allem und jedem Angst. Sie sind unfrei, können keine eigenen Entscheidungen treffen. Sie flehen einen sogar an: Bitte, lasst uns diesen Deal abschließen. Ich habe sehr viel zu verlieren, wenn er platzt.

Leyla Okello* ist studierte Juristin und lebt in Kampala, der Hauptstadt ihres Heimatlandes Uganda. Seit einigen Jahren unterstützt sie westliche Händler dabei, ihre Geschäfte mit kongolesischem Gold über Uganda abzuwickeln.

Das Interview führte Jan-Philipp Scholz.

*Name von der Redaktion geändert