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Amerika

"German Day" als Fest der Freiheit

US-Studenten wissen in der Regel nicht viel über deutsche Geschichte. Die Concordia Universität in Kalifornien will das mit Deutschunterricht ändern - und mit einem "Deutsch-Amerikanischen Tag".

Flaggen der USA und Deutschlands

Die Sitzreihen in der modernen Kirche der christlichen Concordia Universität sind dicht gefüllt. Die Besucher sind gekommen, um die neuen Studierenden zu begrüßen und gemeinsam die deutsche Einheit zu feiern. Initiiert hat die Feierlichkeiten der Leipziger Uwe Simon-Netto, der Leiter des lutherischen Zentrums der kalifornischen Universität. Er bezeichnet die Region südlich von Los Angeles, in der sich viele deutsche Siedler niederließen unter anderem Orangenplantagen anlegten und lutherische Gemeinden gründeten, als idealen Ort für eine solche Veranstaltung. "Die Menschen heißen hier Schultheiß und Müller, aber abgesehen von Bratwürsten, Bier und Holocaust wissen sie wenig von Deutschland."

'German Day'-Plakate (Foto: DW)

Programm-Ankündigung: 'German Day'

Für die Erstsemester ist die Veranstaltung Pflicht. Sie sind zwischen 18 und 20 Jahre alt. Die meisten kennen nur Bruchstücke deutscher Geschichte. Der 19-jährige Denis Bean versucht, sich daran zu erinnern, was er in der Schule gelernt hat: "War es nicht so, dass Ostberlin kommunistisch war und Westberlin eine Art Demokratie? Dann wurde Russland wieder demokratisch, die Mauer fiel und Menschen aus Ost- und Westberlin, die sich lange nicht gesehen hatten, kamen wieder zusammen?"

Charlotte Kremer ist schon im dritten Semester und möchte mehr erfahren über das Land, aus dem ihre Großeltern kommen. Sie gehört zu den über 60 Millionen US-Bürgern mit deutschen Vorfahren und hat einen Deutschkurs belegt. "Das ist meine Familie!" erklärt sie, "ich will darüber so viel wie möglich wissen, weil ich nicht nur Amerikanerin bin, sondern auch eine andere Geschichte habe, die ich verstehen möchte."

Geschichte zum Anfassen

Teller aus der ehemaligen DDR (Foto: DW)

Besonderes Ausstellungsstück: ein Teller aus der ehemaligen DDR

Die Studierenden können einen Dokumentarfilm über Deutschland vor 20 Jahren und heute sehen, in einer Ausstellung Mauerstücke, eine Leninbüste und DDR-Alltagsgegenstände anschauen. Sie hören deutsche Musik und sprechen mit Zeitzeugen über deutsche Geschichte - von der Bombardierung Dresdens über den friedlichen Weg zur Wiedervereinigung bis zur gegenwärtigen Wirtschaftslage Europas.

Angela Thompson, eine in Los Angeles lebende Autorin aus Dresden, liest aus ihrem Buch "Bleib immer neben mir". Es erzählt am Beispiel des Lebens ihrer Mutter die Geschichte Deutschlands im 20. Jahrhundert. Die 68-Jährige ist begeistert von der Neugier der Studenten. "Ich finde es vor allem schön, dass sich Leute am anderen Ende der Welt für Deutschland interessieren und dass wir etwas von unserer Freude über den Tag der deutschen Einheit hier zum Ausdruck bringen können."

Gebannt lauschen die Studenten der Geschichte vom Soldaten, der über Nacht die Uniform der Volksarmee gegen die der Bundeswehr eintauschte. Michael Reksulak unterrichtet inzwischen Wirtschaftswissenschaften an der Georgia Southern Universität. Ihn stört es nicht, dass die Studierenden in den USA kaum etwas über deutsche Geschichte wissen. Er betont vielmehr, dass ihre Aufgeschlossenheit, Neues zu lernen, sehr groß ist, selbst wenn das Thema nicht gerade naheliegt. "Meine Studenten, die wirtschaftliche Kurse bei mir belegen, kommen oft auf mich zu und fragen über Deutschland - wie war das denn damals und dann erzähle ich das auch gerne."

Mehr als eine Pflichtveranstaltung

Der Campus der Concordia Universität (Foto: DW)

Der Campus der Concordia Universität in Irvine, Kalifornien

Ein paar Dutzend Studenten verlassen die Veranstaltung, sobald der Pflichtteil beendet ist. Die, die bleiben, sind fasziniert von dem, was sie erfahren. Sie schauen sich die Ausstellungsstücke aus dem Kalten Krieg und das Programm des begleitenden Filmfestes an. Das zeigt unter anderem "Good Bye Lenin", "Sophie Scholl" und "Das Leben der Anderen". Charlotte Kremer freut sich darüber, dass sie selbst mehr über ihre deutschen Vorfahren lernen konnte und ihre Kommilitonen nun ein umfassenderes Bild von Deutschland haben.

Wenn die erfahren, dass Charlotte deutsche Vorfahren hat, erwähnen sie immer den Holocaust und sie versucht ihnen zu erklären, dass das zwar ein wichtiger Teil, aber nicht die ganze Geschichte Deutschlands ist. "Die meisten verbinden mit Deutschland Hitler und die ganze Tragödie. Aber es gibt so viele positive Aspekte Deutschlands, die mir gefallen." Am "German Day" in der Concordia University haben die Besucher von diesen Aspekten einiges kennenlernen können. Wegen des Erfolges der Veranstaltung möchte die Universität nun jedes Jahr einmal einen Tag zur deutschen Geschichte organisieren.

Autorin: Kerstin Zilm
Redaktion: Oliver Pieper