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Europa

Gerechtigkeit trotz Krise

Die Wirtschaftskrise hat die meisten EU-Länder sozial ungerechter gemacht, hat eine Studie der Bertelsmann-Stiftung herausgefunden. Doch es gibt interessante Ausnahmen, sagt Daniel Schraad-Tischler, der Autor der Studie.

DW: Herr Schraad-Tischler, Sie nennen diese Untersuchung Gerechtigkeitsindex. Was macht für Sie Gerechtigkeit in einem Staat aus?

Daniel Schraad-Tischler: Soziale Gerechtigkeit ist zwar immer auch Gegenstand politischer Auseinandersetzungen. Aber ich glaube, man trifft den Kern, wenn man sagt, soziale Gerechtigkeit bedeutet, dass jeder in einer Gesellschaft möglichst die gleichen Verwirklichungschancen, die gleichen Teilhabechancen haben soll. Das heißt, dass sozialer Hintergrund keinen negativen Einfluss darauf haben darf, was man aus seinem Leben machen kann.

Welche Länder schneiden besonders gut und welche besonders schlecht ab? Und warum?

Die nordeuropäischen Staaten - Schweden, Finnland, Dänemark - und auch die Niederlande schneiden sehr gut ab, sie bilden die Spitze. Der untere Teil wird überwiegend von süd- und südosteuropäischen Ländern gebildet. Gerade Griechenland hat in den letzten Jahren während der Krise enorm in der sozialen Dimension verloren und ist Schlusslicht in diesem Index.

Daniel Schraad-Tischler Experte der Bertelsmann Stiftung (Foto: Thomas Kunsch)

Daniel Schraad-Tischler

Gab es auch Überraschungen? Das eigentlich sehr wohlhabende Italien schneidet zum Beispiel sehr schlecht ab, Tschechien dagegen gut.

Italien liegt zwar beim Bruttoinlandsprodukt pro Kopf deutlich vor Tschechien, schneidet aber in unserem Index viel schlechter ab als Tschechien. Und das deutet darauf hin, dass in Italien über Jahre hinweg viele politische Weichenstellungen falsch gelaufen sind, was die Chancen gerade auch der jungen Menschen angeht. Italien ist sicherlich eines der ungerechtesten Länder, wenn es um Gerechtigkeit zwischen den Generationen geht, was die Chancen jüngerer Menschen auf dem Arbeitsmarkt oder die Frage der Armutsvermeidung unter jungen Menschen betrifft. In Tschechien sind da die Chancen deutlich besser.

Auffällig ist auch, wie weit oben auf der Skala Estland steht. Im Gegensatz übrigens zu seinem Nachbarn Lettland. Was begründet das estnische Erfolgsmodell?

Estland schneidet einmal im Bereich der Bildungschancen sehr gut ab. Da ist Estland - ähnlich wie Finnland - ein sehr erfolgreiches Land, wenn es darum geht, den Einfluss des sozialen Hintergrunds auf den Lernerfolg gering zu halten. Ein anderer Punkt ist die Generationengerechtigkeit. Estland ist das Land in der EU und auch in der OECD mit dem geringsten Schuldenstand im Verhältnis zur Wirtschaftsleistung, obwohl das Land stark von der Wirtschaftskrise betroffen war. Man bürdet dadurch künftigen Generationen deutlich weniger finanzielle Lasten auf als das in anderen Ländern der Fall ist.

Wir haben es also in hohem Maße mit der Frage zu tun, wie gerecht ein Land mit den Lasten der Krise umgegangen ist. Das ist dann also nicht unbedingt eine Frage des Wohlstands, oder?

Irland ist zum Beispiel sehr ungerecht mit der Verteilung der Krisenlasten umgegangen, obwohl es ein ähnliches Bruttoinlandsprodukt pro Kopf hat wie Spitzenreiter Schweden. Wir haben hier keinen Wohlstandsindikator aufgestellt. Aber man kann schon erkennen, dass es zwischen Wohlstand eines Landes und sozialer Gerechtigkeit einen Zusammenhang gibt. Also, in der Tendenz ist es schon so, je wirtschaftlich leistungsfähiger ein Land ist, desto höher sind auch die Chancen bei der sozialen Gerechtigkeit, aber das ist keineswegs ein Automatismus.

Was lässt sich über Deutschland beim Gerechtigkeitsindex sagen?

Deutschland steht auf Rang 7 von den 28 Mitgliedsstaaten. Und das Interessante ist, dass sich Deutschland als eines von nur drei Ländern - neben Polen und Luxemburg - in unserem Untersuchungszeitraum von 2008 bis heute leicht verbessern konnte. Die Mehrzahl hat sich verschlechtert. Die soziale Kluft ist fast überall größer geworden, aber in Deutschland konnte sie sich leicht verbessern.

Woran liegt das?

Das liegt vor allem daran, dass die Beschäftigungsentwicklung trotz Krise sehr robust war. Die Jugendarbeitslosigkeit ist die geringste in ganz Europa. Die Langzeitarbeitslosigkeit - ein zentraler Treiber für Armut - ist recht deutlich zurückgegangen. Die Beschäftigungsquote von älteren Menschen ist deutlich gestiegen. Das sind Gründe, weshalb sich Deutschland gegen den Trend verbessern konnte. Es gibt aber durchaus verbesserungswürdige Bereiche, etwa den Bereich Bildung, wo man nach wie vor einen sehr starken Zusammenhang zwischen dem sozialen Hintergrund von Schülern und deren Lernerfolg sehen kann. Auch ist beim Arbeitsmarkt die Durchlässigkeit von atypischen Beschäftigungsformen - Niedriglohnsektor, Zeitarbeit, Leiharbeit - hin zu Normalarbeitsverhältnissen gering. Das ist noch eine große Herausforderung.

Welches Land hat sich am meisten verbessert?

Das ist Polen. Dort ist es gelungen, das Risiko von Armut und sozialer Ausgrenzung zu minimieren. Die Krise hat Polen auch nicht so stark betroffen wie andere Länder. Die beiden Tusk-Regierungen haben da eine gute Politik betrieben. Bei Bildung hat man gerade im frühkindlichen Bildungsbereich investiert und die Strukturen verbessert. Polen ist zwar nach wie vor kein Topland in Sachen soziale Gerechtigkeit, es liegt nur etwa im Mittelfeld, aber kommt von weit unten und hat sich am meisten von allen Ländern verbessert.

Im Zeitraum von 2008 bis 2014 hat die Studie der Bertelsmann-Stiftung alle 28 EU-Länder nach Kriterien wie Armutsvermeidung, Bildungschancen, Gesundsversorgung oder Nichtdiskriminierung untersucht.