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Europa

Gerd Koenen: "Putin hat Osteuropa nichts zu bieten"

Präsident Putin möchte Russland als ein nach innen geeintes und nach außen stark auftretendes Land etablieren. Dabei sieht er die frühere Sowjetunion als natürlicher imperialer Rahmen, sagt Historiker Gerd Koenen.

Deutsche Welle: Es wird immer wieder behauptet, dass der russische Präsident Wladimir Putin versucht, die UdSSR wiederherzustellen. Gleichzeitig aber wächst in Russland der neue russische Nationalismus. Die Sowjetunion war allerdings ein Vielvölkerstaat mit dem "sozialistischen Internationalismus" als Grundprinzip. Wie passt beides zusammen?

Gerd Koenen: Es geht nicht darum, dass Putin "die UdSSR wiederherstellen" will. Weder dem verflossenen Sozialismus noch dem "sozialistischen Internationalismus" hat er eine Träne nachgeweint, im Gegenteil. Die "größte geopolitische Katastrophe des 20. Jahrhunderts" wie er den Zerfall der Sowjetunion nennt, bestand für ihn ausschließlich in der Schwächung Russlands. Die UdSSR sah er demnach als eine reine Erweiterung, gleichsam als den natürlichen imperialen Raum und Rahmen für das "tausendjährige" Russland, von dem er damals sprach. Dessen Zerfall zu stoppen, indem die "Kapitulation von Chasawjurt" (der Friedensschluss mit den Tschetschenen) aufgekündigt wurde und stattdessen den historischen Pfad der "Sammlung der russischen Erde" (wie es in der Diktion der alten russischen Imperialmythologie hieß) wieder aufzunehmen – das war das zentrale, klar erklärte Programm Putins in seiner Antrittsrede von 2005.

Sie schreiben über die eklektische Zusammensetzung des neuen russischen Wertesystems (Zar und Stalin). Es scheint aber so zu sein, dass die Mehrheit der Russen diesen Eklektizismus gar nicht bemerkt. Oder sie ignoriert ihn einfach?

Viele bemerken das natürlich – und sind erst mal erleichtert. Es gibt eben ein großes Bedürfnis, in der historischen Erinnerung wieder zusammenzufügen, was in der realen Geschichte des sowjetischen Russland so radikal und tödlich wie nur möglich getrennt gewesen ist: also Stalin und der Zar, die Weißen und die Roten, die Henker und die Opfer, die Atheisten und die Popen, usw. Das ist verständlich und in gewisser Weise sogar notwendig und vernünftig. Fatal wird die Sache aber dann, wenn von staatlichen Ideologiebehörden, und heute im Zweifelsfalle von Putin selbst als dem obersten Lehrer der Nation, versucht wird, alles zu harmonisieren. Dann wird die ganze, ungeheure, tragische Geschichte Russlands im 20. Jahrhundert zu irgendeiner vaterländischen Kitsch- und Heldenstory, statt dass man sich der vollen Härte dieser inneren Zerfleischungen und vor allem, der Erforschung ihrer Ursachen, stellte. Dann ist der Boden bereitet für eine endlose Selbstbeweihräucherung, worin das große Russland von Sieg zu Sieg schreitet, inmitten einer neidischen Welt von Feinden, denen es immer wieder heroisch widerstanden hat.

Viele Russen empfinden offensichtlich ein Gefühl der tiefen Erniedrigung. Sie glauben, dass der Westen sie belogen hat. Sind denn diese Einstellungen irrelevant?

Irrelevant sind solche Einstellungen natürlich nicht – aber im Großen und Ganzen sind sie gegenstandslos oder eher ein Produkt einer heiß laufenden Propagandamaschine, die völlig monoton und monoman funktioniert. Vor allem sind diese Behauptungen kompensatorisch. Wenn die Russische Föderation sich, abgesehen von den fetten Jahren der Öl- und Gaskonjunktur, in den letzten 15 Jahren der Ära Putin nicht auf breitere, solidere Füße gestellt hat, dann soll das wie immer am bösen Willen und der Missgunst der äußeren Feinde liegen. Dabei hat man Russland in alle (gerade auch westlichen) Gremien der Weltpolitik und Weltwirtschaft gleichberechtigt aufgenommen. Aus den G 7 wurden die G 8. Man hat Putin viele rote Teppiche ausgerollt. Das Problem ist, dass er immer noch auf eine weltpolitische "Parität" mit den USA fixiert ist, an der sich die alte, sozialökonomisch breiter aufgestellte alte UdSSR auch schon ruiniert hat.

Porträt Wladimir Putin (Foto:REUTERS/Alexei Druzhinin/RIA Novosti/Kremlin )

Koenen: Putin tritt als der oberste Lehrer der Nation auf

Man kann es noch nachvollziehen, wenn die Tatsache, dass die Europäer und die Amerikaner noch immer in der NATO vereinigt sind, während der Warschauer Pakt sich aufgelöst hat, viele in Russland nervös macht. Wer aber von einem "Vorrücken der NATO" spricht, braucht doch bloß auf die Landkarte zu schauen, um zu sehen, dass es sich bei den Szenarien einer angeblichen "Einkreisung" Russlands um ein komplettes Hirngespinst handelt. Wenn jetzt vom Kreml behauptet wird, in der Ostukraine stünde man "eigentlich" schon NATO-Truppen gegenüber, dann ist das vor allem eine Verhöhnung und Verhetzung der eigenen Bürger.

Die Europäische Union, die in allen Fugen ächzt und stöhnt und sich auf eine wundersame Weise irgendwie immer wieder zusammenrauft, als eine für Russland bedrohliche Macht zu sehen, ist noch viel abwegiger.

Wenn es sich tatsächlich um die Überwindung der "größten geopolitischen Katastrophe des 20. Jahrhunderts handelt", was wären dann die Pläne für die baltischen Staaten? Sie haben ja eine sehr wichtige Rolle in der geopolitischen Strategie der UdSSR gespielt – und sind heute Nato-Mitglieder.

Die jetzige Politik der russischen Führung ist eine Fortsetzung der fatalen Politik von Selbsteinschließung und globaler Überspannung, der die alte UdSSR ihren Kollaps wesentlich verdankt hat. Diese ganzen aufgewärmten "Geostrategie"-Spiele, in denen die kleinen baltischen Republiken irgendetwas ganz strategisch Bedeutendes für Russland oder für seine Gegner sein sollen, statt einfach kleine, potentiell freundliche und weltoffene Nachbarländer, sind schon eine völlig Verzerrung der Perspektive. Diese von Stalin 1940 (nach fast exakt demselben Muster wie jetzt die Krim) annektierten Ländchen sind, seit sie sich 1991 wieder unabhängig machen konnten, zwar NATO-Mitglieder; aber es gab bisher dort keinerlei "NATO-Stützpunkte" oder "NATO-Truppen". Jetzt, im Angesicht der Bedrohung durch ein Szenario verdeckter "hybrider" Kriegführung nach Donbass-Art, wird es dort kleine, eher symbolische, feste Einrichtungen dieser Art geben.

Warum aber wird jetzt wohl auch in Finnland oder Schweden über eine NATO-Mitgliedschaft nachgedacht? Das wären produktive Fragen, die Russland sich selbst stellen müsste. Warum produziert es immer wieder in seinen Nachbarländern so viel Furcht oder Misstrauen, und so wenig Freundschaft und Sympathie – und das sogar bei seinen engsten Verbündeten wie Weißrussland oder Kasachstan? Die Frage zu stellen, hieße sie auch zu beantworten: Weil das, was jetzt die Ukraine getroffen hat, sie morgen eben auch treffen könnte.

Und wie schätzen Sie die Gefahr für die ehemaligen Ostblockstaaten ein? Welche möglichen (und wohl unterschiedlichen) Strategien gegenüber Rumänien, Bulgarien, Polen und anderen Ländern Südost- und Osteuropas könnten Putins Berater entwickeln?

Ohne in diesen Dingen ein großer Experte zu sein, sehe ich überhaupt keine große, irgendwie kohärente Strategie des Kremls am Werk – nur den ständig wiederholten Versuch, hier ein paar Ziegel zu lockern und dort ein paar Interessengruppen, Parteien, Nostalgiker oder Frustrierte an sich zu binden. Ich sehe nicht, was Russland diesen Ländern so großartig zu bieten hätte. Man kann sicherlich Teile der politischen Eliten zu ködern versuchen, man kann die Leier der alten orthodoxen Verbundenheit schlagen, wie man es in Moldawien, Bulgarien, Serbien oder auch in Griechenland versucht. Aber "retten" kann Moskau Griechenland bei einem Staatsbankrott nicht, und auch nicht dauerhaft in seinen Orbit ziehen.

Es gibt recht intensive Versuche, so etwas wie ein Netzwerk aus altlinken und neurechten Gruppen, Plattformen, Medien usw. zu zimmern und ein phantomhaftes "Eurasien"-Projekt als Gegenentwurf zu den transatlantischen Verbindungen Europas zu lancieren. Aber als Politik ist das alles weitgehend destruktiv und eher heiße Luft. Und schon heute könnte man im Übrigen, was die eurasischen Orientierungen Russlands und seine Verstrickung im ukrainischen Krieg betrifft, konstatieren: The winner is – China!

Gerd Koenen ist ein deutscher Publizist und Historiker. Sein Hauptarbeitsgebiet sind die deutsch-russischen Beziehungen im 20. Jahrhundert sowie die Geschichte des Kommunismus.

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