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Europa

Gerüchte und Kriegsangst in Donezk

Schießereien, Schlangen vor Geschäften und geschlossene Büros. Am Stadtrand von Donezk toben schwere Kämpfe. Die Menschen sind entsetzt und verängstigt. Die Angst wird durch Gerüchte noch verstärkt.

Seit Beginn der

sogenannten Anti-Terror-Operation

gegen prorussische Separatisten in Donezk dröhnen über der Millionenstadt Kampfjets der ukrainischen Armee. Von Zeit zu Zeit heulen in verschiedenen Stadtteilen Sirenen. Zu hören sind auch immer wieder Explosionen, die die Menschen in Angst und Schrecken versetzen.

Schwere Kämpfe wurden vom nahe der Stadt gelegenen Flughafen gemeldet, den

bewaffnete Separatisten

zeitweilig besetzt hatten. Nach offiziellen Angaben wird der Flughafen nun von Regierungstruppen kontrolliert. Doch Flüge können dort seit Tagen nicht abgefertigt werden, berichtete Flughafen-Sprecher Dmitri Kosinow in einem Gespräch mit der Deutschen Welle.

Russisches TV verbreitet Schreckensmeldungen

Luftangriff auf Stellungen der Separatisten am Flughafen von Donezk (Foto: REUTERS/Yannis Behrakis)

Luftangriff auf Stellungen der Separatisten am Flughafen

Die Menschen in Donezk haben Angst, dass die Lage weiter eskalieren könnte. Ihre Informationen beziehen sie vor allem aus dem russischen Fernsehen. Dort werden ausschließlich die Regierungskräfte für die Gewalt verantwortlich gemacht. Es wurde etwa berichtet, die ukrainische Armee wolle nach den Kämpfen am Flughafen auch im Stadtzentrum gegen prorussische Separatisten vorgehen. Die Zivilbevölkerung sei in Gefahr. Die Regierung in Kiew dementiert diese Behauptungen. Auch der Bürgermeister Alexander Lukjantschenko versucht zu beruhigen. Er hat versichert, es werde keine Luftangriffe auf die Stadt geben. Er sagte auch, dass in Medien verbreitete Meldungen über eine Evakuierung von Donezk unwahr seien.

Doch die Menschen bleiben verunsichert. "Aus dem Fernsehen habe ich erfahren, dass eine Evakuierung der Stadt bevorsteht. Für diesen Fall habe ich schon eine Tasche gepackt ", sagte Natalia der DW. Ihr Arbeitgeber habe sie früher nach Hause gehen lassen. Die Gerüchte werden immer dramatischer. "Mich hat ein Mann angerufen. Er sagte mir, ich solle so schnell wie möglich in den Keller laufen, da die Stadt bombardiert werde", sagte eine andere Bewohnerin von Donezk. Die Oligarchen und Betrüger säßen in ihren Villen im Ausland und die Menschen in Donezk müssten in die Keller, sagte sie wütend.

Menschen wollen die Stadt verlassen

Geschlossene Läden auf dem zentralen Markt von Donezk (Foto: DW)

Geschlossene Läden auf dem zentralen Markt von Donezk

Unterdessen geht das Leben in Donezk weiter, auch wenn die meisten Bürger aus Angst vor Gewalt zu Hause bleiben. Alle kommunalen Dienstleister und auch die Verkehrsunternehmen der Stadt halten den Betrieb aufrecht. Allerdings haben viele Einkaufszentren ihre Tore geschlossen. Auch der zentrale Markt ist zu. Vor diesem Hintergrund beginnen einige Menschen, Lebensmittelvorräte anzulegen. "In den Geschäften stehen Leute in Schlangen. Ich bin da keine Ausnahme", sagte Viktoria. Sie sei froh, dass sie früher von der Arbeit weggehen durfte.

Auch die Universitäten, Schulen und Kindergärten sind zum Teil geschlossen. "Alle Erzieher sind zur Arbeit gekommen, aber die Hälfte der Kinder ist zuhause geblieben", sagte der DW die Mitarbeiterin eines Kindergartens. Er liegt in der Nähe einer Straßensperre. "Ständig hören wir Schüsse", so die Kindergärtnerin. Ihr zufolge versuchen einige Eltern, ihre Kinder aus Donezk herauszubringen. "Wir haben unseren Enkel mit dem Zug nach Dnipropetrowsk gebracht. Auch am Bahnhof wurde geschossen", sagte eine andere Frau.

Immer mehr Menschen fragen bei Reisebüros an, ob es möglich sei, ein Ausreisevisum zu bekommen. "Eben hat mich ein Mann nach einem Jahresvisum für Bulgarien gefragt. Er wollte wegen der Ereignisse in Donezk seine Familie dorthin bringen", sagte im Gespräch mit der DW der Chef eines Reisebüros. "Wir mussten ihm klar machen, dass wir keine entsprechenden Vollmachten haben und ihm deswegen nicht helfen können", so der Manager.

Angst vor separatistischem Terror

Auf den Straßen in der Innenstadt sind nur wenige Menschen zu sehen (Foto: DW)

Auf den Straßen in der Innenstadt sind nur wenige Menschen zu sehen

Fragt man die Menschen auf der Straße, dann will niemand die Spaltung des Landes. Viele haben Angst vor den Separatisten, die mit Gewalt zunehmend die Kontrolle in der Stadt zu übernehmen scheinen. Und doch wiederholen viele Donezker auch, was die russischen Medien berichten. "Das ist ein Bürgerkrieg. Die Kiewer Machthaber wollen Donezk zerstören, auch die gesamte Infrastruktur, die für die Fußball-Europameisterschaft 2012 gebaut wurde", sagte ein Mann. Beim Flughafen und dem Hauptbahnhof sei man schon dabei.

Es gibt aber auch viele Einwohner, die Verständnis für die sogenannte Anti-Terror-Operation der Regierung zeigen. "Es ist beängstigend, aber wir müssen gegen die Aggression Russlands vorgehen. Andernfalls wird der Terror der Separatisten kein Ende nehmen", sagt Inna. Auch Serhij ist der Auffassung, dass die Regierung in Kiew noch konsequenter und entschlossener handeln sollte. Luftangriffe auf die Stadt seien doch nur Gerüchte, so der Mann. Die eigentliche Bedrohung seien die Kriminellen, die durch Donezk ziehen würden.

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