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Politik

Gequält und gedemütigt: Sahraoui-Frauen in Marokko

Der Westsahara-Konflikt spaltet seit mehr als 30 Jahren Algerien und Marokko. Dabei geht es vor allem um den Unabhängigkeitskampf der Sahraouis. Besonders die Frauen der Volksgruppe leiden unter dem Konflikt.

Sahraoui-Frauen in Marokko. Quelle: ap

Sahraoui-Frauen in Marokko

Seit 1975 kämpfen die Sahraouis für ein unabhängiges Land. Dabei werden sie von Algerien unterstützt, was die Beziehungen zwischen Marokko und Algerien seit genauso langer Zeit vergiftet. 1992 plante die UNO ein Referendum über die Unabhängigkeit, das seither immer wieder verschoben worden ist.

Für Sahrauois bedeutet das: Die einen leben in Flüchtlingslagern im sogenannten "befreiten" Gebiet, die anderen im Süden Marokkos unter "marokkanischer Besatzung". Wieder andere sind im Exil, in Algier oder in Europa. Besonders die Sahraoui-Frauen leiden unter dieser unsicheren Situation.

14 Jahre Haft

Vom Westsaharakonflikt sind inzwischen mehrere Generationen von Frauen betroffen. So zum Beispiel Najat Khnibila. Sie lebte in den 70er Jahren bereits in Frankreich; ihr Ehemann war Gastarbeiter bei Renault. Während eines Urlaubs bei der Familie im von Marokko besetzten Gebiet wurde das Ehepaar 1977 verhaftet und gefoltert. 14 Jahre verbrachte Najat dann in marokkanischen Gefängnissen. Sie ist nur eine von hunderten "Verschwundenen", kein Angehöriger kannte ihren Aufenthaltsort. Eine schwere Menschenrechtsverletzung.

Frauen in Marokko. Quelle: ap

Frauen haben es in Ländern wie Marokko nicht leicht

Erst 1991 kam das Ehepaar frei. "Wir mussten feststellen, dass unsere Kinder, die in der Familie geblieben waren, in der Zwischenzeit nicht zur Schule gehen durften", erzählt Najat heute. "Außerdem hatten sie sehr unter der Trennung von den Eltern gelitten." Ein ähnliches Schicksal erleben bis heute tausende Kinder aus Sahraoui-Familien im von Marokko besetzten Gebiet.

Schwere Folter

Khadija Moutik lebt in Guelmim im Süden Marokkos. Als Angehörige der Polisario ist die Gewerkschafterin ständig Repressionen ausgesetzt. 2002 wurde ihr Gehalt als Beamtin nicht mehr ausgezahlt, die Behörden wollten sie für psychisch krank erklären. Ihre Familie konnte das verhindern. 2005 wurde sie entlassen. Sie kämpft weiter, für die Polisario und die Unabhängigkeit ihres Volkes.

2006 wurde sie morgens um acht vor einer geplanten Demonstration von Polizisten zuhause abgeholt. Sie schlugen und quälten sie, brachten Khadija dann zuerst ins Krankenhaus und später aufs Kommissariat. "Sie brachten mich auf eine winzige Toilette von vielleicht einem Quadratmeter. Sie öffneten mit Gewalt den Mund, damit die Polizisten hinein pinkeln konnten", schildert Khadija. "Sie schlugen und drohten, uns Frauen zu vergewaltigen und zu töten."

Mord-Versuche und Demütigungen

Fast hätten sie es geschafft: An einem anderen Tag, so erzählt Khadija, sei sie mit Freunden vor einer friedlichen Demonstration im Café gewesen. "Polizisten umzingelten mich, einer zerbrach eine Flasche und wollte mir mit einer Scherbe die Kehle durchschneiden", erzählt sie. Zum Glück konnten andere das verhindern.

Zwischen 1992 und 2008 hat Khadija Moutik insgesamt 34 Vorkommnisse festgehalten, die sie erleben musste: Repressalien, Verhaftungen, Schläge. "Sie versuchten sogar, mich in der Öffentlichkeit auszuziehen. Zum Glück kamen gerade Marokkaner aus der Moschee. Die Bevölkerung hat mich geschützt", erzählt sie.

Tragödie

Flüchtlinge aus Marokko. Quelle: ap

Viele Flüchtlinge sterben auf der Überfahrt von Marokko nach Spanien

Zum letzten Mal wurde Kadija Moutik erst vor ein paar Wochen, am 10. November 2008, als vermeintliche Spionin an der marokkanischen Grenze verhaftet. "Die Frauen erleben eine Tragödie", klagt ihre Leidensgenossin Najat Khnibila. „Manche haben ihren Mann verloren, ihre Eltern, ihre Geschwister, ihre Kinder, durch Entführungen und Morde. Viele junge Leute fliehen aus dem besetzten Gebieten, viele sind im Meer beim Versuch der illegalen Auswanderung gestorben.“

Unter dem Konflikt würden zwar alle Sahraouis leiden, sagt Kadija Moutik. Aber die Frauen treffe es dabei am härtesten: Sie würden systematisch vergewaltigt. Vor Gericht wolle das aber nie jemand hören.

Politische Mitsprache?

König Mohammed VI. Quelle: ap

König Mohammed VI von Marokko ist gegen eine Volksabstimmung

Soeben wurde Kadija Moutik von der Kommission für Frauenrechte des europäischen Parlaments empfangen, gemeinsam mit Fatma Medhi, der Vorsitzenden des Frauenbundes der Sahraoui. Die Exilregierung zählt elf Prozent Frauen, die Vertretung im afrikanischen Parlament sogar fast ein Drittel Frauen. In der traditionellen Nomadengesellschaft hatten die Frauen einen wichtigen Platz, erklärt Fatma. Heute wachen die Sahraoui-Frauen darüber, dass das so bleibt.

"Wir kämpfen in der Frauenunion auf zwei Ebenen", erklärt Kadija. "Wir helfen beim Aufbau von Institutionen und einem Staat, in dem Frauen ihren Platz haben, und wir bereiten uns auf die Zukunft vor, damit die Frauen nach der Unabhängigkeit nicht ausgeschlossen werden."

Ob es je zur Unabhängigkeit kommt, steht in den Sternen. Der marokkanische König Mohammed der Sechste bot zwar eine Teilautonomie an, will aber keine Volksabstimmung zulassen.