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Fokus Osteuropa

Geplantes Mahnmal sorgt für Empörung in Bosnien-Herzegowina

Ein geplantes Mahnmal für serbische Kriegsopfer über der Hauptstadt Sarajewo sorgt für Spannungen. Sowohl die Standortwahl, eine Scharfschützen-Stellung, sowie die Form, ein orthodoxes Kreuz, sind umstritten.

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Sarajewo im Juli 1995: UN-Soldat vor Warnung vor Scharfschützen

Eine Gruppe ehemaliger serbischer Kriegsteilnehmer aus der Republika Srpska will in der bosnischen Hauptstadt Sarajewo ein Mahnmal für Serben errichten, die während des Krieges ums Leben gekommen sind. Ein Denkmal in Form eines orthodoxen Kreuzes soll zukünftig an die Toten erinnern.

Umstrittener Standort

Als Standort für das geplante Mahnmal hat der Verband der ehemaligen serbischen Lagerinsassen einen Abhang über Sarajewo gewählt – Zlatiste genannt, ein Abhang des Berges Trebevic. Dort befand sich während der 15-monatigen serbischen Belagerung von Sarajewo eine der stärksten Stellungen der berüchtigten Scharfschützen. Medien in Bosnien-Herzegowina haben jüngst Archivaufnahmen vom Kriegsschauplatz Zlatiste veröffentlicht. Darauf ist zu sehen, wie Soldaten der Serbenführer Ratko Mladic und Radovan Karadzic auf die Stadt schießen. Etwa 10.000 Menschen wurden damals von Angehörigen der Armee der Republika Srpska getötet. Es ist allerdings unmöglich festzustellen, wie viele von Zlatiste aus getötet wurden.

Ausgerechnet dort, an einer der ehemals wichtigsten Stellungen der Scharfschützen der bosnisch-serbischen Armee, soll nach dem Willen der ehemaligen serbischen Kriegsgefangenen das geplante Denkmal stehen: ein gewaltiges orthodoxes Kreuz, 26 Meter hoch und 18 Meter breit. In das Kreuz sollen die Namen von 5.800 getöteten, gefangenen und vermissten serbischen Soldaten und Zivilisten eingemeißelt werden, erklärt der Vorsitzende des Kriegsgefangenenverbandes der Republika Srpska, Branislav Dukic. „Jedes Volk hat ein Recht auf sein Mahnmal“, betont Dukic und fügt hinzu, dass bereits ähnliche Denkmäler in Bosnien-Herzegowina errichtet worden seien. Als Beispiele nennt Dukic ein Denkmal für muslimische Kriegsopfer in Potocari bei Srebrenica sowie eines in Mostar, wo von bosnischen Kroaten ebenfall ein Kreuz aufgestellt worden sei – sogar mit einer Höhe von 36 Metern.

„Klare politische Provokation“

Einwohner aus dem westlichen, muslimisch-kroatischen Teil Sarajewos lehnen das geplante Denkmal strikt ab. In Zlatiste sei während des Krieges kein einziger serbischer Zivilist ums Leben gekommen – daher sei das Mahnmal nur eines für die Mörder, und nicht für die Opfer. Sie empfinden die Pläne als schlichte Provokation. „Mörder stellen sich selbst ein Denkmal dafür auf, dass sie halb Sarajewo niedergestreckt haben“, so das Urteil eines Anwohners.

Analysten bewerten die Spannungen um das geplante Mahnmal als weiteres Indiz dafür, dass religiöse Stätten und Symbole in Bosnien-Herzegowina zu politischen Zwecken missbraucht werden. Der angekündigte Bau des orthodoxen Kreuzes auf Zlatiste, das katholische Kreuz über Mostar und die Errichtung übergroßer Moscheen in ganz Bosnien-Herzegowina dienten dazu, das Territorium der jeweiligen Religionsgemeinschaft zu markieren. Nach Meinung des Politologen Gojko Beric haben die drei großen Religionen in Bosnien-Herzegowina die politische Bühne des Landes betreten. Das geplante orthodoxe Kreuz sei eine klare politische Provokation von Menschen, die eine Loslösung der Republika Srpska von Bosnien-Herzegowina befürworten. Es könnte an die Muslime in Sarajewo die Botschaft transportieren, „dass auf dem Berg Trebevic die Grenze zum orthodoxen Reich der Republika Srpska verläuft“, urteilt Beric.

Bürgermeister rufen zu Mäßigung auf

Für die Erteilung der Baugenehmigung ist das Rathaus Ost-Sarajewo in der Republika Srspka zuständig. Nach Angaben von Bürgermeister Radomir Kezunovic ist bislang noch kein Bauantrag gestellt worden. Wenn dies geschehe, werde man alle relevanten Beteiligten – politische Parteien, Nicht-Regierungsorganisationen und offizielle Stellen – konsultieren, so Kezunovic. Gemeinsam mit seiner Amtskollegin im muslimisch-kroatisch geprägten West-Teil der Stadt, Semiha Borovac, warnte Kezunovic alle Beteiligten vor „verantwortungslosem Verhalten“. Bürgermeisterin Borovac sagte, das geplante Mahnmal werde nur unnötige Spannungen verursachen. Ihrer Meinung nach sollten neu errichtete Mahnmale „würdevoll und für alle Ethnien annehmbar“ sein.

Samir Huseinovic

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