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Kultur

Gepflegte Langeweile

Alles ganz normal hier? Der britische Magnum-Fotograf Martin Parr beobachtet die Absonderlichkeiten seiner Landsleute: Bilder zwischen grandiosem Kitsch und skurrilen Alltagsmomenten.

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"Teetasse"

Martin Parr gilt als akribischer Beobachter des Insel-Königreiches mit dem künstlichen Kaminfeuer und den Union-Jack-Fähnchen. Die Bilder des 51-jährigen Fotografen – eingeordnet irgendwo zwischen Fotojournalismus und Konzeptkunst – erzählen mehr als die Summe aller Touristenführer vor dem Buckingham Palace.

Sonntags am Strand

Martin Parr

Parr knipst Kleinfamilien, die nach dem sonntäglichen Ausflug im Tierpark, in der "Bongo Burger Bar" sitzen und sich anschweigen. Er dokumentiert die Liverpooler Arbeiterklasse am Strand in New Brighton: Menschen an zubetonierten Stränden inmitten von Müllbergen. Nichts Außergewöhnliches, will man meinen. Aber irgendwas stimmt mit dieser Normalität nicht. Vielleicht liegt es an Martin Parrs Rundblitz, der die Szenarien unnatürlich ausleuchtet. Vielleicht liegt es an seinem perfekten Gespür für das Skurrile, das in der geballten Ansammlung wirklichlicher als die Wirklichkeit wirkt.

"Ich hatte eine furchtbar langweilige Kindheit. So etwas schärft die Sinne für die Außergewöhnlichkeit des Gewöhnlichen," erklärt Parr. Seine Arbeiten über gelangweilte Ehepaare, das Interieur der englischen Mittelklasse oder die Dokumentation des ganz normalen Duty-Free-Shopper-Wahnsinns haben ihn weit über die Landesgrenzen hinaus berühmt gemacht. Eine große Retrospektive seiner Werke tourt seit dem Frühjahr 2002 durch ganz Europa. Doch nicht jeder kann sich mit Parrs Bilderwelt anfreunden.

Kurioser Kitsch

Die Entscheidung, Parr bei der berühmten Fotoagentur Magnum aufzunehmen, fiel - nach heftigen Diskussionen - mit nur einer Stimme Mehrheit extrem knapp aus. "Ihn aufzunehmen hieße, einen erklärten Feind aufzunehmen," polterte der Vietnamkriegs-Fotograf Philip Jones Griffiths. Parr's Bilder wurden und werden von vielen als zynische Zumutungen angefeindet. Andere preisen ihn dagegen als einen grandiosen Chronisten der verschwendeten Zeit.

Je öder, desto besser

Wer dieser Martin Parr nun wirklich ist, bleibt unklar. Bekannt ist zumindest seine unbändige Sammelwut. Parr ist stets auf der Suche nach kuriosem Kitsch, nach kleinen Spielzeugfernsehern und Miniatur-Beatles-Gitarren. Seine große Leidenschaft sind langweilige Postkarten. Autobahnraststätten, Atomkraftwerke, Campingplätze und Landstraßen der 1960er und 1970er Jahre haben es ihm angetan. Eine Sammlung herrlich langweiliger deutscher Ansichtskarten hat Parr im Phaidon Verlag veröffentlicht.



Um einen umfassenden Einblick in das Werk von Martin Parr zu erhalten, braucht man fürs erste nur einen Computer mit Internetzugang. Nahezu alle Bilder des Fotografen finden sich auf der Internetseite von Magnum.

Wem das zu wenig ist, dem sei die 352 Seiten dicke Monographie von Val Williams empfohlen: "Martin Parr", Phaidon Verlag, Berlin 2002, ISBN 0714839906.

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