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Kultur

Georgij und das Geheimnis der blauäugigen Blondine

Wladimir Kaminer, der Alltagskosmonaut, erkundet Berlin. Exklusiv für DW-WORLD berichtet der Autor von seltsamen Erlebnissen noch seltsamerer Menschen - diesmal von Georgij, bösen Geistern und einer rätselhaften Frau.

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Wladimir Kaminer hat einen verliebten Nachbarn

Mein Nachbar Georgij litt unter Einsamkeit. Seit ungefähr einem Jahr war er - wie auch die meisten seiner Mitschüler in der Sprachschule - in seine Lehrerin Frau Schmidt verliebt, doch diese Beziehung war rein platonisch und ohne Aussicht auf Gegenseitigkeit. Frau Schmidt war jung, schlank und hatte blonde Haare, außerdem unterrichtete sie Deutsch auf eine sehr erotische Art und Weise. "Berlin ist eine herrliche Stadt", diktierte sie und alle Männer in der Gruppe bekamen weiche Knie.

Georgij brauchte eine Frau zum Zusammenleben und nicht nur zum Betrachten und Bewundern. Ich empfahl ihm, die Annoncen in der größten russischsprachigen Zeitung Deutschlands zu studieren, dort kann man alles finden. Georgij war aber dem typisch russischen Aberglauben verfallen, dass alles, was in der Zeitung steht, gelogen ist, besonders die Kontaktanzeigen. "Sie werden doch jede Woche von den Mitarbeitern der Zeitung selber geschrieben, die sich damit über ihre Leser lustig machen wollen", meinte er. "Das kann man aber doch schnell nachprüfen", entgegnete ich. Dazu muss man wissen, dass die russischen Kleinanzeigen viel offener als die deutschen sind: Die Russen verstecken sich nicht hinter einer namenlosen Chiffre-Nummer, sie geben immer gleich ihre Telefonnummer und sogar ihre Adresse an. Kurzum: Ich überzeugte Georgij, sein Glück in der Zeitung zu suchen. Er kaufte die aktuelle Ausgabe und studierte sie gründlich.

Das erstaunliche Ergebnis war: Ungefähr fünfzig Frauen suchten gerade ihn. Man könnte meinen, Georgij wäre der perfekte Mann, er wurde einfach den unterschiedlichsten Frauenwünschen und -anforderungen gerecht. Er war nicht älter als 45 Jahre, hatte eine tiefe Stimme, war lebensfroh und zugleich ernsthaft, hatte keine gesundheitsschädlichen Angewohnheiten, dafür ein nettes Zuhause und außerdem war er "intelligent", "anständig", "großzügig", "liebevoll" und "gut bestückt". Mit seinen vielseitigen Eigenschaften konnte Georgij, wenn er bloß wollte, alle fünfzig Frauen aus der Zeitung glücklich machen. Er suchte aber nach einer ganz bestimmten Frau und benutzte dabei wahrscheinlich Frau Schmidt als Vorbild.

Seine Wahl fiel auf eine Annonce, die sogar mich misstrauisch machte: "Das Leben ist seltsam. Das Leben ist ein Geheimnis. Blauäugige Blondine ist traurig und sucht eine verwandte Seele, die sie vor bösen Geistern schützt. Alkoholiker und Sexbesessene brauchen nicht anzurufen." Georgij hielt ausgerechnet diese Annonce für die glaubwürdigste. "Was für ein Geheimnis? Wieso ist die Blondine traurig? Und was sind das für böse Geister, die sie verfolgen? Das hört sich alles eindeutig nach Prügel an," warnte ich meinen Nachbarn.

Georgij rief die Frau trotzdem an und verabredete ein Treffen mit ihr. Die Zeitung hatte nicht gelogen, die traurige Blondine gab es wirklich. Sie hieß Natascha und arbeitete in einem Textilladen. Es begann eine wunderbare Freundschaft. Das Leben von Natascha war tatsächlich seltsam: Es war voll von enttäuschten Liebhabern, eifersüchtigen Ehefrauen, betrogenen Ehemännern und einfach fremden Menschen, die einmal zufällig Natascha begegnet und für immer in ihr Leben verstrickt worden waren.

Innerhalb eines Monats erfuhr und erlebte Georgij mehr als in den ganzen Jahren zuvor. Zwei Mal rettete er Natascha das Leben, mehrmals wurde er selbst von bösen Geistern verprügelt, die alle Ex-Freunde von Natascha waren. Außerdem kam es zu einem Autounfall, einem Selbstmordversuch und einer halben Orgie in einer arabischen Botschaft. Nach diesen aufregenden vier Wochen wurde Georgij jedoch müde und zog sich aus der Affäre zurück. Dem Geheimnis der traurigen Blondine kam er nicht auf die Spur.

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