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Europa/Zentralasien

Georgien: Konferenz vernetzt Juristen und Journalisten

Wie schützt man Quellen? Was ist Persönlichkeitsrecht? Auf einer Konferenz in Tbilisi diskutierten Jura- und Journalistikstudierende über Medienrecht - und wie es die Qualität der Berichterstattung verbessern kann.

Konferenz Medienrecht in Tbilisi, Georgien (Foto: DW Akademie/Amalia Oganjanyan)

Ein Thema, zwei Perspektiven: Juristische und mediale Aspekte in gemeinsamem Vortrag

Eine junge Reporterin steigt aus dem Auto. Sie kommt aus der Hauptstadt Tbilisi - das Dorf, in dem sie nach einer Stunde Fahrt angekommen ist, kennt sie nicht. Sie schaltet ihr Aufnahmegerät an und steuert auf einen Mann zu, der die Straße entlang kommt. Die Journalistin soll für eine Nachrichtenseite einen bislang ungeklärten Fall recherchieren. Eine Frau ist verschwunden, ein Haus wurde in Brand gesetzt, einer Familie wurde eine große Summe Geld gestohlen. Der Mann, den die Journalistin trifft, stellt sich als Nachbar der geschädigten Familie vor - als sie ihn befragt, beschuldigt er den Onkel der Vermissten. Von einer weiteren Nachbarin erfährt sie, dass es den als gestohlen gemeldeten Geldbetrag nie gab. Als die Reporterin einige Stunden später in der Redaktion ihr Aufnahmegerät abhört, tippt sie die Mutmaßungen der Nachbarn in ihren Text. Sie nennt die Namen der Befragten, aus dem beschuldigten Onkel wird in ihrem Bericht der Täter. Auch die Höhe des angeblich gestohlenen Vermögens und seine mutmaßlichen Besitzer nennt sie.

Aus Mutmaßungen werden Fakten

Konferenz Medienrecht in Tbilisi, Georgien (Foto: DW Akademie/Amalia Oganjanyan)

Zertifikate für vortragende Studierende

Diese junge Journalistin gibt es nicht - sie ist genauso erfunden, wie der Fall, mit dem sie sich beschäftigt. Diese Art der Recherche hätte sich allerdings so oder ähnlich zutragen können. "Wenn irgendwo ein Verbrechen passiert, wird in den Medien einfach alles dargestellt. Ohne Rücksicht darauf, ob jemand Schaden davon tragen könnte – inklusive der Journalisten selbst", sagte Pandeli Pani, Projektmanager der DW Akademie, bei der Studierenden-Konferenz "Media Rule! #2015: Media, Law, and Ethics: Freedom without limitations?", die Anfang Juni in Tbilisi stattfand. Gerade auf kommunaler Ebene gelängen Journalisten nur sehr schwer an Informationen, Mutmaßungen würden dann als Fakten präsentiert, die Medien fällen ihr Urteil längst bevor es einen offiziellen Prozess gibt, berichtet Pani. Bei der von der DW Akademie und der staatlichen Universität Ivane Javakhshvili in Tbilisi (TSU) initiierten Konferenz ging es darum, über die Themen Ethik, Medienrecht und Medienpraxis ins Gespräch zu kommen.

Jura- und Journalistikstudierende im Tandem

Pandeli Pani schaut mit großer Zufriedenheit in die Runde der rund 26 Studierenden, die sich auf der zweitägigen Konferenz teilweise zu Vortrags-Tandems zusammengefunden haben. Während eine Journalistik-Studentin den Umgang mit Kindern im georgischen Fernsehen analysiert, präsentiert ihr Kommilitone aus den Rechtswissenschaften den juristischen Blick auf die Grenze zwischen dem Recht auf Privatsphäre und dem Recht auf Information. Unter den rund 70 Teilnehmern sind nicht nur Studierende der TSU, sondern auch Dozenten und Professoren fünf weiterer, kooperierender Hochschulen in Georgien wie der staatlichen Ilia-Universität, der internationalen Kaukasus Universität, der Georgischen Universität, der Osteuropäischen Universität und der staatlichen Batumi Universität.

Hitzige Debatten

Konferenz Medienrecht in Tbilisi, Georgien (Foto: DW Akademie/Amalia Oganjanyan)

Kontroversen rund um Hasssprache

Als eine Studentin über die Ergebnisse ihrer Analyse von Hasssprache im Fernsehen berichtet, sind auch Vertreter verschiedener Nichtregierungsorganisationen im Publikum, ebenso wie Journalisten und Leiter von Rundfunkanstalten. Die Analyse und die Beispiele, die sie erwähnt, entfachen eine lebhafte Diskussion unter den Teilnehmern. Petra Raschkewitz, DW Akademie Projektmanagerin Asien und Europa, hat die hitzige Diskussion auf der Konferenz beobachtet. "Es gibt in Georgien noch kein ausreichendes Bewusstsein dafür, warum bestimmte Dinge in den Medien nicht oder nicht so der Öffentlichkeit präsentiert werden sollen. Volksverhetzung oder Beleidigung als Straftat, ein Bewusstsein für den Opferschutz, das entwickelt sich hier erst sehr langsam."

Medienrecht auf dem Stundenplan

Die Leiterin der Fakultät für Journalismus und Massenmedien, Professorin Mariam Gersamia, lässt vor Beginn des zweiten Konferenztages ihre Augen über den gut gefüllten Raum schweifen. Man merkt auch ihr an, dass sie mit dem Verlauf der Konferenz sehr zufrieden ist: "Ich bin überrascht, wie hoch die Studierenden das Niveau halten können. Ich fühle mich fast wie auf einer Konferenz für Professoren und langjährige Forscher."

Mariam Gersamia ist es zu großen Teilen zu verdanken, dass die TSU seit vergangenem Jahr neue Fächer zum Thema Medienrecht und Rechtsberichterstattung in den Stundenplan des Journalistik-Studiengangs aufnehmen konnte. "Wir haben über Jahre versucht mit den Juristen zu kooperieren. Die Bürokratie hat die Ideen immer wieder erstickt", sagt sie. "Als die DW Akademie auf uns zu kam, war klar: Gemeinsam können wir das schneller schaffen." Über die Kontakte der DW Akademie entstanden Treffen zwischen Vertretern der beiden Fachbereiche Journalistik und Jura.

Fokus auf den Studierenden


Konferenz Medienrecht in Tbilisi, Georgien (Foto: DW Akademie/Amalia Oganjanyan)

Gute Zusammenarbeit: Pandeli Pani (DW Akademie, rechts) und Prof. Mariam Gersamia (TSU, zweite v.l.)

Die langfristige Vernetzung von Medienschaffenden und Juristen ist Teil des Engagements der DW Akademie in Georgien, das 2010 mit Journalistentrainings begann. Im Herbst 2015 ist eine weitere eine weitere Konferenz in Tbilisi geplant, diesmal für Professoren und Dozenten. Pandeli Pani und Petra Raschkewitz sind sich einig: Das Thema Medienrecht ist in Georgien aktueller denn je. "Wir haben mit den Senderchefs und Regierungsvertretern gesprochen, sie nehmen unser Angebot zur Beratung sehr offen an", sagt Petra Raschkewitz, die während der Konferenz selbst vier Mal von TV-Sendern interviewt wurde. Für viele georgische Medienschaffende sei es verwunderlich, dass sich die DW Akademie direkt an Studierende wende, Menschen die noch nicht im Berufsalltag stehen. "Die Motivation und die engagierten Debatten, die wir hier erlebt haben, zeigen uns allerdings, dass wir richtig liegen, wenn wir uns auf die Qualifizierung des Nachwuchses konzentrieren", so Raschkewitz.

Für die junge Journalistin, die sich in einem kleinen Dorf in der Nähe von Tbilisi auf Recherche begibt, könnte das Auswirkungen haben. Neben ihrem Aufnahmegerät könnte sie in Zukunft noch mehr im Gepäck haben: Das Rüstzeug für ausgewogenen, fairen Journalismus.

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