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Politik

Georgien erklärt einseitigen Waffenstillstand

Georgien hat einen einseitigen Waffenstillstand verkündet. Allerdings eskalierte die Lage in Abchasien weiter. Die russische Schwarzmeerflotte hat eine Blockade gegen Georgien errichtet.

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Unzählige Menschen sind auf der Flucht

Georgien hat nach eigenen Angaben eine sofortige einseitige Waffenruhe verkündet. Das teilte das Außenministerium am Sonntag (10.08.2008) nach Angaben der Agentur Interfax in Tiflis mit. Gleichzeitig erging einen Appell an Russland, unverzüglich Gespräche über ein Ende der Kämpfe aufzunehmen.

Nach dreitägigen Kämpfen im Südkaukasus haben russische Truppen die Hauptstadt des von Georgien abtrünnigen Gebietes Südossetien, Zchinwali, unter ihre Kontrolle gebracht. Die georgischen Einheiten, die vor drei Tagen einmarschiert waren, zogen sich am Sonntag in die Berge um Zchinwali zurück.

Der russische Präsident Dmitri Medwedew (l.) bespricht mit Premierminister Wladimir Putin die Lage, Quelle: AP

Der russische Präsident Dmitri Medwedew (l.) bespricht mit Premierminister Wladimir Putin die Lage

Der russische Generalstab bestätigte den georgischen Abzug. Die südossetische Hauptstadt Zchinwali werde weitgehend von russischen Truppen kontrolliert, sagte General Anatoli Nagowizyn am Sonntag in Moskau. "Wir kämpfen nicht gegen den georgischen Staat, sondern führen eine Friedensmission aus", sagte Nogowizyn weiter.

Oberkommandierender verletzt

In den Trümmern der weitgehend zerstörten Stadt harrten tausende Zivilisten aus. Augenzeugen berichteten im Tagesverlauf von vereinzeltem Beschuss. Nach unbestätigten Angaben aus Moskau starben bislang mehr als 2000 Menschen. Bei den Gefechten wurde auch der Oberkommandierende der russischen Truppen, General Anatoli Chrulew, verletzt. Der Kommandeur der 58. Armee sei nach Artilleriebeschuss mit Splitterverletzungen in ein Krankenhaus in Russland gebracht worden, teilte der Generalstab in Moskau am Sonntag nach Angaben der Agentur Interfax mit. Tiflis bezifferte die Zahl der getöteten Georgier bei den Kämpfen auf etwa 200.

Russische Panzer am Samstag auf dem Weg nach Zchinwali, Quelle: AP

Russische Panzer am Samstag auf dem Weg nach Zchinwali

Russland schickte am Sonntag Dutzende weitere Panzer, Militärtransporter und mobile Geschütze nach Südossetien. In dem Separatistengebiet seien mittlerweile 10.000 russische Soldaten sowie 300 Panzer stationiert, meldete der georgische Fernsehsender Rustawi2. Im Schwarzen Meer errichtete Russland eine Seeblockade vor der georgischen Küste. Die Kriegsschiffe der Schwarzmeerflotte sollen Waffenlieferungen an die Kaukasusrepublik verhindern, wie russische Agenturen berichteten. In dem Flottenverband sei auch der Raketenkreuzer "Moskwa", meldete die staatliche Nachrichtenagentur RIA Nowosti am Sonntag unter Berufung auf Angaben der Kommandozentrale der russischen Kriegsflotte.

Eskalation auch in Abchasien

In dem ebenfalls von Georgien abtrünnigen Gebiet Abchasien weitete sich der Konflikt aus. Die moskautreuen Machthaber in der international nicht anerkannten Republik am Schwarzen Meer riefen die Mobilmachung ihrer Truppen aus. Abchasische Streitkräfte rückten im Landkreis Gali gegen georgische Stellungen vor, wie das abchasische Militär nach Angaben der Agentur Interfax mitteilte. Etwa 100 Kilometer nördlich von Gali griffen Kampfbomber den von Georgien kontrollierten oberen Teil des Kodori-Tals an.

Georgiens Präsident Michail Saakaschwili besucht einen bei einem Bombenagriff verletzten Mann, Quelle: AP

Georgiens Präsident Michail Saakaschwili besucht einen bei einem Bombenagriff verletzten Mann

Russische Kampfbomber griffen zudem erneut Ziele in Zentralgeorgien an. Georgische Medien berichteten, dass ein Militärflugplatz nahe der Hauptstadt Tiflis getroffen worden sei. Georgiens Parlamentsvorsitzender David Bakradse beschuldigte Russland, sein Land erobern zu wollen. "Wir müssen dem Feind an jedem Ort organisiert und standhaft Widerstand leisten", forderte Bakradse in einer Fernsehansprache.

In Moskau sicherte der russische Präsident Dmitri Medwedew den Menschen in Südossetien eine umfassende Wiederaufbauhilfe zu. In den vergangenen Tagen waren mehr als 30.000 Menschen ins benachbarte Nordossetien geflohen.

Humanitäre Katastrophe

Die südossetische Führung sprach von einer humanitären Katastrophe. Tausende Menschen harrten noch in der zerstörten Stadt Zchinwali aus. Lebensmittel und Medikamente seien knapp. In den Straßen lägen Leichen, hieß es in einem Behördenbericht. Georgische und russische Militärs verhandelten über einen Korridor für den Abtransport von Verletzten aus Zchinwali. Russlands Regierungschef Wladimir Putin hatte nach Gesprächen mit südossetischen Flüchtlingen Georgien vorgeworfen, einen Völkermord in der abtrünnigen Provinz zu verüben.

Ein Bus mit südossetischen Flüchtlingen auf dem Weg nach Russland, Quelle: AP

Ein Bus mit südossetischen Flüchtlingen auf dem Weg nach Russland

Die russischen Streitkräfte verfügen über fast hundert Mal so viele Soldaten und über ein fast 50 Mal so hohes Budget wie die georgische Armee. Die georgischen Streitkräfte soll aus ingesamt 11.000 Soldaten bestehen. Ihr Budget beläuft sich auf 29 Millionen Euro pro Jahr. Dagegen verfügt Moskau über etwas mehr als eine Million aktive Soldaten und lässt sich seine Streitkräfte insgesamt 12,5 Milliarden Euro jährlich kosten. Die gewaltige Überlegenheit Russlands erstreckt sich dabei auf alle Bereiche der Streitkräfte. So besteht etwa die georgische Luftwaffe gerade einmal aus 1500 Soldaten und fünf Kampfflugzeugen. Dem stehen auf russischer Seite 170.000 Soldaten und 1700 Kampfflugzeuge gegenüber.

Versöhnungsgeste in Peking

Die Kämpfe hatten am Freitag mit einer georgischen Militäroffensive nach Südossetien begonnen. Beide Seiten geben sich gegenseitig die Schuld für die Eskalation des seit Jahren schwelenden Konflikts. Georgien wertet den Kampfeinsatz der Russen als Invasion einer feindlichen Macht. Dagegen teilte der Generalstab in Moskau mit, Russland kämpfe nicht gegen die georgische Regierung, sondern führe eine Friedensmission zum Schutz der Bevölkerung in Südossetien durch.

Natalia Paderina und Nino Salukwadse bei der Siegerehrung, Quelle: AP

Natalia Paderina und Nino Salukwadse bei der Siegerehrung

In Peking kam es während der olympischen Spiele unterdessen zu einer Geste des Friedens: Bei der Siegerehrung nach dem Luftpistolenschießen umarmten und küssten sich unter dem Beifall des Publikums die russische Silbermedaillengewinnerin Natalia Paderina und die Georgierin Nino Salukwadse, die Bronze gewonnen hatte. "Sport ist Freundschaft. Im 20. Jahrhundert hatten wir so viele Kriege, wir brauchen aber Frieden", erklärte Salukwadse mit Tränen in den Augen. "Durch den Sport habe ich viele Freunde. Nicht nur in Russland, sondern auch in vielen anderen Ländern", sagte Paderina und meinte damit auch ihre sieben Jahre ältere Konkurrentin. "Unsere Umarmung sollte zeigen, dass die Politik vom Sport lernen kann." (stu)

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