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Kultur

"George" - ein Film über Deutschland

Götz George spielt Heinrich George, der Sohn spielt den Vater, beide Stars ihrer Zeit. Doch ist der Film "George" mehr als eine Begegnung der Generationen?

Man dürfe bei einer solchen Aufgabe keine persönlichen Befindlichkeiten an sich ran lassen, hat Götz George auf die Frage geantwortet, wie er sich denn auf die Rolle des Vaters vorbereitet hat. "Man muss eine solche übermächtige, persönlich verwobene Figur, wie Heinrich George es war, so wertneutral angehen, wie alle anderen Charaktere, die man im Laufe seines Lebens gespielt hat." Man meint als Zuschauer des Films "George" zu ahnen, wie Götz George sich gegen die starke emotionale Belastung gesträubt hat.

Ein großer Darsteller: Heinrich George

Aber natürlich war die Rolle des Heinrich George für den Sohn kein Job wie jeder andere. Wie sollte das auch gehen? Vor diesem Hintergrund: Heinrich George war einer der großen Theater- und Filmschauspieler der 30er und 40er Jahre, populär bei den Zuschauern, anerkannt bei der Kritik. Wie nur ganz wenige andere seiner Generation stand der Name Heinrich George in der Vor- und Kriegszeit für große Darstellungskunst. Die wussten auch die Nationalsozialisten zu nutzen, machten den Star zum Theaterintendanten und verpflichteten ihn zu Hauptrollen in Propagandafilmen.

Heinrich George als Götz von Berlichingen, Heidelberg 1934 (Foto: SWR/Helmut Laux)

Heinrich George als Götz von Berlichingen

Mit der bekannten Schauspielerin Bertha Drews hatte Heinrich zwei Söhne, Jan und Götz. Götz, benannt nach dem Goethe-Helden Götz von Berlichingen, war acht Jahre alt, als der Vater starb. Die Russen hatten Heinrich George nach dem Krieg in das Speziallager Hohenschönhausen gesteckt. Für sie stand fest: der Schauspieler hatte sich schuldig gemacht, hatte mitgewirkt im Propagandaapparat der Nazis, noch kurz vor Kriegsende Loblieder auf Hitler gesungen. 1946 war Heinrich George dann in einem anderen Lager in der sowjetischen Besatzungszone elendig verreckt, Blinddarmentzündung, Herzschwäche. Den Sohn Götz hatte er kurz vor seinem Tod noch ein einziges Mal in der Haft gesehen.

Auch der Sohn macht Karriere

Götz George ist dann später selbst Schauspieler geworden, in den 60er Jahren zunächst im deutschen Unterhaltungsfilm, als blauäugiger Hüne in Karl-May-Verfilmungen vor allem. Später dann, als er fürs Fernsehen arbeitete, wurde er zu "Schimanski", Deutschlands populärstem Fernsehkommissar. Dann feierte er wieder Erfolge auf großer Leinwand in Filmen anerkannter Regisseure. Der Schauspielersohn spielte in Werken mit, die sich mit dem Thema Nationalsozialismus auseinandersetzten. Den berüchtigten KZ-Arzt Josef Mengele spielte Götz George, auch den Auschwitz-Kommandanten Rudolf Höß.

Szene aus dem Film 'George' von Regisseur Joachim A. Lang mit Götz George und Martin Wuttke (Foto: SWR/Thomas Kost)

Götz George in der Rolle seines Vaters und Martin Wuttke als Goebbels

Götz George hat sich also während seiner inzwischen sechs Jahrzehnte währenden Karriere vor den Kameras immer wieder mit solchen Fragen auseinandergesetzt: Was hat die Täter angetrieben? Was haben sie gemacht mit Juden und anderen Verfolgten des Regimes? Was bedeutete das für die Opfer? Nun ist also auch noch der familiäre Aspekt in den Vordergrund gerückt, ganz konkret, in einem Film, der nun, pünktlich zu Götz Georges 75. Geburtstag am 23. Juli im deutschen Fernsehen gezeigt wird und der schlicht und einfach "George" heißt. (Ausstrahlung des Dokudramas von Regisseur Joachim A. Lang in "Das Erste" (ARD) am 24.7., 21:45 Uhr MESZ)

Eine schwierige Rolle

Götz George, der seit einigen Jahren die Öffentlichkeit meidet, der viel Zeit in seinem Haus in Sardinien verbringt, spielt also den eigenen Vater. Eine schwierige Aufgabe wäre das schon gewesen, wenn Heinrich nicht eine heute so umstrittene Rolle gespielt hätte während des Nationalsozialismus. Noch kurz vor Kriegsende hatte Reichspropagandaminister Joseph Goebbels ihn verpflichtet, die Hauptrolle zu übernehmen im berühmt-berüchtigten Durchhaltefilm "Kolberg", der den Kampf bis zum Tode propagierte und den deutschen Soldaten an den nicht mehr zu haltenden Fronten im Osten und im Westen sagen sollte: Aufgeben dürft Ihr nicht, eher sterben - fürs Vaterland. Und auch beim schlimmen Hetzwerk "Jud Süß" war er dabei.

Szene aus dem Film 'George' von Regisseur Joachim A. Lang mit Muriel Baumeister (Foto: SWR/Thomas Kost)

Die Söhne Jan und Götz und Heinrich Georges Ehefrau Bertha Drews (Muriel Baumeister)

In den wenigen Interviews, die George gegeben hat zum Filmstart, merkt man dem Mimen an, wie groß die emotionale Belastung doch gewesen sein muss beim Drehen. Persönliche Befindlichkeiten zurückstellen - das dürfte kaum möglich gewesen sein. "Mein Vater hatte das Unglück, in eine Zeit geworfen zu werden, in der nicht nur sein großes Können gefragt war; er musste dem Kompromiss den Vorrang einräumen (…) Sein Spieltrieb und seine Naivität waren größer als die drohende Gefahr, die hinter ihm lauerte, die er aber nicht erkennen konnte", sagt der Sohn.

Distanz zur politischen Verstrickung

Götz George hat aus seiner grenzenlosen Bewunderung für den Schauspieler Heinrich George nie einen Hehl gemacht. Und er hat auch oft über die Liebe zum Vater gesprochen. Über die politischen Verwicklungen hat er sich eher distanziert geäußert: "Er (Heinrich) wurde benutzt, und er ließ sich benutzen. Ein Vorgang, der nur zu beurteilen ist, wenn man in einer so totalitären Zeit gelebt hat. (…) Es wäre vermessen von mir, sich in sein Leben einzumischen und ihm Ratschläge zu geben." All das kann man verstehen. Aber man kann auch verstehen, wenn eine große deutsche Tageszeitung nach einer Begegnung mit dem Schauspieler zu dem Schluss kommt: "Götz George spricht die Versäumnisse und das moralische Versagen seines Vaters kaum an, im Film so wenig wie im Gespräch."

Szene aus dem Film 'George' von Regisseur Joachim A. Lang mit Götz George und Robert Dölle (Foto: SWR/Thomas Kost) ARD/SWR GEORGE, Dokudrama Deutschland 2013, Buch: Joachim Lang und Kai Hafemeister, Regie: Joachim Lang, am Mittwoch (24.07.2013) um 21:45 Uhr im ERSTEN. Heinrich George (Götz George) und Ernst Konstantin (Robert Dölle) als Faust und Mephisto im Lager Hohenschönhausen. © SWR/Thomas Kost, honorarfrei - Verwendung gemäß der AGB im engen inhaltlichen, redaktionellen Zusammenhang mit genannter SWR-Sendung bei Nennung Bild: SWR/Thomas Kost (S2). SWR-Pressestelle/Fotoredaktion, Baden-Baden, Tel: 07221/929-23852, Fax: -929-22059, foto@swr.de

Im Lager Hohenschönhausen inszenierte Heinrich George Goethes Faust

Es sind die unendlich schwierig zu beantwortenden Fragen nach dem Verhalten der Väter und Großväter während der NS-Zeit, die der Film "George" jetzt stellt. Er stellt sie auch dem Zuschauer von heute. Der muss sich selbst ein Urteil bilden. Heinrich George war kein Nationalsozialist, er hat sogar jüdischen Schauspielern geholfen. Aber er hat sich eben auch vor den braunen Karren spannen lassen. In diesem Zwiespalt lebten auch viele andere Künstler in Nazi-Deutschland. Man muss diesen Widerspruch aushalten. Aus der Distanz geht das einfacher. Als Sohn ist das schwierig.

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