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Wissen & Umwelt

Georg Baumann: "Wir müssen jeden Fisch mitnehmen"

Ein Fischlift brachte dem Unternehmen "Baumann Hydrotec" einen Innovationspreis vom Bundesumweltministerium ein. Im DW-Interview erzählt Geschäftsführer Georg Baumann, welches die überraschendsten Mitfahrer waren.

Deutsche Welle: Herr Baumann, warum braucht die Welt einen Fischlift?

Georg Baumann: Allein schon wegen der europäischen Wasserrahmenrichtlinie. Die schreibt vor, dass alle Gewässer bis zum Jahr 2027 wieder einen guten ökologischen Zustand erreichen sollen. Das bedeutet auch, dass Fische vom Flussursprung bis zum nächsten See oder zum Meer ungehindert schwimmen können.

Und das ist ein Problem?

Ja, denn Fische und andere Wasserlebewesen können viele Wasserkraftwerke und Staustufen nicht überwinden.

Aber dafür gibt es doch bereits

Fischtreppen

?

Ja, aber das funktioniert nur dann, wenn der Höhenunterschied nicht so hoch ist. Bei sieben bis zehn Meter Höhenunterschied ist das für die Fische zu anstrengend. So ein Fisch muss ja permanent gegen die Strömung ankämpfen und wenn er das zigmal hintereinander machen muss, wird er zu schwach und treibt eventuell sogar wieder zurück. Außerdem: Oft ist der Platz für so lange Fischtreppen gar nicht da.

Wie funktioniert denn Ihr Fischlift?

Im Prinzip wie ein Fahrstuhl im Hochhaus: Sie steigen in eine Kabine ein. Bei uns ist das ein Wasserbehälter. Der Fisch wird angelockt mit sogenannter Lockströmung. Denn wenn Wasser ihm entgegen kommt, weiß er: Hier geht es weiter. Ist er im Behälter drin, wird unten ein Schieber geschlossen. Von oben wird Wasser hinzugegeben, so dass sich der Schacht, in dem der Behälter sitzt, mit Wasser füllt. Der Behälter wird dann vom Wasser hochgetragen. Oben angekommen, wird der Behälter geöffnet und der Fisch kann ungehindert weiterschwimmen.

Fischlift für Stauwehr Foto: Baumann Hydrotec

Fischlift (Konstruktion rechts) in Wangen im Allgäu

Wie viele Fische passen gleichzeitig in den Lift?

Eine Menge! Einmal hatten wir einen Schwarm von 40 Fischen gleichzeitig drin, das war sehr beeindruckend.

Wie lange dauert eine Fahrt im Fischlift?

Wenn Sie beispielsweise zehn Meter überwinden müssen, dauert es etwa fünf Minuten. Das sind etwa 12 Tonnen Wasser, die da bewegt werden.

Braucht der Lift denn nicht sehr viel Strom?

Nein, wir fahren nur mit Wasserkraft. Wenn wir Wasser von oben reinlassen, fährt der Lift hoch. Wenn wir runter wollen, lassen wir das Wasser ab. Strom brauchen wir nur für die Steuerung.

Warum war es so schwierig, einen solchen Lift zu bauen?

Wir müssen jeden Fisch mitnehmen, also jeder muss motiviert werden und darauf anspringen.

Gab es Fische, die sich zunächst geziert haben?

Größere und ältere Fische sind von Haus aus vorsichtiger. Fische haben ja auch natürliche Feinde wie Greifvögel. Daher gehen sie es sehr behutsam an und reagieren stark auf Schatten und andere Ablenkungen.

Innovationspreis für Klima und Umwelt für Georg Baumann Foto: Christian Kruppa

Georg Baumann (links) nahm den Innovationspreis für Klima und Umwelt für die Baumann Hydrotec entgegen.

Wie haben sie diese Fische trotzdem zur Mitfahrt überredet?

Wir haben den Eingang so gestaltet, dass sie den Behälter als Schutz wahrnehmen, nicht als Gefahr. Es darf nichts stören, zum Beispiel auch kein helles Licht oder so. Die Strömung muss sehr naturnah angelegt sein. Außerdem muss genug Zeit sein bis zur nächsten Liftfahrt.

Also man braucht einen gut kalkulierten Fahrplan?

Ja, genau. Man könnte ja in kurzem Takt fahren, das wäre ideal für schnelle Fische: rein - hoch - raus. Aber man muss eben auf die vorsichtigen Fische Rücksicht nehmen; die brauchen auch schon mal eine Viertelstunde Zeit, bis sie endlich in den Behälter schwimmen. Wartet man aber zu lange, schwimmen die ungeduldigen Fische vielleicht schon wieder raus, weil sie denken: "Hier geht es doch nicht weiter…". Denn die Fische sind im Behälter ja nicht gefangen, sie können jederzeit wieder rausschwimmen. Und diesen Mittelweg mussten wir finden.

Fischlift für Stauwehr Foto: Baumann Hydrotec

Blick in den Fischlift von oben

Können Sie die Fische nicht mit Futter in den Behälter locken?

Nein, das geht überhaupt nicht! Dann schwimmen die Fische nie wieder aus dem Behälter raus. Oben angekommen, müssen die Fische den Lift schließlich verlassen und den Flussverlauf weiter hoch wandern.

Gab es Überraschungsfahrgäste?

Ja, eine Groppe, ein etwa 12 bis 15 Zentimeter langer Fisch. Das ist eine geschützte Art. Groppen halten sich nur im Schlamm auf, sie bewegen sich zwar, aber wandern nicht so wirklich. So eine Groppe hat sich langsam über Monate zum Lift hingearbeitet, und eines Tages sieht man sie im Lift. Das war für uns ein Highlight! Denn es hieß immer: Eine Groppe kann so einen Lift nicht passieren. Aber das kann sie doch! Nach ein paar Tagen hat sie den Lift dann wieder verlassen.

Haben Sie Ihren Fischlift auch schon in der freien Natur ausprobiert?

Ja, bei uns am Standort, in Wangen im Allgäu. Da gibt es eine Wasserkraftanlage mit Stauwehr. Unser Fischlift ist schon seit einem Jahr in Betrieb und funktioniert hervorragend. Es wird alles wissenschaftlich begleitet, und jede Fahrt wird gefilmt.

Fischlift für Stauwehr Foto: Baumann Hydrotec

Wenn das Tor sich öffnet, verlassen die Fische den Aufzug wieder

Halten Sie zu Hause ein Aquarium?

Nein, das brauche ich nicht mehr. Ich habe immer Zugriff auf unsere Kamera, ich kann live in die Anlage schauen, egal wo ich bin, und hab sozusagen mein Aquarium immer dabei. Ich schau immer mal rein, weil ich mich frage: "Was machen denn unsere Fische im Moment?" Und wenn ich dann sehe, dass ein großer Fisch da gerade verweilt, ist das sehr spannend. Man merkt die Freude, wenn sie wandern können, rauf und runter.

Was ist Ihr nächstes Projekt?

Wir wollen jetzt eine Anlage mit zwei Behältern nebeneinander bauen. Der eine fährt hoch, der andere gleichzeitig runter. Dann wird es keine Wartezeit mehr geben. Baustart soll noch dieses Jahr sein.

Georg Baumann ist Geschäftsführer der Firma "Baumann Hydrotec" in Wangen im Allgäu. Das Unternehmen erhielt den Sonderpreis "Innovation und biologische Vielfalt" im Rahmen des Innovationspreises für Klima und Umwelt vom Bundesumweltministerium und dem Bundesverband der Deutschen Industrie.

Das Gespräch führte Brigitte Osterath.

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