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Europa

Geordnetes Chaos auf Chios

Wegen stärkerer Grenzkontrollen und schlechtem Wetter haben die Schmuggler ihre Taktik geändert. Dennoch kommen kontinuierlich Flüchtlinge über das Mittelmeer, berichtet Diego Cupolo von der griechischen Insel Chios.

Pothiti Kitromilidi zieht an ihrer Zigarette und schaut über das tiefschwarze Wasser auf die Lichter in der Ferne an der türkischen Küste. Es ist dunkel und Kitromilidi, Koordinator des FEOX Rettungsteams, einer griechischen Hilfsorganisation, steht an der Südwestküste der Insel Chios.

Seit die türkische Küstenwache ihre Präsenz erhöht hat, kommen die Flüchtlinge meist erst im Schutz der Dunkelheit. Nur wenige haben die Überfahrt in den vergangenen Tagen gewagt, doch das liege eher am schlechten Wetter als an den Grenzpatrouillen, sagt Kitromilidi. Die Behörden "tun unter der Woche so, als würden sie arbeiten und am Wochenende haben sie frei."

"Wir sehen sie nicht, wir hören sie"

Doch nun ist die See ruhig und Kitromilidi erwartet eine lange Nacht. Über Funk spricht sie mit ihrem Team, das auf Quads und Motorrollern in der Gegend unterwegs ist. "Wir sehen sie nicht, wir hören sie", sagt sie.

Dann kommt der Ruf: "Boot gestrandet! Boot gestrandet!"

Kitromilidi springt ins Auto und rast zu dem Strandabschnitt, an dem 45 Afghanen die Küste erreicht haben, klatschnass und frierend stehen sie im Sand. Das Rettungsteam geht an die Arbeit, versorgt die Menschen mit trockener Kleidung und Thermodecken. Hilfe kommt auch von der norwegischen Hilfsorganisation "A Drop in the Ocean". Spanische Ärzte kümmern sich um die Verletzten.

Türkei Griechenland Flüchtlinge (Foto: Reuters)

Allein am vergangenen Wochenende kamen mehr als 3000 Flüchtlinge auf Chios an

Trotz der schreienden Kinder und der vor Schmerz ächzenden Erwachsenen wirkt das ganze Chaos fast geordnet: Nasse Kleidung ausziehen, trockene anziehen, Plastiktüten ersetzen nasse Socken. Jeder stellt sich in Reih und Glied vor einem Bus auf. Freiwillige sammeln den Müll auf.

Neue Taktik der Schmuggler

Seit Monaten verbessern die Hilforganisationen ihre Arbeit, doch nun stehen die Helfer vor neuen Herausforderungen. Denn wegen des Drucks der Türkei und der Europäischen Union ändern die Menschenschmuggler ihre Strategie. Immer wenn es so scheint, als würde der Menschenstrom nachlassen, kommen plötzlich riesige Flüchtlingsgruppen in kurzen Abständen an der Küste an und überfordern die Helfer. Am letzten Wochenende kamen mehr als 3000 Menschen allein auf Chios an.

"Die Zahlen sind seit Herbst stabil und wir glauben, dass das bis März auch so bleiben wird", sagt Edith Chazelle, die hier für den Norwegischen Flüchtlingsrat arbeitet: "Wir sind alle überrascht, dass sie trotz des kalten Wetters und der rauen See kommen."

Die Helfer stellen außerdem fest, dass die Schlauchboote nicht mehr erst an der griechischen Küste verlassen werden. Die Menschenschmuggler zwingen die Flüchtlinge, auf dem Meer ins Wasser zu springen und das letzte Stück bis zur Küste zu schwimmen, bevor sie mit dem Boot wieder Richtung Türkei fahren.

"Einfach ins Wasser geworfen"

Am Freitagabend schwamm Mihalis Mierousis von FEOX hinaus, um ein Baby zu retten, das über Bord geworfen worden war. Das Kind, nicht einmal ein Jahr alt, überlebte. Mierousis geht davon aus, dass solche Fälle wegen eines Mangels von Schlauchbooten öfter vorkommen.

Griechenland Chios Registrierungs Zentrum Flüchtlinge (Foto: DW/D. Cupolo)

Auch Flüchtlinge aus Nordafrika geben sich als Syrer oder Afghanen aus

"Leider ist das nicht unüblich", sagt er. "Viele Menschen werden einfach ins Wasser geworfen und wir müssen sie auf diese Weise retten."

Andere Helfer sagen, die Schmuggler würden Familien als Geiseln nehmen und Familienväter dazu zwingen, die Schlauchboote nach Chios zu fahren und wieder zurück in die Türkei. Gerüchte gibt es reichlich.

Die kriminellen Aktivitäten konzentrieren sich zurzeit an den Stränden nahe der türkischen Stadt Cesme, einem Touristenort, wo verlassene Hotels als Unterkünfte für die Flüchtlinge dienen, bevor diese nach Griechenland ablegen.

Mahmud Iqbal, ein afghanischer Flüchtling, sagt, er habe drei Nächte in Cesme verbracht ohne Essen und Trinken bevor er auf ein Boot gelangte. Er sei mit 15 anderen Afghanen in einem Kleinbus zur Ablegestelle gebracht worden. Der Wagen sei zunächst von der Polizei gestoppt, dann aber durchgewunken worden, sagt Iqbal.

Zerrissene Pässe

Auf der griechischen Seite ist die Szenerie nicht ganz so chaotisch, dennoch gibt es eine ganze Reihe von Problemen.

Isolierte Zelte, Stockbetten und Gasheizungen haben das Flüchtlingslager Souda mitten in Chios zu einem der besten des Landes gemacht. In dem Camp, betrieben vom UNHCR, lokalen Behörden und verschiedenenen Nichtregierungsorganisationen, ist Platz für bis zu 700 Menschen. Unabhängige Freiwillige verteilen drei Mahlzeiten am Tag am Eingang des Lagers.

Erstregistrierung und Dokumentation finden in einem verlassenen Fabrikgebäude in der Nähe statt. Asylsuchende werden so lange untergebracht, bis sie mit Fähren weiter nach Athen transportiert werden. Das alles scheine geordnet, sagt die deutsche Freiwillige Rebbecca Berker, jedoch nur weil einfach alle durchgelassen würden, unabhängig davon, ob sie asylberechtigt sind.

Griechenland Chios Souda Flüchtlingscamp (Foto: DW/D. Cupolo

Die Menschen bleiben im Lager Souda bis sie auf Fähren nach Athen gebracht werden

Ein Blick auf die Registrierungsprotokolle im Lager zeigt, dass fast alle Asylsuchenden behaupten, entweder Syrer oder Afghanen zu sein. Auf dem Gelände sind jedoch viele Menschen aus Nordafrika. Zudem wurden zerissene iranische Pässe am benachbarten Strand gefunden.

Menschen aus dem Maghreb, Benin, Kongo

Denoch will Vassilis Ballas, der Manager des Souda Camps alle Ankommenden so gut es geht unterbringen - zumindest bis auf Chios im nächsten Monat ein neues "Hotspot Registration Center" eröffnet. Damit soll die Aufnahmekapazität der Insel verdoppelt werden. Registrierung und Unterbringung werden zentralisiert.

Zumindest die Zahl der iranischen Flüchtlinge sei durch die türkischen Grenzpatrouillen gesunken, sagt Ballas. "Aber wir haben immer noch viele Menschen aus dem Maghreb und einige aus Ländern wie Benin oder dem Kongo", sagt er und lacht dabei. Auf die Frage, warum er lache, sagt er: "Ich weiß nicht. Diese Menschen werden um die ganze Welt reisen nur um eine offene Tür zu finden. Ich lache anstatt zu weinen."

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