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Wissen & Umwelt

"Genug für Teller und Tank"

Biokraftstoffe sollen fossile ersetzen und das Klima schonen. Deutschland führt bei dieser Technologie. Es gibt genug Fläche für den Anbau von Nahrungsmitteln und Biokraftstoffen, sagt Experte Helmut Lamp im DW-Gespräch.

Deutsche Welle: Herr Lamp, nach Angaben des Weltklimarates muss bis zur Mitte des Jahrhunderts der Ausstieg aus den fossilen Energien gelingen, damit die Erderwärmung unter zwei Grad gehalten werden kann. Aus Biomasse lassen sich Kraftstoffe erzeugen. In Berlin berät darüber ein internationaler Fachkongress für Biokraftstoffe. Wie ist die Perspektive?

Helmut Lamp: Es gibt Hoffnungen und Visionen. Die Biokraftstoffe der ersten Generation sind etabliert. Aus Raps, Weizen, Mais, Agrarresten, Müll und Abwasser lassen sich Kraftstoffe herstellen wie Bioöl, Bioethanol und Biodiesel. Allerdings könnten wir mehr dieser Kraftstoffe produzieren. Hier treten wir auf der Stelle. Bei den Biokraftsoffen der zweiten und dritten Generation zeichnen sich Perspektiven ab. Allerdings weiß man noch nicht, wie weit sie umsetzbar sind.

Auf welche Biokraftstoffe der zweiten und dritten Generation sollte man setzen?

Wir wissen aus Erfahrung, dass es auch schon vor 20 Jahren viele Ansätze und Visionen gab. Zwar wird die Entwicklung dieser verschiedenen Biokraftstoffe weiter verfolgt, doch die Hoffnung von damals wurde nicht erfüllt. Ich bin also vorsichtig mit Visionen. Man soll weiter entwickeln, aber nicht zu große Hoffnungen wecken, damit die Enttäuschung nicht zu groß wird.

Aus Algen lassen sich Kraftstoffe herstellen. Und aus Wind- und Sonnenstrom kann mit Hilfe der Elektrolyse Wasserstoff und Methan erzeugt werden. Mit diesen Gasen können Autos betankt werden. Wie bewerten Sie diese Technologien, die als zukunftsweisend gelten?

Helmut Lamp, Vorsitzender des Bundesverbandes BioEnergie (Foto: Imago)

Helmut Lamp, Bundesverband BioEnergie

Die Erzeugung von Biogas (Methan) aus Windstrom, das sogenannte Power to Gas-Verfahren ist noch zu teuer und ich sehe noch nicht, wie die hohen Kosten sinken können. Und auch beim Kraftstoff aus Algen sind noch viele Fragen offen. Bis diese beiden Technologien einen großen Anteil an den Kraftstoffen haben werden, werden nach meiner Einschätzung noch mindestens zwei Jahrzehnte vergehen.

Einsetzbar ist jedoch schon die Elektromobilität. Es gibt einen großen Boom bei E-Bikes. Bei den Autos bleibt er noch aus. Allerdings werden Elektroautos im Stadtverkehr in den nächsten Jahren zunehmen. Und auch das Biogas aus Restmüll und Biomasse kann man schon heute für den Verkehr nutzen, Gasfahrzeug fahren damit. Der CO2-Ausstoß kann so gesenkt werden.

Für Kraftstoffe braucht man Biomasse, viel Mais und Weizen werden dafür angebaut. Diese Anbaufläche steht nicht mehr für Nahrungsmittel zur Verfügung. Ein Problem?

1970 gab es 3,5 Milliarden Menschen auf der Welt und jeder vierte hungerte. Heute leben über sieben Milliarden Menschen auf der Welt und jeder achte hungert. Die UN-Welternährungsorganisation FAO sagt, dass wir weltweit die Nahrungsmittelproduktion verdoppeln können, ohne ökologisch sensible Flächen dafür zu nutzen. Wir sind also nicht am Limit und es gibt noch genügend Fläche für Agrarrohstoffe. Wir haben noch sehr viel Luft.

Wie viel Biokraftstoff kann Deutschland auf seinen eigenen Flächen problemlos selbst erzeugen?

2007 lag der Anteil von Biokraftstoff in Deutschland bei 7,5 Prozent. Wenn man uns die Gelegenheit gibt, dann könnten wir sofort zehn Prozent produzieren. Ich sehe vor allem die Möglichkeit für die Produktion von Biokraftstoffen in Osteuropa. Dort liegen riesige Flächen brach, allein in Russland sind es 22 Millionen Hektar. Auf der Grünen Woche in Berlin haben russische Wissenschaftler und Landwirte über diese Möglichkeiten gesprochen. Ich gehe davon aus, dass Deutschland und die EU lang- und mittelfristig hier kooperieren müssen, um den Bedarf für Biokraftstoffe zu decken.

Welche Rolle werden Biokraftstoffe weltweit künftig übernehmen?

Das Kerosin für Flugzeuge muss eines Tages komplett durch Biokraftstoffe ersetzt werden. Bei der Mobilität muss sich einiges verändern, so wie bisher kann das nicht weitergehen. Eine genaue Prognose kann ich hier nicht geben. Aber aus dem Bauch heraus sage ich, dass wenigstens die Hälfte der Energie für die Mobilität eines Tages von Biokraftstoffen gedeckt werden muss und dies auch machbar ist.

Biokraftstoffe werden schon im großen Maßstab produziert, in Europa mit fossilem Diesel und Benzin gemischt und an den Tankstellen verkauft. Wie groß sind die Preisunterschiede zwischen Biokraftstoffen und den fossilen?

Das Bioethanol kostet fast gleich viel wie Benzin. Und Biodiesel war bis vor einem halben Jahr, also vor dem Ölpreisverfall, noch 20 bis 30 Prozent teurer als fossiler Diesel. In den vergangenen Jahren wurden Biotreibstoffe immer günstiger und die Kosten für fossile Treibstoffe auf längere Sicht teurer. Also, die Kostengleichheit liegt vor uns und zum Teil ist sie auch schon erreicht. So ist zum Beispiel in Brasilien Bioethanol günstiger als fossiles Benzin.

Helmut Lamp ist Vorstandsvorsitzender vom Bundesverband BioEnergie (BBE). Der Landwirt war über zehn Jahre für die CDU Abgeordneter im Deutschen Bundestag. Parallel zur Grünen Woche in Berlin organisierte der BBE einen internationalen Fachkongress für Biokraftstoffe.

Das Interview führte Gero Rueter.

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