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Welt

Gentile: "Die Erinnerung ist allgegenwärtig"

Bundespräsident Gauck hat Sant' Anna di Stazzema besucht, den Ort eines der schlimmsten deutschen Kriegsverbrechen in Italien. Die Traumata wirken bis in die heutige Generation, sagt der Historiker Carlo Gentile.

Dr. Carlo Gentile (Foto: Manfred Wegener)

Dr. Carlo Gentile

Die Waffen-SS hatte Sant' Anna di Stazzema 1944 auf der Suche nach Partisanen umzingelt. Sie trieben die Bewohner zusammen, töteten mehr als 500 von ihnen - überwiegend Frauen und Kinder. Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs ließ eine juristische Aufarbeitung auf sich warten. Schließlich wurden einige Täter in Abwesenheit von einem italienischen Gericht verurteilt. Die Ermittlungen in Deutschland wurden eingestellt. Der Historiker Carlo Gentile spricht im DW-Interview über das Trauma der Überlebenden und der Angehörigen der Opfer.

DW: Wie gegenwärtig ist die Erinnerung an das Massaker in Sant'Anna di Stazzema?

Carlo Gentile: Die Erinnerung an das Massaker ist natürlich sehr gegenwärtig - durch die Örtlichkeiten, die zum Teil noch zerstörten Häuser, die Denkmäler und Gedenktafeln, das Museum. Und natürlich ist auch die Erinnerung der Überlebenden und Familienangehörigen sehr lebendig. Solche Traumata wirken sehr lange nach, über Jahrzehnte, und sie werden an die nächsten Generationen weitergegeben.

Haben Sie bei Ihren Besuchen mit Angehörigen gesprochen?

Ja, ich kenne einige von ihnen.

Was erzählen sie Ihnen?

Was sie erzählen, hängt sehr vom Charakter der Personen ab. Es gibt einige, für die es einfach ist, darüber zu sprechen, für andere ist es sehr schwierig. Sie erzählen natürlich, was ihnen widerfahren ist, was sie damals gesehen haben, wie sie die Dinge erlebt haben. Es gibt aber keinen Hass gegenüber Deutschland oder den Deutschen. Hass habe ich dort nie erlebt - und auch an anderen Tatorten von Kriegsverbrechen in Italien nicht.

Und das, obwohl die juristische Aufarbeitung vor allem in Deutschland ja schwierig verlief...

Die Aufklärung ist in solchen Fällen natürlich immer sehr schwierig. Bei Sant’ Anna di Stazzema ist die juristische Beschäftigung mit den Ereignissen in Wellen verlaufen. Es gab erste Ermittlungen der alliierten Untersuchungsbehörden unmittelbar nach der Tat, und kurz nach dem Zweiten Weltkrieg ermittelten die italienischen Behörden. Ende der 1940er, Anfang der 1950er Jahre haben die Ereignisse eine Rolle in einem der wenigen großen Prozesse in Italien gespielt: gegen einen Offizier der verantwortlichen Division, der aber für das Massaker selbst nicht verantwortlich war und daher auch freigesprochen wurde.

Danach gab es viele Jahre keine Ermittlungen mehr - erst wieder in den 1990er Jahren, als in dem berühmten "Schrank der Schande" in Rom Akten dazu gefunden wurden und in Deutschland Journalisten und Historiker begannen, sich mit dem Fall zu beschäftigen. Die Staatsanwaltschaft Stuttgart hat zehn Jahre lang an dem Fall ermittelt, ohne große Ergebnisse. In Italien gab es Ermittlungen, die zu einem Prozess geführt haben, zu Urteilen in Abwesenheit.

Wie haben Überlebende und Angehörige von Opfern die juristische Aufarbeitung empfunden?

Die Verurteilungen in Italien wurden mit Genugtuung aufgenommen. Die Einstellung der Ermittlungen der Stuttgarter Staatsanwaltschaft hat hingegen viele vor den Kopf gestoßen. Die Reaktionen in Italien sind heftig gewesen. Auch der italienische Staatspräsident hat sich ganz eindeutig negativ dazu geäußert. Man muss aber versuchen, in Italien zu erklären, wieso die italienischen Urteile nicht eins zu eins in das deutsche Rechtssystem übertragen werden können.

Die Aufarbeitung ist nach wie vor ein schwieriges Thema. Daher ist es umso begrüßenswerter, dass Bundespräsident Joachim Gauck jetzt nach Sant' Anna di Stazzema kommt.

Herr Gentile, vielen Dank für das Gespräch.

Dr. Carlo Gentile arbeitet am Martin-Buber-Institut für Judaistik der Universität Köln. Die Forschungsbereiche des Historikers sind unter anderem Antisemitismus, Nationalsozialismus und Faschismus.

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