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Kultur

Gentechnik auch in Indien umstritten

In reichen Industrieländern ist fraglich, wozu man gentechnisch veränderte Lebensmittel braucht. Was in Überflussgesellschaften unsinnig erscheint, könnte aber in Indien helfen, Armut und Hunger zu bekämpfen.

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Gen-Baumwolle: Hoffnung auf reiche Erträge

"Was sollen wir essen, wovon sollen wir leben?", fragt Rajakka Mallaiah verzweifelt ihren Mann und zeigt hinter sich auf das vertrocknete Baumwollfeld. "Sie haben uns gesagt, wir sollen diesen amerikanischen Samen nehmen. Aber schauen Sie sich um, unsere ganze Ernte: Missraten! Erklären Sie uns: Warum!"

Das dritte Jahr in Folge ist der Monsunregen schwach ausgefallen. Die Ernten auch. So haben Mallajiah und Rajakka alles auf eine Karte gesetzt: Haben horrende Schulden bei Banken und örtlichen Geldverleihern gemacht, um den neuen Wundersamen Bt-Cotton, im Volksmund "Bollgard" genannt, von Monsanto/Mahyco zu kaufen.

Drittgrößter Baumwollproduzent

Knapp ein Drittel der indischen Landwirte baut Baumwolle an - auf rund neun Millionen Hektar, was im letzten Jahr 14,2 Millionen Ballen Baumwoll-Leinen ergab. Damit ist Indien drittgrößter Baumwollproduzent der Welt. Heute dient Indiens Agrarwirtschaft, von der noch immer zwei Drittel der rund 1,2 Milliarden Inder leben, nicht mehr nur der Selbstversorgung. Längst geht es um Anteile auf dem Weltmarkt.

Bis vor 30 Jahren gab es in Indiens Landwirtschaft keine Überschüsse. Da herrschten Hunger und Mangel und Indien war regelmäßig auf ausländische Hilfslieferungen angewiesen. Erst der technische Fortschritt brachte die Wende: Besseres Saatgut, chemische Düngemittel und Pestizide erhöhten die Ernten schlagartig. Als "Grüne Revolution" ging dieser - wegen der Folgen für die Umwelt nicht ganz unproblematische - Prozeß in die indische Agrargeschichte ein.

Genmais

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"Gene Revolution"

Nach Einschätzung des Professors K.R. Chowdry von der University of Hyderabad und Präsident des "Indian Rural Development Congress", einer indienweiten Vereinigung von Agrarexperten, steht der Subkontinent, mehr als ein Vierteljahrhundert nach der sogenannten "Green Revolution" heute vor einer "Gene Revolution", und somit erneut am Scheideweg.

"Während der Grünen Revolution ging es vor allem um verbesserte Saatgut-Varianten, Dünger und Pflanzenschutztechniken. Die Genetische Revolution stammt nicht aus Indien. Vielmehr kommt sie aus dem Westen, insbesondere aus Amerika. Die Genetische Technologie ist höchst willkommen. Jede Technologie ist willkommen, sofern sie den Bauern hierzulande nützt. Wenn sich diese Technologie aber als schlecht erweist, als wenig hilfreich für die Bauern, dann ist sie nicht willkommen. Dann muss man dagegen vorgehen", sagt Chowdry.

Staatliche wie private Institute züchten seit Jahren besonders ertragreiche und widerstandsfähige Nutz- und Nahrungspflanzen - sogenannte Hybride. Neu ist: Wissenschaftler verändern jetzt auch die Erbinformation solcher Hybride. Im Labor, im Reagenzglas entstehen neue Sorten: So auch "BT-Cotton", gentechnisch veränderte Baumwolle; die erste in Indien zugelassene Genpflanze überhaupt.

Steigende Nachfrage für BT-Technologie

Baumwollpflanze

Baumwollpflanze

Der US-Saatgutkonzern "Monsanto Research Centre Bangalore", beschäftigt 60 Wissenschaftler. Ihr Ziel ist die Gentechnik zu verfeinern und den regionalen Gegebenheiten anzupassen. Die Beteiligung an der indischen "Maharastra Hybrid Seeds Company" eröffnete dem US-Konzern 1998 den Einstieg in den indischen Saatgutmarkt. Erste Feldversuche mit Genpflanzen folgten. Vor drei Jahren endlich erhielt das Monsanto-Unternehmen - zunächst probeweise - die erste und bisher einzige Lizenz für den kommerziellen Verkauf von BT-Technologie. Nach anfänglich 25.000 Bauern zählen heute 400.000 Farmer zur Kundschaft.

Der Gen-Samen kostet vier mal so viel wie herkömmlicher Baumwollsamen. Eine Art genetischer Kopierschutz verhindert, dass die Bauern - wie seit Jahrhunderten praktiziert - Teile ihrer Ernte für den Folgeanbau abzweigen können. Auch sparen die wenigsten Farmer an Dünger und Pestiziden.

Risikofaktor noch ungeklärt

Liegt der Schlüssel für Indiens Agrar-Zukunft in der Gentechnik? Greenpeace Aktivisten Divya Rahunandan sagt Nein.

"Wir denken, die Risiken der Gentechnik, sowohl für die Umwelt als auch für die menschliche Gesundheit, sind völlig ungeklärt. Die Technik ist überholt. Solange die Risiken und die möglichen Folgen der Technologie nicht bekannt sind, sollte man auch keine genetisch veränderten Organismen in Umlauf bringen. Gentechnologie sind nicht die Lösung für das Pestizid-Problem. Denn es ist nur eine Frage der Zeit, bis sich Resistenzen herausbilden und die Bauern neues Saatgut brauchen. Eine anderer Punkt ist die Verunreinigung. Sie bedroht die Artenvielfalt. Und das macht uns große Sorgen."

Gremium muss entscheiden

Zuständig für die Zulassung von Genpflanzen in Indien ist das "Genetic Engeneering Approval Commitee", kurz: GEAC, ein Gremium aus Wissenschaftlern und Regierungsbeamten mit Sitz in Neu Delhi. Bis März muss es seine Entscheidung über die Verbreitung von BT-Cotton überdenken und gegebenfalls bestätigen. 18 gentechnisch veränderte Pflanzen, von Tomaten über Kartoffeln bis hin zu Reis oder Tabak, werden derzeit in staatlichen und privaten Testprogrammen untersucht. Und könnten schon bald über Indiens Landwirte hereinbrechen - die Zulassung durch Delhi vorausgesetzt.

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