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Afrika

Genozid in Namibia: "Es ist an der Zeit, Farbe zu bekennen"

Deutschland hat den Völkermord an den Armeniern offiziell anerkannt. Zum Völkermord an den Herero will sich die Bundesregierung aber nicht bekennen - dabei sei die Zeit überreif, sagen Politiker und Vertreter der Opfer.

"Deutschland muss Farbe bekennen", fordert der in Berlin lebende Herero Israel Kaunatjike im Gespräch mit der DW. Das Land müsse endlich anerkennen, dass ein Völkermord an den Herero, Nama, Damara und San im heutigen Namibia stattgefunden habe. Und

damit ist er nicht allein

- die Stimmen werden immer lauter, seit auch der deutsche Bundestag von einem Völkermord an den Armeniern spricht. Aber: "Sie nehmen uns einfach nicht ernst, das ist diskriminierend und respektlos gegenüber den Opfern." Kaunatjike setzt sich seit Jahren in einer gemeinsamen Kampagne von Nichtregierungsorganisationen

"Völkermord verjährt nicht"

für eine Gleichbehandlung seiner Vorfahren ein.

Porträt Israel Kaunatjike

Der Herero Israel Kaunatjike lebt seit mehr als 30 Jahren in Deutschland

1904 verübten deutsche Truppen in der damaligen Kolonie Deutsch-Südwestafrika den ersten Völkermord des 20. Jahrhunderts. Darüber sind sich Historiker und die Vereinten Nationen einig. Der Generalleutnant Lothar von Trotha nahm damals einen Aufstand des Herero-Volkes zum Anlass, in einem Vernichtungsfeldzug etwa 70.000 Herero - 80 Prozent aller Vertreter der Ethnie - und rund die Hälfte des Nama-Volks auszurotten. Die UN erkannten bereits 1948 den Vernichtungskrieg offiziell als Völkermord an. Nur Deutschland tut sich bis heute schwer.

Bisher kein Gehör im Bundestag

Die ehemalige Entwicklungsministerin Heidemarie Wieczorek-Zeul wagte 2004 als Vertreterin der deutschen Regierung einen ersten Schritt. In einem Gedenkgottesdienst am Waterberg in

Namibia

bat sie "im Sinne des gemeinsamen 'Vater unser' um Vergebung unserer Schuld". Seitdem steht eine offizielle Entschuldigung Deutschlands weiter aus. Im Bundestag gab es mehrere Initiativen, denen sich jedoch immer die jeweilige Regierung versperrt habe, so Wieczorek-Zeul im DW-Interview. Ihre eigene Partei, die SPD, und die Grünen hatten zuletzt 2012 in der Opposition einen Antrag eingebracht, in dem sie den Völkermo­rd beim Namen nannten und dessen Anerkennung forderten.

Im August 2012 verwies die Bundesregierung in einer Antwort auf den Antrag darauf, dass die Konvention vom 9. Dezember 1948 über die Verhütung und Bestrafung des Völkermordes nicht rückwirkend angewendet werden könne. Darüber hinaus habe sich die Regierung wiederholt zur historischen und moralischen Verantwortung Deutschlands gegenüber Namibia bekannt und werde dem auch durch die überaus intensive Zusammenarbeit mit diesem Land gerecht. Pro Kopf bekommt Namibia unter allen afrikanischen Ländern die höchste Entwicklungshilfe von deutscher Seite.

Die Gelegenheit nutzen

Nach Auffassung von Kaunatjike hat das aber nichts mit einem Schuldeingeständnis zu tun. Eine Entschuldigung stehe nach wie vor aus. Nach der Völkermord-Debatte um Armenien sieht die langjährige Ministerin Wieczorek-Zeuldie Zeit für eine formelle Anerkennung auch gegenüber den Namibiern gekommen: "Man kann nicht immer nur andere auffordern, ihrer Verantwortung gerecht zu werden, sondern man muss auch die eigene Schuld anerkennen und diese dann auch so benennen."

Frauen in traditioneller Herero-Tracht bei der Wahl 2009

Frauen in traditioneller Herero-Tracht bei der Wahl 2009

Kaunatjike schöpft aus der politischen Diskussion neue Hoffnung: Es sei "eine Bewegung im Gange". Dadurch könne es wieder genügend Antrieb für einen Neuentwurf des Antrags von 2012 geben. Auch der Bundestagsabgeordnete Karamba Diaby (SPD) bringt neuen Wind in die Diskussion. In einer Rede Anfang Mai im Deutschen Bundestag setzte er sich für die gerechte Aufarbeitung dieses Kapitels und eine "lebendige Erinnerungskultur" in Schulen und Geschichtsbüchern ein. Er rief den Bundestag dazu auf, sich zum Völkermord zu bekennen und sich der deutschen Verantwortungsgeschichte ganzheitlich zu stellen.

Neben einer offiziellen Entschuldigung müsse aber auch eine Wiedergutmachung folgen, die sich direkt an die betroffenen Gebiete richte, so Kaunatjike. Zahlreiche Nachfahren der Ermordeten und Vertriebenen leben heute in Botswana, Südafrika oder Angola. Sie müssen für das Land, das ihren Vorfahren geraubt wurde, entschädigt werden, fordert der Namibier.

Wieczorek-Zeul sieht das ähnlich. Eine Versöhnungsinitiative müsse über allgemeine

Reparationen

hinaus gehen. Denn Reparationszahlungen in den nationalen Haushalt, wie sie die namibische Regierung bevorzugt, seien "zu unspezifisch". "Es müssen die Menschen in den betroffenen Regionen erreicht und deren Lebenssituation verbessert werden." Eine Versöhnungsinitiative müsse demnach vor allem auf die Regionen zielen, in denen die Nachfahren der Opfer lebten.

"Unkenntnis und Unsensibilität"

Schädel von Herero-Angehöringen unter Glas

2014 gab es eine weitere Rückführung von Herero-Schädeln nach Namibia

Kaunatjike zufolge ignoriert Deutschland die Tatsache, dass auch die Rassenforschung an den Herero ein Teil der deutschen Geschichte ist. Das Deutsche Reich ließ Herero-Gebeine nach Deutschland verschiffen, damit Forscher "rassenanatomische" Studien betreiben konnten. Noch heute lagern in deutschen Museen rund 3000 Knochen. 2011 wurden erstmals Gebeine und Schädel zurück nach Namibia überführt. Die Rückführung war jedoch Wieczorek-Zeul zufolge von "völliger Unkenntnis und Unsensibilität von Seiten der damaligen Bundesregierung getragen und hat eher zu mehr Unverständnis geführt". Die damalige Staatssekretärin Cornelia Pieper (FDP) nahm als Gast an der Übergabe in der Berliner Charité teil. Eine Entschuldigung sprach sie jedoch nicht aus - woraufhin das Publikum sie ausbuhte. Ein möglicher Grund, warum eine weitere Übergabe 2014 kaum öffentlich gemacht wurde.

Die Hoffnungen des Herero-Vertreters Kaunatjike ruhen nun auf einer Reise von einer Gruppe von Bundestagsabgeordneten Anfang Juni. Unter Leitung der SPD-Politikerin Dagmar Freitag (SPD) wird die Delegation in Namibia mit Parlmentariern, Vertretern der Zivilgesellschaft, Stiftungen und Wissenschaft zusammentreffen.

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