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Wirtschaft

Genossenschaften erleben einen neuen Boom

Gemeinsam besser verdienen - das ist das Ziel vieler Kleinunternehmer, die sich zusammenschließen. Nach dieser Idee betreibt auch eine Genossenschaft in Ostdeutschland seit 114 Jahren eine Mühle.

Die Mühle Bärenhecke ist ein produzierendes Denkmal. In diesem Jahr wird sie 114 Jahre alt und läuft und läuft und läuft. Klaus Metze führt uns in die heiligen Hallen. Mit einem alten, paternosterähnlichen Lade-Fahrstuhl geht es nach oben. Dort im Herzen des Gebäudes klappert und dröhnt es. Hier wird gerade das frisch gemahlene Mehl immerhin achtmal durchgesiebt. Moderne Anlagen oder Maschinen: Fehlanzeige. Hier ist alles noch im Urzustand und geht es nach den Müllermeistern, soll das auch so bleiben.

Landwirtschaftliche Produktionsgenossenschaft Bärenhecke in Sachsen Copyright: DW TV, 06.07.2012

In der Mühle stehen heute noch die alten Maschinen

Schließlich, so Klaus Metze, sind gerade die alten Maschinen extra langsam. Hohes Tempo beim Mahlen würde das Mehl nur warm machen. Und das mindert die Qualität. "Wenn sich Mehl bei der Herstellung erwärmt, dann ändert sich die Struktur in den Stärkekörnern, das ist für den Backprozess nicht besonders gut. Deshalb achten wir darauf, dass bei uns die Geschichte langsam geht," sagt Metze.

Alte Idee, auch bei der Stromversorgung

Die Mühle und Bäckerei Bärenhecke - tief in Sachsen, im Ost-Erzgebirge ist die älteste Raiffeisengenossenschaft Deutschlands. Direkt daneben liegt die Müglitz. Ein kleiner Fluss, der damals wie heute die Maschinen antreibt. Immerhin die Hälfte des gebrauchten Stroms in der Mühle wird immer noch durch Wasserkraft gewonnen.

Die Vereinten Nationen haben 2012 zum Jahr der Genossenschaft erklärt. Sie sehen in der Geschäftsform der Kooperative ein einfaches Modell für ärmere Regionen, um sich wirtschaftlich zu verbessern. Auch die Gründung der Genossenschaft für die Mühle Bärenhecke war im 19. Jahrhundert eine Entscheidung aus der Not heraus. Die Bauern wurden ihr Getreide nicht los. Sie brauchten Abnehmer, die ordentlich zahlen und eine Verarbeitung möglichst in der Nähe, ohne teure Umwege. Hilfe zur Selbsthilfe war gefragt. "Das Getreide in dem Gebirge bei uns ist grobschalig. Die Vermarktung in Dresden war sehr schlecht. Also hatte man sehr wenig Gewinn erzielt. Deswegen hat man gesagt, wir brauchen hier eine eigene Mühle, um das Getreide zu verarbeiten und das Brot herzustellen," erklärt der Vorstandsvorsitzende der Genossenschaft, Gerald Seifert.

Landwirtschaftliche Produktionsgenossenschaft Bärenhecke an der Müglitz, Sachsen. Copyright: Landwirtschaftliche Produktionsgenossenschaft Bärenhecke Einstellungsdatum: 09.07.2012

Vor 114 Jahren gegründet: Die Landwirtschaftliche Produktionsgenossenschaft Bärenhecke

Ein einmaliges Konzept

Und das ist noch heute so. Das Konzept einer Mühle und der direkt angeschlossenen Bäckerei ist dabei einmalig. Immerhin 160 Mitarbeiter beschäftigt die Genossenschaft: In der Mühle, einer Konditorei und den 24 Bäckerei-Geschäften. Vom Getreide auf dem Feld bis zum fertigen Brot oder Kuchen – hier gibt es keinen Zwischenhandel. Das ist wirtschaftlicher. Kein Wunder, dass die Idee der Genossenschaft derzeit einen neuerwachten Boom erlebt. "Der Vorteil besteht darin, dass ich neben meiner individuellen Leistungsfähigkeit, gemeinsam ein Netzwerk nutze, das können Arbeitsmöglichkeiten sein, dass können Einkaufsmöglichkeiten sein oder auch eine Vertriebsgenossenschaft," bestätigt Wolfgang Allert vom Mitteldeutschen Genossenschaftsverband.

Mitglied kann nicht jeder werden

Die Backwaren von "Bärenhecke" gehen ohne Zusatzstoffe oder Treibmittel, dafür aber Natur-Sauerteig und Quellwasser über die Theke. Ein Konzept, das ankommt. "Wir haben Verantwortung gegenüber unseren Kunden. Auch Kindergärten gehören zu unseren Kunden, da muss das Essen wirklich gesund sein," sagt Metze.

Und so sehen das auch die Landwirte, deren Getreide in der Mühle verarbeitet wird. Bernd Grahl ist vom Genossenschaftsprinzip überzeugt. Schon seine Eltern waren hier Mitglieder. Heute gibt Grahl vor allem den Roggen in der Bärenhecke ab. Er schätzt den regionalen Kreislauf. "Ich weiß", sagt er, "dass unser Getreide als Brot hier auf den Tisch kommt."

Heute kostet ein Anteil an der Genossenschaft Bärenhecke 2500 Euro. Aber nicht nur das: Mitglied darf nur werden, wer auch die moralische Verpflichtung von Wirtschaftlichkeit und sozialer Verantwortung verstanden hat.

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