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Welt

Genialer Politiker oder machthungriger Populist?

Vor 10 Jahren wurde Abdoulaye Wade zum senegalesischen Präsidenten gewählt. Wie hat er den Amtsantritt empfunden und wie hat sich das Land seitdem entwickelt? Dazu äußerte er sich jetzt im Gespräch mit DW-WORLD.DE.

Abdoulaye Wade (Foto: Klaudia Pape)

Abdoulaye Wade

"Wach ich oder träum ich?" habe er sich abends im stillen Kämmerlein gefragt. Noch heute scheint Abdoulaye Wade ein bisschen darüber zu staunen, dass er damals nicht geträumt hat, an jenem denkwürdigen Tag im März 2000. Soeben hatte ihn sein langjähriger Kontrahent und Präsident des Senegal, Abdou Diouf, angerufen und gesagt: "Abdoulaye, du hast die Wahlen gewonnen. Ich gratuliere dir!" Wade hatte damit geschafft, was nur wenigen afrikanischen Führern gelingt: Nach 26 Jahren als scheinbar ewiger Oppositionschef hatten die Senegalesen ihn zum Präsidenten gewählt. Die 40-jährige Alleinherrschaft der Sozialisten war damit beendet. Mit Wucht sei ihm an jenem Abend klar geworden, dass Politik ab sofort kein Spiel mehr sei, sondern eine gigantische Verantwortung, erinnert sich Wade. Inzwischen ist er seit 10 Jahren an der Macht. Und darüber, wie er mit dieser Verantwortung umgeht, gehen die Meinungen weit auseinander.

Der Präsidentenpalast in Dakar (Foto: Klaudia Pape)

Der Präsidentenpalast in Dakar

Senegal im Aufwind?

Für seine Anhänger ist der Wirtschaftsliberale ein genialer Politiker; für seine Gegner ein machthungriger Populist. Fest steht: er redet gern und viel. Am liebsten darüber, was er in seiner Amtszeit so alles für sein Land getan hat: Innerhalb von vergleichsweise wenigen Jahren habe er den Senegal endlich auf Vordermann gebracht, sagt der Präsident. Er habe die Infrastruktur aufgemöbelt, in den Städten einen wahren Bauboom ausgelöst und aus Dakar eine Weltstadt gemacht. Er habe dafür gesorgt, dass alle Studenten ein Stipendium bekommen, dass allerorten Kindergärten eingerichtet werden, dass das Land ein Wirtschaftswachstum von über 6 Prozent aufweist. Abdoulaye Wade gefällt sich in der Rolle des Machers. Die Liste seiner Verdienste kann der diplomierte Wirtschaftswissenschaftler problemlos verlängern und gerät dabei so sehr ins Schwärmen, dass er überwiegend in Superlativen spricht: Er baue die besten Straßen Afrikas, den modernsten Flughafen und die meisten Krankenhäuser.

Warten auf den Wandel

Wenn man sich im Senegal umhört, scheinen viele Menschen in einer anderen Welt zu leben. Die Studenten klagen über unzumutbare Studienbedingungen. Ärzte und

Nicolas Sarkozy mit Abdoulaye Wade (Foto: picture-alliance/dpa)

Wade mit Sarkozy

Krankenschwestern klagen über haltlose Zustände in den Hospitälern. Die Menschen auf dem Land klagen darüber, dass ihre Regionen völlig vernachlässigt werden und sie dort nicht mehr leben können. Wirtschaftswissenschaftler sprechen von hohen Kriminalitätsraten, von extremer Arbeitslosigkeit und von verzweifelten jungen Menschen, die keinen anderen Ausweg mehr sehen als in kleinen Fischerbooten nach Europa aufzubrechen. Und das Schlimmste, sagt ein Ökonom aus Dakar, "sind Korruption und Vetternwirtschaft in unserem Land." Alle wichtigen Posten würden mit Freunden und Verwandten besetzt; für die führenden Politiker gehe es vor allem darum, sich selbst zu bereichern.

"Armut ist relativ"

Der Präsident mag keine Kritik an seiner Person. Auf die Armut in seinem Land angesprochen, sagt er beispielsweise, dass man da relativieren müsse:

Kinder spielen im Dreck (Foto: Klaudia Pape)

Armut?

"Auf dem Land gibt es bei uns keine wirkliche Armut, kein Elend. Die Bauern haben vielleicht nicht all diesen modernen Komfort, aber sie sind darüber nicht unglücklich. Sonst würde man auf dem Land ja nicht die fröhlichen Menschen sehen und Frauen, die den ganzen Tag tanzen." Echte Armut gebe es nur in den Vororten von Dakar. Und Wade wäre nicht Wade, wenn er nicht schon ausführlich über seine Pläne dozieren könnte, um die zu bekämpfen. Seine Anhänger glauben an ihn. "Sie werden sehen", schwärmt einer von ihnen, "in wenigen Jahren gibt es keine Armut mehr in den Straßen der Hauptstadt."

"Großes Denkmal für ein großes Ego?"

An großen Plänen mangelt es dem umtriebigen Präsidenten nicht. Zurzeit realisiert er den, der ihm persönlich vielleicht am meisten am Herzen liegt. In Dakar hat er von einer nordkoreanischen Brigade ein "Monument der afrikanischen Wiedergeburt" errichten lassen. Ein gigantisches kupfernes Bauwerk, das Mann, Frau und Kind darstellt und drei Meter größer ist als die Freiheitsstatue in New York. Stolz erklärt Urheber Wade die Symbolik: "Das Denkmal vermittelt - nach Sklaverei und Kolonialzeit - die Aufbruchsstimmung Afrikas". Und um seinen Kritikern gleich den Wind aus den Segeln zu nehmen, schiebt er noch nach, wie er den Bau finanziert hat: nämlich nicht mit Staatsgeldern, sondern mit Land, das der Senegal ja schließlich im Überfluss habe. Kritik hat den Bau dennoch von Anfang an begleitet: "Zu teuer, zu groß, zu bildlich", lauteten nur einige Vorwürfe. Dass der Präsident seine Pläne trotzdem durchziehen würde, daran hatten Oppositionelle aber keinen Zweifel: "Es ist ein großes Denkmal für ein großes Ego", sagt einer. Wade wolle sich damit einen Platz in der Geschichte sichern.

Monument der afrikanischen Wiedergeburt (Foto: Klaudia Pape)

Monument der afrikanischen Wiedergeburt

Bedeutender Oppositioneller

Die Geschichtsprofessorin Penda Mbow hätte sich gewünscht, dass der Präsident anders in die Geschichte eingeht. Wade, sagt sie, sei ein großer Oppositioneller gewesen. Er habe unendlich viel für die Demokratie im Senegal getan. Und wenn er auch als Staatschef erfolgreich gewesen wäre, dann wäre er einer der bedeutendsten Afrikaner in der Geschichte des Kontinents geworden.

Abdoulaye Wade hat unterdessen großen Gefallen an der Macht gefunden. 2012 werde er sich selbstverständlich wieder zur Präsidenten-Wahl stellen, hat der über 80-jährige bereits zu Protokoll gegeben. "Und nach allem, was ich für unser Land getan habe", fügt er selbstbewusst hinzu, "wird es für mich auch kein Problem sein, die Wahlen zu gewinnen."

Autorin: Klaudia Pape
Redaktion: Katrin Ogunsade