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Nahost

Generationenkonflikt bei den Muslimbrüdern

Die Jugend der Muslimbruderschaft ist gespalten: Während die einen die ältere Generation unterstützen, fordern die anderen Reformen. Ihnen droht nun der Ausschluss aus der Organisation.

Muslimbrüder bei Demos in Kairo mit dem Koran in der Hand (Foto: AP)

In Kairo demonstrieren die Muslimbrüder mit Koran

In der Parteizentrale der Muslimbrüder in Kairo herrscht heute Hochbetrieb. Mohammed Badie, der geistliche Führer der Muslimbrüder, rauscht an der Menge vorbei, schüttelt ein paar Hände und begrüßt die ausländischen Gäste. "Willkommen im freien Ägypten", sagt er und lächelt. Mohammed Badie muss schnell weiter, hinauf in den ersten Stock, er trifft sich mit der Schura, dem Leitungsgremium der Muslimbrüder - ein wichtiger Termin. Ein Teil der Jugend der Muslimbrüder hat vor vier Wochen eine eigene Partei gegründet, die Richtungspartei. Mohammed Badie und die Schura, der Rat der islamischen Gemeinschaft, haben dies ausdrücklich verboten, sie wollten die Kräfte der Muslimbrüder vereinigen - jetzt wird diskutiert.

Im Inneren der Muslimbruderschaft bröckelt es

Mohammed Badie ist Führer der Muslimbrüder (Foto: DPA)

Mohammed Badie ist Führer der Muslimbrüder und Vertreter der älteren Generation

Die Gründung der Richtungspartei kam nicht überraschend. Seit Beginn der Revolution gibt es Auseinandersetzungen zwischen einem Teil der jungen Muslimbrüder und der Führung der Bruderschaft. Einige jüngere Mitglieder sind unzufrieden mit der Schura, fordern mehr Offenheit und wollen eigene Ideen einbringen. Die Mehrheit der Nachwuchsgeneration aber ist mit der Führung der Bruderschaft zufrieden - die Jugend ist gespalten.

Nach außen geben sich die Muslimbrüder gerne als Einheit, im Inneren aber bröckelt es. Die Bruderschaft gilt als Schirm verschiedener islamischer Schulen: Von fundamentalistischen Salafisten über liberale Islamisten - sie alle sind in der Bruderschaft vereinigt. Raum für ideologische Auseinandersetzungen gab es während des Mubarak-Regimes jedoch kaum, die Bedrohung und der Kampf ums Überleben ließen diese nebensächlich erscheinen. "Der Druck des alten Regimes hielt die Muslimbrüder zusammen", sagt Hossam Tammam, Experte für Islamische Bewegungen am Al-Ahram Zentrum in Kairo. "Ohne Druck von außen kommen nun unterschiedliche Ideologien zum Vorschein."

Die Minderheit der Jugend rebelliert

Bildmontage aus dem Logo der Muslimbrüder in Ägypten und einer Wahlurne mit ägyptischer Flagge (Grafik: DW/FLorian Meyer)

Die Muslimbruderschaft hat sich in verschiendene Parteien aufgespalten

Ahmed Abu El Fadl ist der Richtungspartei noch nicht beigetreten, ihre Ideen aber stoßen bei ihm auf Sympathie. Im Manifest der Richtungspartei spielt - im Gegensatz zur Partei der Freiheit und Gerechtigkeit - die islamische Scharia nur eine Nebenrolle. Die Jugend will ein Zeichen setzen, will offen bleiben, auch für Christen. Ahmed, Ende zwanzig, ist hoch gewachsen, trägt Bart und Hornbrille, ein rotes Poloshirt. "Was uns fehlt, ist die Offenheit für Kritik", sagt Ahmed. Durch die jahrelange Unterdrückung seien die Muslimbrüder gewohnt, ihre Organisation nicht öffentlich zu kritisieren. "Das muss die ältere Generation erst lernen." Die Älteren der Muslimbruderschaft sind vorsichtiger, zu lange haben sie unter dem Regime Mubarak gelitten, zu lange um das pure Überleben der Gemeinschaft gekämpft.

Wie Ahmed Abu El Fadl denkt nur eine Minderheit der jungen Muslimbrüder. Ungefähr 20 Prozent, so schätzt er. Die Mehrheit der jungen Muslimbrüder denkt eher wie der 23 Jahre alte Abdul-Rahman Hossam. Er ist gegen die Gründung der Richtungspartei, kritisiert die Führung der Muslimbrüder nicht. Abdul-Rahman vertraut in die alte Generation. "Wir wollen gemeinsam, jung und alt, Mann und Frau für eine bessere Welt kämpfen", sagt er. "Inschallah", so Gott will.

Generationenkonflikt seit Beginn der Revolution

Das Partei-Hauptquartier der Muslimbrüder in Kairo (Foto: AP)

Das Partei-Hauptquartier der Muslimbrüder in Kairo

Seit Beginn der Revolution gab es immer wieder Konflikte zwischen der rebellierenden Jugend und der Führung der Muslimbrüder. So verbot die Führung seiner Jugend Ende Mai die Teilnahme an der Demonstration "Zweiten Tag des Zorns", an der die Demonstranten dazu aufriefen, das alte Regime vor Gericht zu stellen und die ägyptische Verfassung noch vor dem Parlamentswahlen zu verabschieden. Einige Muslimbrüder wie Ahmed gingen dennoch auf den Tahrir-Platz, Abdul-Rahman blieb zu Hause.

Mitte Mai gründete die Muslimbruderschaft ihre eigene Partei "Freiheit und Gerechtigkeit". Demokratisch gewählt jedoch wurde an der Spitze niemand, der Schura-Rat ernannte die Führung einfach. Das machte Ahmed und seine Gleichgesinnten wütend: "Wir wurden nicht in die Entscheidung mit einbezogen, unsere Stimme wird nicht gehört", sagt er.

Muslimbruderschaft hat bereits fünf Mitglieder ausgeschlossen

Wer mit den Entscheidungen des Schura-Rats nicht einverstanden ist, solle das Schiff der Muslimbrüder verlassen, fordert Muhammad Saad. Saad gehört zur älteren Generation, seit 32 Jahren ist er Muslimbruder."Er soll dann aber auf ein anderes Boot steigen, mit dem wir eine Flotte bilden." Muhammad Saad ist sehr auf Frieden und Versöhnung mit allem bedacht, das habe ihn der Koran gelehrt. Im Streit solle niemand mit der Muslimbruderschaft auseinandergehen, dass sei nicht nach den Lehren des Propheten, im Sinne des Islam.

Vom Schiff der Muslimbrüder wurden bereits fünf Gründungsmitglieder der Richtungspartei gestoßen. Ob noch weitere über Bord gehen, das diskutieren der Schura-Rat und Badie nun. Mit dem Ausschluss aus der Organisation kann man Ahmed aber nicht drohen. Seine Freiheit lässt er sich von niemanden nehmen. "Für Freiheit habe ich gekämpft und werde auch weiter kämpfen", sagt er. Egal, ob innerhalb oder außerhalb der Muslimbrüder.

Autorin: Viktoria Kleber
Redaktion: Daniel Scheschkewitz/fab

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