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Asien

Generation Demokratie

Seit Jahrzehnten streiten taiwanesische Politiker erbittert über die Zukunft der Insel und das Verhältnis zu Festlandchina. Inzwischen ist die erste Generation erwachsen, die Taiwan nur als Demokratie erlebt hat.

Campus der National Taiwan University in Taipeh (Foto: Mathias Bölinger / DW)

Die Studenten der National Taiwan University in Taipeh sind in einer Demokratie aufgewachsen

Liu Zhonggang steht mit einem Kommilitonen auf dem Campus der Taiwan-Universität und wartet auf seine Freunde. Es ist Mittagspause, und die Studenten wollen in Richtung Mensa. Liu schließt gerade ein Studium der Landschaftsarchitektur ab und hofft, danach Arbeit in Taipeh zu finden. Wenn nicht könne er sich gut vorstellen, später einmal auf dem Festland zu arbeiten, sagt er. "Die Beziehung zum Festland war immer durch Feindschaft geprägt. Wenn China jetzt zur zweitgrößten Volkswirtschaft der Welt wird, dann führt das hoffentlich auch zu einer Verbesserung unserer Beziehungen."

Taiwans Präsident Ma Ying-jeou (Foto: picture alliance / dpa)

Seit Mai 2008 ist Präsident Ma Ying-jeou im Amt - unter ihm verbesserten sich die Beziehungen zum Festland

Aufgrund des umstrittenen Status der Insel sind die politischen Beziehungen zwischen Peking und Taipeh historisch stark belastet. Peking betrachtet Taiwan als abtrünnige Provinz und droht mit militärischen Konsequenzen - falls Taiwan offiziell seine Unabhängigkeit ausruft. Diplomatisch anerkannt wird Taiwan heute nur von insgesamt 22 Ländern - allesamt Staaten in Lateinamerika, Ozeanien und Afrika. Dazu kommt der Vatikan.

"Öffnung lässt sich nicht zurücknehmen"

Lius Bruder lebt bereits in Shanghai - insgesamt sind schätzungsweise ein bis zwei Millionen seiner Landsleute aufs Festland umgesiedelt. Umgekehrt sieht man auch in Taiwan immer mehr Besucher aus Festlandchina. Auf den Nachtmärkten, im Nationalen Palastmuseum, in den Naturparks kann man inzwischen Touristengruppen in allen chinesischen Dialekten durcheinanderreden hören. Noch in diesem Jahr soll Unternehmen vom Festland erlaubt werden, eingeschränkt in taiwanesische Betriebe zu investieren. Und seit Anfang 2011 ist zwischen beiden Seiten das neue Freihandelsabkommen ECFA in Kraft.

Im Juni 2010 unterzeichneten beide Seiten ein Rahmenabkommen über wirtschaftliche Zusammenarbeit (Foto: AP)

Im Juni 2010 unterzeichneten beide Seiten ECFA, ein Rahmenabkommen über wirtschaftliche Zusammenarbeit

Oppositionspolitiker in Taiwan warnen davor, dass chinesische Staatsbetriebe ihren Einfluss missbrauchen könnten, um politische Entscheidungen zu erzwingen. Die Regierung setze die demokratischen Errungenschaften aufs Spiel. Liu Zhonggang bereitet das keine Sorgen. "Die Regierung muss halt ihren Standpunkt gegenüber dem Festland verteidigen." Und auch sein Kommilitone ist zuversichtlich: "Ich glaube, dort verstehen sie unser System gar nicht, sie wissen gar nicht, wie frei es hier zugeht", erklärt er. "Wenn jemand versuchen wollte, unsere Freiheit wieder einzuschränken, dann hätte er keinen Erfolg. Man kann die gesellschaftliche Öffnung nicht einfach wieder zurücknehmen. Die Leute haben ja längst gelernt, eine eigenständige Meinungen zu entwickeln."

Laut Umfragen, die das sogenannte "Komitee für Festlandangelegenheiten" der taiwanesischen Regierung regelmäßig durchführen lässt, ist nur ein Prozent der taiwanesischen Bevölkerung für eine schnelle Wiedervereinigung. Dagegen wollen gut sechs Prozent so schnell wie möglich unabhängig werden. Fast 90 Prozent der Taiwanesen bevorzugen den Status Quo, nachdem Taiwan sich zwar Republik China nennt, sich politisch aber wie ein eigenständiger Inselstaat verhält. Der Pädagogik-Student Stean Yu kann jedenfalls mit dem chinesischen Festland nicht all zu viel anfangen. "China behauptet, Taiwan sei ein Teil des sogenannten Vaterlandes, das zurückkehren müsse", sagt er. "Aber die Geschichte hat sich doch schon viel weiter entwickelt. Taiwan zählt doch heute nicht mehr zu China."

Passagiere des ersten regulären Charterflugs zwischen dem Festland und Taiwan warten im Juli 2008 am Flughafen Pudong in Shanghai (Foto: Ap)

Passagiere des ersten regulären Charterflugs zwischen dem Festland und Taiwan warten im Juli 2008 am Flughafen Pudong in Shanghai

"Wir wollen unser Leben genießen"

Sie alle gehören der ersten Generation an, die nichts anderes kennengelernt hat als ein demokratisches Taiwan. 1987 wurde das Kriegsrecht in Taiwan aufgehoben, Oppositionsparteien zugelassen. In den neunziger Jahren wurde dann zum ersten Mal die Regierung frei gewählt. Auch die zwanzigjährige Chen Naixuan, die Management studiert, kennt Taiwan nur als offene und bisweilen ziemlich streitlustige Gesellschaft. Im vergangenen Jahr hat sie in Hongkong studiert und hatte dort auch mehrere Kommilitonen vom Festland.

Nicht nur in ihren politischen Ansichten unterschieden sich die jungen Festland-Chinesen von ihren Altersgenossen auf Taiwan, erzählt sie. "Sie sind mehr wie die Generation unserer Eltern", sagt sie. Den Studenten aus China sei es darum gegangen, einen guten Job zu finden, viel Geld zu verdienen und ihren Kindern eine gute Zukunft zu ermöglichen. "Wahrscheinlich weil es dort so viele Menschen gibt und sie gelernt haben, dass sie sich durchsetzen müssen." Junge Taiwanesen seien ganz anders, erzählt sie: "Wir entscheiden uns, das zu studieren, was wir selbst wollen. Wir wollen unser Leben genießen, und wir glauben, dass wir etwas Kreatives machen können: etwas, das die Gesellschaft verändert."

Dass man ihr irgendwann diese Freiheit wieder nehmen könnte, glaubt sie nicht. Sicher ist sich Chen Naixuan allerdings nicht, dass sie nicht am Ende doch noch zu einer Bügerin der Volksrepublik China werden könnte. Vielleicht werde Taiwan irgendwann ein zweites Hongkong – wiedervereinigt, aber mit mehr Freiheiten, glaubt sie. "Das Einzige, was ich will, ist ein freies Leben, wirtschaftliche Sicherheit und eine demokratische Gesellschaft."

Autor: Mathias Bölinger
Redaktion: Esther Felden