Genderpricing-Studie: Frauen zahlen drauf | Deutschland | DW | 20.12.2017
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Gleichberechtigung

Genderpricing-Studie: Frauen zahlen drauf

Frauen zahlen vor allem bei Dienstleistungen im Vergleich zu Männern oft mehr. Zu diesem Ergebnis kommt die erste bundesweite Studie, die geschlechterspezifische Preisunterschiede unter die Lupe genommen hat.

Kundin beim Friseur - Genderpricing (picture alliance/dpa/C. Schmidt)

Darf ein Haarschnitt für Frauen wirklich doppelt so teuer sein wie für Männer? Nein, sagt eine neue Studie.

Warum kostet eine Rasierklinge für Männer 3,89 Euro, für Frauen dagegen 4,49 Euro? Der einzige Unterschied zwischen den Produkten: Die Verpackung der Frauenklingen ist rosa, die für Männer dagegen blau. Oder warum sind Frauenhaarschnitte pauschal deutlich teurer als für einen Mann? Oft macht der Preisunterschied zwischen Männer- und Frauenhaarschnitt mehr als 100 Prozent aus, auch wenn die Länge der Haare kaum Unterschiede aufweist.

Die Dienstleistungsbranche rechnet nach Geschlecht ab 

Das sind nur zwei der vielen Beispiele aus der am Mittwoch in Berlin vorgestellten Studie zu Preisdifferenzierungen nach Geschlecht in Deutschland. Im Auftrag der Antidiskriminierungsstelle des Bundes nahmen Preistester erstmals Produkte und Dienstleistungen im gesamten Bundesgebiet unter die Lupe. Sie wollten durch Stichproben herausfinden, wie stark die Preise entlang der Geschlechtergrenzen voneinander abweichen. Das Ergebnis: Während es bei Produkten nur sehr selten zu Preisunterschieden nach Geschlecht kommt, müssen Frauen bei Dienstleistungen häufig draufzahlen.

Die Zahlen sprechen dabei für sich. Von 381 untersuchten Dienstleistungen gab es bei 59 Prozent abweichende Preise für Männer und Frauen, obwohl die Leistung identisch oder nahezu identisch war. Bei Produkten fällt der Unterschied deutlich kleiner aus. Von den 1682 untersuchten Produkten weisen lediglich 3,7 Prozent einen Preisunterschied für Männer und Frauen auf.

Kundin im Drogeriemarkt - Genderpricing (picture alliance/BSIP/S. Alice)

Für Kosmetika und Pflegeprodukte müssen Frauen oft tief in die Tasche greifen. Vielfach lassen sich Preisunterschiede hier aber nicht auf Geschlechterdiskriminierung zurückführen, legt die Studie nahe.

Aus Sicht der Antidiskriminierungswächter muss sich also insbesondere in der Dienstleistungsbranche etwas verändern. "Wenn eine Person allein wegen ihres Geschlechts mehr zahlen muss, dann verstößt das im Grundsatz gegen das Diskriminierungsverbot", sagte die Leiterin der Antidiskriminierungsstelle, Christine Lüders, bei der Vorstellung der Studie.

Beim Friseur und bei der Reinigung ist es extra teuer

In der wirtschaftlichen Realität ist dieser Grundsatz noch nicht verinnerlicht worden. Betroffen ist dabei insbesondere das Friseur- und Reinigungsgewerbe. Bei Kurzhaarfrisuren macht der Preisaufschlag für Frauen im Schnitt 12,50 Euro aus, heißt es in der Studie. Und die Reinigung von Blusen sei im Vergleich zu Hemden im Schnitt 1,80 Euro teurer. Die Studie kommt zu dem Schluss, dass knapp die Hälfte aller alltäglichen Produkte und Dienstleistungen anfällig sind für das so genannte "Gender Pricing".

In der Friseurbranche betrieben demnach sogar 89 Prozent der untersuchten Geschäfte eine solche geschlechterspezifische Preispolitik. Die Leiterin der Antidiskriminierungsstelle des Bundes empfiehlt dem Friseur- und Reinigungsgewerbe, ihre Dienste "eher nach der konkreten Art der Leistung und nicht pauschal nach dem Geschlecht anzubieten". In Österreich habe sich das Friseurgewerbe bereits mit einer Selbstverpflichtung dazu bereit erklärt, geschlechtsneutrale Preislisten auszuarbeiten. "Ein gutes Beispiel", so Lüders. Studienautorin Maria Wersig ergänzt, dass das Geschlecht nicht als "Platzhalter" für den zu erwartenden Aufwand einer Dienstleistung stehen dürfe. Das werde nach heutiger Rechtslage durch das Allgemeine Gleichbehandlungsgesetz ausgeschlossen. Erschwerend hinzukommt, dass Frauen im Schnitt auch deutlich schlechter verdienen als Männer. Der so genannte "Gender Pay Gap" lag im Jahr 2016 bei 21 Prozent - so werden Frauen also doppelt benachteiligt.

Kundin beim Friseur - Genderpricing (picture alliance/PYMCA/Photoshot)

Waschen, Schneiden, Föhnen und Legen: Preise beim Friseur sollten nach der Art der Dienstleistung gruppiert werden, nicht nach Geschlecht.

Inzwischen reagierte auch der Zentralverband des Deutschen Friseurhandwerks auf die Kritik der Studie. Hauptgeschäftsführer Jörg Müller will die bisherige Preispolitik differenzierter verstanden wissen. Frauenhaarschnitte seien in der Tat anspruchsvoller und zeitintensiver als vergleichbare Männerschnitte. Wenn eine Frau einen hundertprozentigen Männerhaarschnitt wolle, solle sie dies vorab mit dem Friseur besprechen. Seinen Verbandsmitgliedern empfiehlt Müller jedoch ein offensiveres Vorgehen: "Wir müssen Preisklarheit und Transparenz schaffen, das ist ganz zentral."

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