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Wirtschaft

Gemischte Gefühle

Die deutsche Wirtschaft lässt die Krise im Rekordtempo hinter sich. Doch zusammen mit anderen Konjunkturdaten bietet sich ein durchwachsenes Bild, meint Henrik Böhme.

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"Deutschland – ein Sommermärchen! – Aufschwung XXL – Deutschland hebt ab!"

Es sind euphorische Schlagzeilen, die dieser Tage die Wirtschaftsseiten der deutschen Zeitungen beherrschen. In der Tat: Auf den ersten Blick sind die Fakten wirklich beeindruckend: Einen solchen Zuwachs der Wirtschaftsleistung im Vergleich zweier Quartale verzeichneten die Statistiker zuletzt vor 23 Jahren in Deutschland. Schon zu Wochenbeginn hatten Zahlen zum deutschen Außenhandel für großen Optimismus gesorgt. Demnach nähern sich die Ausfuhren von Waren "made in germany" wieder dem Niveau vor der Krise an. Diese Entwicklung ist gut für den Arbeitsmarkt, wohl im Herbst wird die Zahl der Jobsuchenden auf unter drei Millionen fallen. Alle Signale für die wirtschaftliche Erholung stehen hierzulande auf Grün.

Drei Gründe, die zur Vorsicht mahnen

Deutsches Programm, Leiter der Wirtschaftsredaktion, Henrik Böhme. Foto: DW/Per Henriksen

Henrik Böhme bremst die Wachstumseuphorie

Also alles wieder gut? Die Krise abgehakt? Ein dynamisches Deutschland als Konjunkturlokomotive Europas, gar der Welt? Zweifel sind angebracht. Die Party könnte schon bald wieder vorüber sein. Erster Grund: Deutschlands Wirtschaft hat auf dem Weg zu alter Stärke gerade mal die Hälfte der Strecke zurück gelegt. Zweiter Grund: Der neue Aufschwung ist wieder vor allem den Ausfuhren zu verdanken. Der private Konsum aber, er hinkt weiter hinterher. Aber genau diese extreme Abhängigkeit vom Export ist gefährlich. Irgendein Schock von außen – eine deutlicher Anstieg des Ölpreises, oder eine Währungskrise – und vorbei ist es mit der schönen Konjunktur. Die Krise hatte es gezeigt: Schließlich ist Deutschlands Wirtschaftsleistung im vergangenen Jahr um dramatische knapp fünf Prozent eingebrochen. Nur milliardenschwere Konjunkturprogramme und eine für den Staat sehr teure Kurzarbeiter-Regelung hat das Schlimmste verhindert.

Die Sorgen der Anderen

Und schließlich der dritte, weitaus gefährlichste Grund, nicht in Euphorie zu verfallen: Die Krisen der Anderen. Während Deutschlands Volkswirte die tollen Zahlen feierten, verbreitete US-Notenbankchef Bernanke große Sorgen über den Zustand der Wirtschaft seines Landes. Gar von "japanischen Verhältnissen" mit Deflation und einem dauerhaft schwachen Wachstum war die Rede. Gibt es also den befürchteten "Double Dip" – also den Rückfall in die Rezession? Auch aus China kamen negative Nachrichten. So gäbe es deutliche Zeichen einer beginnenden Abkühlung der Konjunktur. Zudem bereitet die Immobilienblase im Reich der Mitte vielen Experten große Sorge. Und schließlich der gigantische Schuldenberg in Europa. Hier verkaufen die Deutschen noch immer die meisten Güter. Was aber, wenn die niemand mehr bezahlen kann?

Viele Hausaufgaben

Deutschland ist also aufgefordert, sein Wirtschaftsmodell zu überdenken. Die Abhängigkeit von den Exporten muss kleiner werden, die Binnennachfrage aber gestärkt werden. Doch wie soll das gehen? Zwar geht die Zahl der Arbeitslosen immer weiter zurück, doch immer weniger Menschen haben einen unbefristeten Vollzeitjob. Stattdessen erhöht sich die Zahl derer, die nur 20 Stunden oder weniger pro Woche arbeiten. Mittlerweile jeder vierte deutsche Arbeitnehmer ist davon betroffen. Da bricht nicht der große Kaufrausch aus. Und die, die noch einen Vollzeitjob haben, leiden unter sinkenden Nettolöhnen und stöhnen unter der hohen Abgabenlast, vor allem für die Sozialsysteme. So sparen die Deutschen weiter wie die Weltmeister, statt ihr Geld in die Shopping-Malls zu tragen.

So bleiben nach dem Zahlenfeuerwerk der letzten Tage gemischte Gefühle. Ein bisschen Party nach der langen Zeit der Krise ist erlaubt. Doch schnell sollte man dann wieder an die Arbeit gehen. Sonst wird der nächste Kater umso heftiger.

Autor: Henrik Böhme

Redaktion: Insa Wrede