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Reise

Gemischte Gefühle: Wie New Yorker Juden Deutschland sehen

In New York stehen viele Juden dem Land des Holocausts unversöhnlich gegenüber. Doch dank eines Besuchsprogrammes reisen junge Juden nach Deutschland - und kommen mit überraschenden Befunden zurück.

Synagogen in Deutschland Berlin Oranienburger Straße

Die wieder aufgebaute Synagoge in der Oranienburger Straße ist ein Symbol für das neue jüdische Leben in Berlin

Deutschland macht Judith Sabba Gänsehaut. Sie sei viel gereist, sagt die junge Frau. "Aber ich gebe zu: Deutschland war eine Herausforderung". Judith Sabba ist Jüdin. Ihre Großeltern wurden von Deutschen ermordet und das Andenken daran wird in ihrer Familie wachgehalten. Für einige ihrer Verwandten wäre eine Reise in das Land der Täter von damals undenkbar. Nicht für Judith. Sie ist gereist und mit für sie selbst überraschenden Erkenntnissen heimgekehrt. "Deutschland ist ein modernes Land und Berlin eine wunderbar lebendige, weltoffene Stadt."

Galerie - Jüdisches Leben in Berlin

Mehr als 6000 Stolpersteine erinnern an Berliner, die von den Nazis verfolgt, deportiert und ermordet wurden

Überall in der Stadt bemerkte sie kleine Messingquader auf den Gehwegen, die sogenannten Stolpersteine. Auf ihnen eingraviert sind Namen und Lebensdaten von jüdischen Bewohnern eines Hauses, die von den Nationalsozialisten deportiert wurden. "Diese Stolpersteine haben mich tief bewegt", sagt die junge Frau. "Es macht das Grauen plötzlich persönlich. Und zugleich ist es ein beeindruckendes Zeichen, wie offen Deutschland mit seiner Vergangenheit umgeht."

Louis Mittels Großeltern haben den Holocaust überlebt. "Sie waren Deutsche. Bei uns zu Hause hing immer ein Bild von meinem Urgroßvater in Uniform. In deutscher Uniform! Er kämpfte im Ersten Weltkrieg." Mittel ließ dieser Teil seiner Geschichte nicht los und deshalb wollte er reisen: "Ich wollte einfach mal mit Deutschen reden." Zuerst schien das Land ganz normal. "Es hat ja nun auch keiner erwartet, dass da Nazis durch das Dorf marschieren. Ich wusste, dass Deutschland ein modernes Land geworden ist." Überrascht war er dennoch. "Es ist unglaublich, wie sehr sich das Land gewandelt hat. Das Niveau der Toleranz ist so immens." Und trotzdem stellten sich Fragen: "Einige Konzentrationslager waren ganz dicht an Dörfern oder Städten. Haben die Menschen wirklich nicht mitbekommen, was da passierte? Haben sie es wirklich nicht gewusst?" Wenn Louis ältere Deutsche darauf ansprach, wurden die meisten still. "Sobald sie mitbekamen, dass ich Jude bin, hieß es offenbar: Nur kein falsches Wort sagen."

In New York gibt es Menschen, die nie einen Mercedes kaufen oder Wagner hören würden

New York ist die größte jüdische Stadt der Welt. Ein bis zwei Millionen Juden leben hier. Ohne sie wäre die Stadt nicht das, was sie heute ist. Hier haben Juden seit Generationen die Toleranz gefunden, die es für sie in Europa nicht gab. Auch fast 70 Jahre nach Kriegsende hat Deutschland einen schweren Stand in diesen Reihen. Deutsche Schuld vergeht für viele ebenso wenig wie jüdische Trauer. Deshalb hat die Bundesregierung 2007 das Programm "Germany Close Up“ ins Leben gerufen. Junge Juden werden eingeladen, sich ein eigenes Bild von Deutschland zu machen - und es in die USA zu transportieren. Denn zuweilen ist bei New Yorker Juden das Ansehen Deutschlands schlechter als bei israelischen Juden.

"Gewisse Vorurteile" bestätigt auch Kurt Enger, dessen Vater den Holocaust überlebt hat. Bei seinem Deutschlandbesuch spürte der 42-Jährige eine Beklemmung. "Natürlich war das irrational, es hätte mich ja keiner ins Lager gesperrt. Und trotzdem dachte ich bei jedem Mann um die 80: Was hat er damals wohl gemacht?" Und plötzlich entdeckte er an einer Kneipe in Berlin das Wort "Nazis". Die anderen Worte kannte Kurt nicht, mit einem Schauer fotografierte er das Plakat. Ein Freund sagte ihm später, was es heißt: In Neukölln ist kein Platz für Nazis! "Vielleicht war das nur Oberfläche, vielleicht auch nur eine Art Marketingidee" so Kurt Enger, "aber dieses offene Bekenntnis hat mich wirklich bewegt."

"Germany close up" bringt jedes Jahr 250 jüdische US-Amerikaner nach Deutschland

Jayson Littman

Jayson Littman gehört zu einer Gruppe New Yorker Juden, die auf Einladung der Bundesregierung Deutschland besuchten

Allein die Idee, nach Deutschland zu fahren, brachte einigen New Yorker Juden Fragen, Unverständnis, ja Vorwürfe ein. "Ich bin mit einem Verbot deutscher Produkte aufgewachsen. Ein Volkswagen war für meine Familie ebenso undenkbar wie ein Siemens-Toaster", sagt Jayson Littman. Familienmitglieder fragten ihn, wie er das nur machen könne. "Ich sagte erstmal, dass ich auf einer Reise durch Israel überall deutsche Produkte gesehen hatte. Wenn also dieser Boykott fraglich ist, warum sollte ich mir dann nicht das Land anschauen?" Und er war überrascht, wie sicher und komfortabel das Leben in Deutschland ist. Misstrauen sei ihm nur einmal entgegengeschlagen: "Ausgerechnet in der Synagoge. Wir mussten zehn Minuten Fragen beantworten, bis die überzeugt waren, dass wir wirklich Juden sind." Littman ist homosexuell und bekennt sich offen dazu - nicht leicht in einer orthodox religiös geprägten Umgebung. "Ich wollte sehen, wie das in Deutschland ist. Und Berlin ist irre. Das ist wie New York!" Schwulsein sei für viele völlig normal, aber Littman wurde nachdenklich: "Auch die Schwulen wurden von den Nazis verfolgt und ermordet. Trotzdem gibt es in Berlin eine unglaublich lebendige Schwulenkultur. Warum nur stehen die Juden immer noch so im Abseits?"

"Stehen sie doch gar nicht", sagt Kurt Enger. "Ich war überrascht von der lebendigen jüdischen Kultur in Berlin. Vorher habe ich mich gefragt, wie man als Jude noch in Deutschland leben kann. Hinterher habe ich mir gesagt: Ja klar, natürlich, jetzt erst recht!" Zumal er sich komplett sicher fühlte, mehr als zum Beispiel in Paris. "Einige sagten: Aber in Berlin ist die Polizei vor jeder Synagoge! Ich habe geantwortet, dass auch in New York vor jedem Tempel ein Cop steht."

Hadas Cohen

Hadas Cohen erlebte Deutschland als weltoffene und multikulturelle Gesellschaft

In Israel weiß man mehr über Deutschland als in den USA, behauptet Hadas Cohen. Sie ist selbst Israelin, hat aber in New York studiert. "Wir hatten nie ein Problem mit Deutschland. Nur Neugier." Dabei ist ihre Mutter selbst eine Holocaust-Überlebende. Hadas Cohen war als Kind schon einmal in Berlin, vor dem Mauerfall. "Da gab es noch viele leere alte Häuser und man konnte sich ganz gut in das Damals zurückversetzen." Und jetzt? "Komplett anders! Die Deutschen gehen sehr verantwortungsvoll mit dieser furchtbaren Vergangenheit um. Mich hat die Multikulturalität in den großen Städten total überrascht. Und trotzdem habe ich mich jedes Mal gefragt: Soll ich erwähnen, dass ich Jüdin bin?" Nicht, weil ihre Großeltern in Auschwitz starben. Nicht, weil "Kristallnacht" eines der wenigen deutschen Worte war, die sie als Kind schon konnte. Nicht, weil sie Ablehnung befürchtete. "Ich wollte einfach nicht, dass sich der andere, mit dem ich mich gerade unterhielt, blöd fühlt." Denn kommt die Sprache auf die Juden, würden die Deutschen einsilbig. "Sie sind unsicher, total unsicher. Dabei wollten wir doch einfach nur darüber sprechen."

Trendreiseziel Berlin Flash-Galerie Reichstagskuppel

Die Reichstagskuppel - für Judith Sabba ein Symbol des modernen und demokratischen Deutschlands

Wenn Judith Sabba an Deutschland denkt und an die Frage, wie sich das Land so wandeln konnte, denkt sie an den Reichstag: "Es ist das alte Gebäude mit den alten Traditionen. Und darüber thront diese atemberaubende Kuppel, die so modern und transparent ist. Und sie ist ein unvergleichliches Symbol: Die Menschen können einfach auf die Regierenden herabsehen. Das Volk kann sie kontrollieren und steht über ihnen." Da oben zuckte sie aber auch zusammen. "Ich hörte eine Sirene. In Deutschland klingen die Sirenen anders." Bei aller Moderne, Toleranz und Multikulturalität: Deutschland macht doch Gänsehaut.

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